(Lesen ist hardcore!) Schwarze Schwestern von Chika Unigwe

Zunächst hielt ich „Schwarze Schwestern“ von Chika Unigwe nicht für ein „Harcore!-Buch“, nach ausführlicher Lektüre habe ich meine Meinung allerdings geändert, auch wenn es die Autorin sicher nicht darauf angelegt hat zu provozieren…

41I2Fso9C9L._SX331_BO1,204,203,200_Sisi, Ama, Efe und Joyce sind jung und wissen nicht weiter. In der Hoffnung auf ein besseres Leben lassen sie sich nach Europa schleusen. Dort verkaufen sie Abend für Abend ihre Körper. Unter der harschen Aufsicht einer Zuhälterin teilen sie eine Wohnung, und jede versucht, angesichts der täglichen Demütigungen ihre Würde zu wahren. Als Sisi, die Verschlossenste unter ihnen, ermordet wird, beginnen die übrigen einander ihr Leben zu erzählen. Eine bewegende Geschichte über die Verheißungen Europas, verlorene Illusionen und den Trotz der Selbstachtung. Lebendig und direkt, durchdrungen von der vitalen Kraft afrikanischer Erzähltraditionen.

„Schwarze Schwestern“ erzählt die Geschichten von vier jungen nigerianischen Frauen, die auf unterschiedliche Art und Weise alle am gleichen Ort gelandet sind, nämlich in einem Schaufenster im Rotlichtviertel von Antwerpen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist der Tod einer der Frauen, namentlich Chisom oder auch Sisi, wie sie sich seit ihrer Ankunft in Europa nennt. Ihre Geschichte entfaltet sich nur langsam und zieht dabei einen roten Faden durch die Handlung, die ansonsten ständig zwischen Antwerpen und Afrika hin und her springt. Das Geheimnis um Sisis Tod gilt es zu lüften und nebenbei erzählt mir Chika Unigwe auch noch von Sisis drei Kolleginnen und deren verschlungenen Wegen in die Prostitution und ein Leben in der „Straße der schwarzen Schwestern“.

Während Sisis Geschichte verhältnismäßig pragmatisch ist, sie will ihr eigenes Geld verdienen und in Nigeria gibt es einfach keine interessanten Jobs für gut ausgebildete junge Frauen, reichen die Erfahrungen ihrer drei Kolleginnen von unglücklich bis tragisch. Da ist zum Beispiel Efe, die sich mit knapp sechzehn Jahren von einem wohlhabenden Geschäftsmann hat schwängern lassen und nun ein uneheliches Kind aufzieht. Was schon im modernen Europa schwer ist, wird in Nigeria fast zu einer Unmöglichkeit. Denn Efe muss nicht nur schauen, wo sie das Geld für Essen und Windeln herkriegt, sondern sie muss sich auch noch die Beschimpfungen der Nachbarn anhören, muss sich als Ausgestoßene in einem Land der Großfamilien behaupten.

Dann wäre da noch Ama, die sich als Kind dem religiösen Eifer ihres Stiefvaters unterwerfen musste, während dieser (Schein)Heilige sich nachts in ihr Bett schlich. Natürlich ist am Ende alles ihre Schuld und so wird sie von ihren Eltern verstoßen. Bei einer Tante im fernen Lagos lernt sie den reichen Geschäftsmann Dele kennen, eine Bekanntschaft, die alle vier Frauen gemeinsam haben und die sie eine nach der anderen nach Europa führen wird. Dabei ist Chika Unigwe gnädig mit den nigerianischen Männern, die ihre Frauen in die Prostitution verkaufen. Sie lässt Dele mit offenen Karten spielen und bis auf Joyce, die aus dem vom Krieg zerrütteten Sudan flieht und glaubt in Europa einen Job als Kindermädchen anzutreten, gehen die jungen Frauen alle mit offenen Augen ihrem trostlosen, aber scheinbar unausweichlichen, Schicksal entgegen.

Die Prostitution ist letztlich nur für Sisi Endstation, was dazu führt, dass „Schwarze Schwestern“ trotz des ernsten Themas kein deprimierendes Buch ist. Chika Unigwe geht mit Chancenlosigkeit, häuslicher Gewalt, ja sogar mit Kindesmissbrauch um als wäre es lediglich etwas, das einem Mädchen, bzw. einer jungen Frau, passiert, diese aber nicht definiert – als ob ein solches Erlebnis nichts weiter ist als eine Hürde, die es zu überwinden, ein Problem, das es zu lösen gilt. Und niemand kann dies besser als die vom Unternehmergeist beseelten Nigerianer. Manchmal fällt es mir schwer das so einfach zu glauben; schließlich ist die eigene Geschichte kein altes Kleidungsstück, das man abstreift um sich anschließend ganz neu zu erfinden und die Welt vollkommen neu zu erleben. Doch baut Chika Unigwe ihre Geschichte auf Nachforschungen im Rotlichtviertel und Interviews mit afrikanischen Prostituierten auf. Demnach bin ich wohl diejenige, die an dieser Stelle manche Dinge und Erfahrungen etwas differenzierter sehen muss.

Insgesamt ist „Schwarze Schwestern“ ein überraschend eingängiges Buch, auch wenn das zentrale Thema und die harte Lebensrealität, die es der Leserin näher bringt, sicher nicht jedermanns Sache sein dürften. Ich persönlich tat mich schwer das Buch aus der Hand zu legen, selbst in Momenten in denen mir die Geschichte den Atem nahm. Denn die kleinen Verschnaufpausen, die Chika Unigwe der Leserin gönnt, indem sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die drei Frauen durch die scheinbar undurchdringliche Wolkendecke, die über ihren Köpfen schwebt, brechen lässt, lassen mich immer wieder Kraft schöpfen für die nächsten Seiten, das folgende Kapitel, eine neuerliche Geschichte, so tragisch und ungerecht diese auch sein mag.

Schwarze Schwestern – Chika Unigwe – ISBN 978.3.608.50109.4

Für Leserinnen, die…

  • …einen differenzierten Blick auf das Thema Prostitution werfen wollen.
  • …aus den Zitronen des Lebens (sprichwörtliche) Limonade machen.
  • …sich vom Unglück anderer Menschen nicht abwenden.

Am besten kombiniert mit…

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