(Neuerscheinung) Ein ganz kleines Glück von Camille Anseaume

Nachdem ich vor einiger Zeit Verena Friederike Hasels „Lasse“ nahezu verschlungen habe, griff ich sofort zu, als ich im Katalog der Ullstein Verlagsgruppe ein weiteres Buch zum Thema ungewollte Schwangerschaft entdeckte, auch wenn „Lasse“ und „Ein ganz kleines Glück“ abgesehen vom zentralen Thema nicht viel gemeinsam haben…

Download (3)Camille fällt aus allen Wolken, als sie feststellt, dass sie schwanger ist – noch dazu von einem Mann, mit dem sie nicht viel mehr teilt als ihr Bett. Er will, dass sie abtreibt, und als sie nicht sofort einwilligt, verschwindet er aus ihrem Leben. Für Camille beginnen Wochen voller Zweifel, die sie mit Pro- und Contra- Listen füllt: Soll sie das Baby behalten – allein, als freie Journalistin in Paris, die lieber im Café sitzt als auf Kinderspielplätzen? Natürlich mischen sich Eltern, Freunde, Kollegen mit guten oder weniger guten Ratschlägen ein, allein Camilles Großmutter sieht in der ungewollten Schwangerschaft vor allem ein unverhofftes Glück.

Denn während „Lasse“ von Verena Friederike Hasel ihrer Leserin das „worst-case-scenario“ einer ungewollten Schwangerschaft und anschließenden Mutterschaft im Alleingang auf die Nase bindet, ist „Ein ganz kleines Glück“ um einiges lebensfroher. Das mag daran liegen, dass sich „Ein ganz kleines Glück“ lediglich mit der Schwangerschaft selbst und nicht mit der stressigen Zeit nach der Geburt auseinander setzt. Will die Hauptfigur und Erzählerin, die übrigens wie die Autorin Camille heißt, das Kind nun austragen oder nicht? Der Kindsvater hat sich ausgeklinkt und ihre Familie bietet wenig Rückhalt, traut ihr das Ganze offen gestanden nicht einmal zu. Dieses Tauziehen und das, was in Camille vorgeht, nachdem ihr ungeborenes Kind es schließlich gewonnen hat, ist der Stoff aus dem dieser Roman gemacht ist. Die Leserin hat von der ersten Seite an uneingeschränkten Zugang zu Camilles Gedanken und kann sich doch nicht so recht vorstellen, wie schwer es sein muss, sich im verhältnismäßig zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren ganz alleine mit einer solchen lebensverändernden Entscheidung konfrontiert zu sehen.

Und zunächst einmal weiß Camille selbst nicht so genau, was sie mit der frohen Botschaft umgehen soll. Soll sie abtreiben, was in Frankreich bis zum dritten Schwangerschaftsmonat möglich ist, oder ein Leben als alleine erziehende Mutter wagen? An dieser Stelle wird man als Leserin fast ein wenig wütend auf die anderen Figuren, die sich zum einen aus allem heraushalten wollen, andererseits Camille den Alleingang aber nicht zutrauen. Besonders ihre Mutter scheint fast persönlich beleidigt, als Camille ihr von der ungewollten Schwangerschaft erzählt und macht sich sofort auf den Weg von Rouen nach Paris, um ihr anschließend den Kopf zu waschen. Als Leserin stehe ich auf der Seite der Erzählerin, schließlich färbt ihre Sicht auf die Ereignisse den Ton des Romans und das Licht in dem ich die anderen Figuren sehe, auch wenn manche ihrer Einwände noch so begründet scheinen.

Letztlich setzt Camille nach langem hin und her doch den eigenen Kopf durch und lässt die Fristenlösung verstreichen. Ob das eine gute Entscheidung war, das lässt Camille Anseaume offen, begleitet ihre Hauptfigur nur bis zum Beginn von deren Leben als Mutter. Ihr Fokus liegt bis dahin auf dem, was im Kopf von jemandem vorgeht, der gerade wegen eines Bauchgefühls sein ganzes Leben umkrempelt. Es spricht viel gegen dieses Baby und doch kann Camille sich nicht davon trennen, wendet sich in ihrer Erzählung häufig sogar direkt an das Ungeborene. Ich persönlich habe kein Problem mit Geschichten, die in der zweiten Person Singular verfasst sind, möchte dies aber an dieser Stelle trotzdem erwähnt haben. Denn ich weiß, dass ich damit unter Umständen einer bibliophilen Minderheit angehöre. Schließlich mag nicht jede Leserin von der Erzählerin direkt angesprochen werden.

Die Erzählung als solche ist sehr introspektiv. Camille verbringt viel Zeit damit in ihrem eigenen Kopf hin und her zu wandern, die Leserin immer bei der Hand. Die Straßen von Paris nimmt sie nur am Rande wahr, während sie sie durchstreift auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was nun? Ab und zu verliert sie sich dabei in Erinnerungen an ihre Kindheit, an Urlaube am Meer und den tragischen Tag an dem ihre Mutter hochschwanger ins Krankenhaus ging, später jedoch ohne Baby wieder nach Hause kam. Dieser wirft seinen Schatten über Camilles fortschreitende Schwangerschaft und verweigert ihr die so dringend benötigte Unterstützung ihrer Familie. Camille nimmt es hin und schweigt dazu, konzentriert sich lieber auf die kleinen Freuden ihres Alltags, auf den wachsenden Bauch, der schon bald nicht mehr in die Jeans passt, und auf den Herzschlag ihres ungeborenen Babys.

„Ein ganz kleines Glück“ strahlt, trotz der Hin- und Hergerissenheit der Erzählerin, eine zarte Ruhe aus, die nach und nach auf diese Leserin überspringt. Camille Anseaume konzentriert sich in ihrem Roman auf den Mikrokosmos ihrer Hauptfigur, macht dabei keine großen Sprünge und holt nicht unnötig weit aus. Das macht „Ein ganz kleines Glück“ zu einer sehr intimen Lektüre. Ich fühle mich fast so, als säße die Hauptfigur auf der Armlehne meines Lesesessels und flüstere mir ihre Geschichte ins Ohr. Manchmal sehne ich mich dabei nach mehr Handlung, nach einem etwas größeren Panorama, auf das die Autorin meine Aufmerksamkeit lenkt. Doch bringt es nichts sich an solchen Kleinigkeiten aufzuhängen. Nimmt man dieses Buch nämlich für das was es ist, eine Meile in den Schuhen einer jungen Pariserin, die sich mit der wohl schwersten Entscheidung ihres Lebens konfrontiert sieht, dann verblassen die wenigen Kritikpunkte nach und nach, und machen es dieser Leserin möglich sich ganz auf die schüchterne Schönheit der Erzählung zu konzentrieren.

Ein ganz kleines Glück – Camille Anseaume – ISBN 978.3.471.35122.2

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal ungewollt schwanger waren.
  • …kleine, intime Geschichten großen, weitschweifenden Entwicklungsromanen vorziehen.
  • …keine Probleme damit haben von der Erzählerin geduzt zu werden.

Am besten kombiniert mit…

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