(Sachbuch) Alice im Hungerland: Leben mit Bulimie und Magersucht von Marya Hornbacher

Nachdem mir „Zu leicht für diese Welt“ von Emma Woolf so gut gefallen hatte, ging ich auf die Suche nach ähnlichen Autobiografien und stieß schon bald auf das angebliche Standardwerk zum Thema…

41XViHAYe1L._SX317_BO1,204,203,200_ (1)Marya Hornbacher ist durch die Hölle gegangen: Mit neun Jahren wird sie bulimisch, später magersüchtig – bis sie mit 23 Jahren nur noch 26 Kilo wiegt. Die Ärzte geben ihr noch eine Woche, aber Marya überlebt dank ihrer Willenskraft. Ohne auf gängige Erklärungsmuster zu vertrauen, schildert sie rückhaltlos offen eine schreckliche Odyssee, die doch noch ein gutes Ende nimmt.

„Alice im Hungerland“ ist die klassische Magersüchtigenbiografie und somit nicht unbedingt, was ich erwartet, bzw. mir erhofft hatte, als ich das Buch zur Hand nahm. Marya Hornbacher wächst in der Theaterszene auf, als Tochter eines Regisseurs und einer Schauspielerin, beide mit einer schwierigen Beziehung zum Essen. Während die Mutter bei jeder Mahlzeit die exakt gleiche Menge an Nahrung nachlässt, belohnt sich der Vater mit Fast Food – der Grundstein zu Maryas späteren Problemen scheint also vom Elternhaus gelegt oder vielleicht sogar genetisch bedingt zu sein. Zumindest stellt die Autorin es in ihrem Buch so dar, wer weiß wie viel davon Wunschdenken und rückwirkende Schuldzuweisungen sind.

Im Grunde hat Marya kein dunkles Geheimnis, das sie zum Hungern treibt und demnach ist es auch so erschreckend, dass sie sich damit an die Schwelle zum Selbstmord manövriert. Eine Todessehnsucht, die aus Marya selbst zu erwachsen scheint, eine Sucht nach Kontrolle, nach hervorstehenden Knochen und eingefallenen Wangen, die gängige Schönheitsideale in Frage stellt. Marya hat eine Wespentaille und darunter spitze Hüftknochen und darüber eine Schicht flaumiges Fell, das die Haut überzieht, wo kein Fett mehr ist um die Körpertemperatur konstant zu halten. Marya ist stolz auf ihren Pelz, doch ich als Leserin kann mich nur noch schütteln, wenn ich merke, wie nahe die Erzählerin dem Abgrund schon gekommen ist.

Etliche Male wird Marya in die psychiatrische Klinik eingewiesen und manchmal hilft es sogar und oft unverhofft. Doch es soll Jahre dauern, bis sie erste Erfolge im Kampf gegen die Krankheit verbuchen wird können. Eine Krankheit, die nach all den Jahren chronisch geworden ist und immer noch unter Maryas Stuhl hockt und lauert, jedes Mal, wenn sich die junge Frau zum Essen hinsetzt. Jahrelanger Abführmittelmissbrauch haben ihren Magen-Darm-Trakt zerstört und machen Verdauung, eine der wenigen Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens, zu einem Akt des Willens. Doch wenn es Marya an einem nie zu mangeln scheint, nicht einmal im Angesicht des Hungertodes, dann ist es Willenskraft.

Auch wenn der deutsche Titel dieses Buchs etwas rührselig, ja vielleicht sogar kitschig klingt – im Original heißt das Buch „Wasted“ (übers.: verbraucht/verschwendet). Straft der Inhalt, die Geschichte von Marya Hornbacher, das deutsche Marketing Lügen. Denn es geht hier um viel mehr als nur um Magersucht, auch wenn diese Krankheit die junge Marya bald völlig zu vereinnahmen scheint. „Alice im Hungerland“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich von ihrer Familie frei zu schwimmen versucht und dabei falschen Freunden, falschen Idealen zum Opfer fällt, Abführmitteln und Size Zero zum Beispiel. Es ist die Geschichte ihres Kampfes gegen die Kontrolle, gegen ihre angeborene Todessehnsucht. Ich habe mitgekämpft und bin nun ähnlich lädiert, wie Marya selbst.

Alice im Hungerland: Leben mit Bulimie und Magersucht – Marya Hornbacher – ISBN 978.3.548.37295.2

Für Leserinnen, die…

  • …sich von einer Diät zur nächsten hungern.
  • …sich lieber mit den Problemen anderer Leute beschäftigen.
  • …nicht so leicht zu schockieren sind.

Am besten kombiniert mit…

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