(Backlist) Wovon wir träumten von Julie Otsuka

In einem Versuch mehr japanische Autoren zu lesen, griff ich im Buchladen auch zu diesem Roman und merkte erst bei genauerem Hinsehen, dass die Autorin eigentlich US-Amerikanerin ist. Thematisch baut ihr Buch eine Brücke zwischen ihrem Land und dem ihrer Eltern und Großeltern…

Download (41)»Auf dem Schiff waren die meisten von uns Jungfrauen.« So beginnt die berührende Geschichte einer Gruppe junger Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als picture brides von Japan nach Kalifornien reisen, um japanische Einwanderer zu heiraten. Bis zu ihrer Ankunft kennen die Frauen ihre zukünftigen Männer nur von den strahlenden Fotos der Heiratsvermittler, und auch sonst haben sie äußerst vage Vorstellungen von Amerika, was auf der Schiffsüberfahrt zu wilden Spekulationen führt: Sind die Amerikaner wirklich behaart wie Tiere und zwei Köpfe größer? Was passiert in der Hochzeitsnacht? Wartet jenseits des Ozeans die große Liebe? Aus ungewöhnlicher, eindringlicher Wir-Perspektive schildert der Roman die unterschiedlichen Schicksale der Frauen: wie sie in San Francisco ankommen (und in vielen Fällen die Männer von den Fotos nicht wiedererkennen), wie sie ihre ersten Nächte als junge Ehefrauen erleben, Knochenarbeit leisten auf den Feldern oder in den Haushalten weißer Frauen (und von deren Ehemännern verführt werden), wie sie mit der fremden Sprache und Kultur ringen, Kinder zur Welt bringen (die später ihre Herkunft verleugnen) – und wie sie nach Pearl Harbor erneut zu Außenseitern werden.

Wenn man – in diesem Fall ich – „Wovon wir träumten“ zum ersten Mal in die Hand nimmt, kommt es einem noch völlig unscheinbar vor. Ein schmales Buch mit einem verträumten Cover und kaum 200 Seiten zwischen den Buchdeckeln. Schlägt man diese jedoch auf, merkt man schon auf den ersten paar Seiten, dass man diesen Roman kellertief unterschätzt hat. Denn „Wovon wir träumten“ erzählt nicht nur die Geschichte einiger japanischer Einwanderer in den Westen der USA vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Dieses Buch, so bescheiden es sich auch herausgeputzt hat, erzählt die Geschichte einer ganzen Generation.

Für diese Erzählung, die so viele junge Einwanderinnen und ihre Familien umfasst, wählt Julie Otsuka die erste Person Plural, spricht im Laufe ihrer Erzählung also von einem WIR, das übersetzt, ankommt und sich ein neues Leben aufbaut. Das mag für den unbedarften Leser zunächst einmal einiges an geistiger Umstellung erfordern. Ich persönlich musste mich auch erst einmal in diese Flut an Aussagen über eine Figurenpopulation, die sich nicht einfach so auf eine Erlebniskette reduzieren lässt, einstellen – und das trotz meiner Vorliebe für stilistisch experimentelle Bücher. Was im einen Satz behauptet wird, das wird im nächsten auch schon wieder negiert. Denn die Schicksale, welche Julie Otsuka in ihrem Roman bündelt, gleichen sich nur in Ansätzen.

Demnach ist auch das Leseerlebnis wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Während die namenlose Japanerin A sich an Bord des Schiffes, das sie in die USA bringt unsterblich in einen Matrosen verliebt, dem sie ihr Leben lang nachtrauert, kann die namenlose Japanerin B an niemand anderes denken als ihren zukünftigen Ehemann und die namenlose Japanerin C kann an gar nichts denken, denn sie ist so seekrank, dass die Überfahrt zur Folter wird. Angekommen erfahren die blutjungen Frauen auf der Suche nach einer besseren Zukunft erst einmal eine Enttäuschung. Die jungen Männer auf den Fotos, die sie während der Überfahrt an ihre Herzen drückten, gibt es nicht und hat es in manchen Fällen auch nie gegeben. Doch umkehren, zurück in den Schoß einer verarmten Familie flüchten und dieser so Schande bringen, das können die enttäuschten Frauen auch nicht.

So arrangieren sie sich mit einem harten Leben als Landarbeiter oder Hilfskräfte in der Stadt, die ganz besonders Unglücklichen werden von ihren Männern anschaffen geschickt. Kinder werden geboren, die Früchte des Drängens und Bittens von Seiten des alternden Ehemannes, von brutalen Vergewaltigungen und manchmal sogar von aufrichtiger Liebe. Ein Kind folgt auf das nächste, sie wachsen heran, die jungen Frauen werden alt und so spinnt Julie Otsuka ihren Faden bis zur Zeit des Angriffs auf Pearl Harbor und der anschließenden Internierung japanischer Staatsbürger. Auf die Bedingungen in den Lagern geht sie nicht ein, stattdessen wechselt sie die Perspektive und lässt den Leser durch die Augen der weißen Bevölkerung schauen, deren japanische Nachbarn vom einen auf den anderen Tag einfach weg sind, deren Besitz gestohlen oder verkauft wird und langsam verfällt.

Bei dem Versuch alle Geschichten der Generation Pearl Harbor auf einmal zu erzählen bleibt der Tiefgang natürlich auf der Strecke. Jede Frau, jede Familie kriegt nicht mehr als einen Satz, der ihre Situation auf den Punkt bringt und auch wenn dieser Satz eine Klinge sein kann, die mir Rillen ins Herz schneidet, hat er doch ähnlich viel Aussagekraft wie ein Status-Update bei Facebook. Wer sich in das Schicksal einer Familie vertiefen will, um sich so dem Thema frühe japanische US-Einwanderung zu nähern, für den ist „Wovon wir träumten“ ganz sicher viel zu oberflächlich. Doch mich persönlich hat der Roman für die Lebensrealitäten der von Julie Otsuka beschriebenen jungen Frauen sensibilisiert und das alleine schon, macht jegliche, kleine Unzulänglichkeiten wieder wett.

Wovon wir träumten – Julie Otsuka – ISBN 978.3.866.48179.4

Für Leserinnen, die…

  • …sich einen Überblick über das Schicksal der japanischen US-Einwanderer Anfang des 20. Jahrhunderts machen wollen.
  • …für stilistische Experimente offen sind.
  • …bereit sind sich für ein relativ schmales Buch viel Zeit zu nehmen.

Am besten kombiniert mit…

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3 Kommentare zu „(Backlist) Wovon wir träumten von Julie Otsuka“

  1. Das Buch landete vor Jahren auch auf meiner Wunschliste, nachdem unsere Buchhändler es uns begeistert vorstellten.Gerade den Punkt der Erzählerpespektive fand ich eine spannende Herausforderung. Irgendwann beim Aufräumen der Wunschliste flog „Wovon wir träumten“ dann aber wieder runter, weil es kein Herzenswunschbuch war. Du hast das kleine Büchlein nun wieder in meinen Fokus gerückt und mich daran erinnert, dass ich ja einmal im Gebrauchtbuch-Bereich danach suchen könnte.

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  2. Falls mir das Buch einmal über den Weg laufen würde, würde ich es nach deiner Rezi zumindest näher ansehen. Auch wenn ich zugegeben skeptisch bin, ob es bei mir gut ankommen würde. Aber die Neugierde ist geweckt.

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