(Backlist) Der Liebhaber meines Mannes von Bethan Roberts

Lange stand dieser Roman ungelesen in meinem Regal, was bei meiner Buchshoppingsucht leider kein ungewöhnlicher Zustand ist. Als ich den Klappentext neulich wieder einmal las, da wusste ich allerdings, dass es nun so weit ist, und mein Bauchgefühl hat mich was diesen Roman angeht nicht enttäuscht…

Download (27)Marion ist hingerissen von Tom, dem großen Bruder ihrer besten Freundin, einem unverschämt gut aussehenden jungen Mann mit blonden Locken und blauen Augen. Gleich bei der ersten Begegnung, da sind sie noch Teenager. Für sie ist er der Mann ihres Lebens, und so übersieht sie alle Zeichen, jeden Hinweis, dass Tom sich nicht für sie interessiert. Nicht für sie als Frau. Trotzdem hofft sie auf einen Heiratsantrag, und als er ihn endlich macht, ist sie glücklich. Ihre Liebe wird für sie beide reichen. Aber Tom hat ein anderes Leben, ist in andere Gefühle verstrickt. Sein ganzes Interesse gilt Patrick, dem Kurator des Museums in Brighton, der sich in Tom verliebt hat und ihm eine völlig neue Welt eröffnet. Für Tom ist die Ehe das sichere Versteck in einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich und gesetzlich geächtet ist. So teilen ihn die beiden Liebenden, bis einer es nicht mehr aushält und drei Leben ruiniert. Bethan Roberts erzählt diesen Roman aus Marions und aus Patricks Perspektive, zärtlich und mit großer Empathie. Es ist eine Geschichte verschwendeter Jahre, unmöglicher Liebe und durchkreuzter Hoffnungen in den 60er-Jahren, als sich die radikale Veränderung, wie man lebt und liebt, schon ankündigte, aber noch lange nicht lebbar war.

In ihrem Roman „Der Liebhaber meines Mannes“ erzählt Bethan Roberts die Geschichte einer Frau, deren Leben eigentlich glücklich sein könnte. Jung hat sie geheiratet und zwar den Bruder ihrer besten Freundin, den sie schon seit Jahren aus der Ferne bewunderte. Seine Größe hat es ihr angetan und seine breiten Schultern vom Schwimmen im Meer. Doch wie der Titel schon andeutet, kommt es nicht so, wie Marion es sich erträumt hat. Als Leserin griff ich natürlich gerade deshalb zum Buch. Doch muss ich während der Lektüre hier und da schon schwer an meinen Gefühlen schlucken. Denn Toms lieb- und oft sogar etwas respektloser Umgang mit seiner Angetrauten macht mir das Herz schwer, auch wenn ich seine Unzufriedenheit innerhalb der Ehe im Grunde nachvollziehen kann.

Bethan Roberts erzählt die Geschichte der Dreiecksbeziehung wider Willen auf zweierlei Art. Zunächst einmal ist da ein Brief, den Marion an Patrick, den Liebhaber ihres Mannes, schreibt. Dieser wurde unlängst von einem schweren Schlaganfall bettlägrig gemacht und wird nun von ihr gepflegt, während Tom sich aus allem heraus hält und sich sogar weigert den ehemaligen Geliebten in seinem Zimmer zu besuchen. Die Ausgangssituation des Romans ist kurios und als interessierte Leserin frage ich mich sofort, wie sie denn zustande kam. Doch noch muss ich mich etwas gedulden, des Rätsels Lösung wird mir nicht so einfach serviert. Marions Brief führt mich zurück an den Anfang, bevor sie und Tom heirateten. Er ist ein Versuch Patrick wissen zu lassen, dass nicht nur er und Tom unter ihrer heimlichen Liebe gelitten haben, ein Versuch klar zu stellen, dass sie hier nicht die Böse ist.

Dann ist da noch Patricks Tagebuch, mit dem er die Lücken in Marions Erzählung füllt. Immer dann wenn Tom aus dem gemeinsamen Haus geht und seine junge Frau sich fragt, wohin er bloß gegangen ist und wann er wieder zu ihr zurück kommt – und warum er ihr bei all der ehelichen Nähe doch so fern bleibt – setzen die Tagebuchaufzeichnungen von Patrick an. Hatte ich die beiden Männer vorher noch verteufelt, denn das Herz der jungen Marion brach auf jeder Seite aufs Neue, fange ich nun an Empathie für ihre Situation zu entwickeln. Warum man jemanden heiratet, den man nicht liebt, nie wird lieben können und diesen Menschen dann jahrelang belügt und betrügt, werde ich nie verstehen können. Was mir jedoch bald klar wird ist, dass Tom und Patrick nicht anders können, nicht voneinander lassen können, selbst wenn die Gesetzeslage äußerst prekär ist.

Nach und nach verbinden sich beide Erzählstränge zu einem Ganzen und es wird aufgelöst, warum Marion nach Jahren des Schweigens den Liebhaber ihres Mannes ins Haus holt. Was allerdings nicht beantwortet wird ist, warum sie und Tom auch nach zig Jahren noch ein Paar sind, auch nachdem das britische Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stellt, abgeschafft worden ist und keiner der beiden sich mehr die Mühe macht so zu tun, als läge ihm etwas am anderen. Dabei hat Marion augenscheinlich einen Grund wütend zu sein. Doch Toms passiv-aggressive Art ist mir etwas schleierhaft und nach wie vor bin ich geneigt die, nun nicht mehr ganz so junge, Frau als Opfer ihrer Umstände wahrzunehmen. Ob dies an mir und meinem Frauenbild liegt oder ob Bethan Roberts das beim Schreiben so beabsichtigt hat, das bleibt an dieser Stelle wohl Ansichtssache.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb – weil er mit der eigenen Perspektive spielt und ständiges Neufokussieren des eigenen Einfühlungsvermögens fordert – ist „Der Liebhaber meines Mannes“ ein rundherum gelungener Roman. Bethan Roberts macht keine Experimente und lässt die Geschichte und die darin liebenden und leidenden Figuren für sich selbst sprechen. Bei einem so interessanten, wenn auch tragischen weil diskriminierenden Thema, ist das eine gute Entscheidung gewesen. Denn diese Geschichte fesselt mich als Leserin so sehr, dass sich die Seiten fast wie von selbst umblättern, damit ich mich ganz und gar in die Welt der Figuren vertiefen kann, und am Ende nur widerwillig wieder daraus auftauche.

Der Liebhaber meines Mannes – Bethan Roberts – ISBN 978.3.888.97816.6

Für Leserinnen, die…

  • …eine etwas andere Dreiecksromanze suchen.
  • …sich eine Geschichte am liebsten nach und nach erarbeiten.
  • …sich im Brighton der 60er Jahre umschauen wollen.

Am besten kombiniert mit…

Download (23) 51olxP7RstL._SX311_BO1,204,203,200_ 51hnVFc+VbL._SX304_BO1,204,203,200_Download (26)

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