(Backlist) Der Weg der Töchter von Yejide Kilanko

Dieses Buch schlummerte lange in meinem Regal vor sich hin, bevor ich es zur Hand nahm. Auf der Suche nach einer interessanten Geschichte ohne viel erzählerischen Spielkram, kam ich nun aber nicht mehr daran vorbei…

51Zv6OpjmYL._SX303_BO1,204,203,200_Das Mädchen Morayo erlebt das Erwachsenwerden behütet, aber voller Tabus: es wird eine Odyssee, aus der sie stark und voller Zukunftspläne hervorgeht. Sie ist pfiffig und temperamentvoll, die kleine Morayo, die mit ihrer geliebten Schwester in einer modernen nigerianischen Familie aufwächst. Eine herrliche Großfamilie, wo viel gekocht und gefeiert, aber auch hart gearbeitet wird. So ist es das Normalste der Welt, dass Bros T, der charmante, etwas halbstarke Cousin der Mädchen hier aufgenommen wird. Anfänglich ist Morayo begeistert von diesem Familienzuwachs, aber dann überfordert, als Bros T sie nachts bedrängt… Ein dichtes Netz des Schweigens legt sich plötzlich über das Haus, und Morayo erfährt von ihren Eltern keinen Trost, im Gegenteil, es ist, als sei sie selbst schuld. Bei Morenike, die seinerzeit ein ähnliches Schicksal erlitten hat, findet sie ein neues Zuhause und eine weibliche Verbundenheit, die sie zu einer starken und engagierten Persönlichkeit werden lässt. Das erkennt auch Kachi, Morayos erste Liebe aus der Schulzeit.

In ihrem beeindruckenden Debüt setzt sich Yejide Kilanko mit dem Leben nigerianischer Frauen auseinander. Als Sprachrohr nutzt sie ihre Hauptfigur und Erzählerin Morayo, die auf dem Weg zu ihrem Happy End einige Hürden überwinden muss. Durch ihre Geschichte lernt diese Leserin zu verstehen, was es heißt im modernen Nigeria Frau zu sein, was es junge Nigerianerinnen kostet sich zu emanzipieren und wo frau dem eigenen Freiheitsdrang Grenzen setzen muss, um nicht ihre Chance aufs große Glück, bzw. die große Liebe zu verpassen. Ein Drahtseilakt auf fast 400 Seiten, den Morayo nicht immer ganz unfallfrei meistert und den Autorin Yejide Kilanko überaus ansprechend präsentiert. „Der Weg der Töchter“ ist steinig, aber es lohnt sich sehr ihn (in diesem Fall literarisch) zu beschreiten.

Die Geschichte beginnt mit der Geburt von Morayos kleiner Schwester Eniayo, die für einiges an Aufregung innerhalb der Familie sorgt, denn Eniayo ist ein Albino. In Nigeria bedeutet das eigentlich nichts Gutes, doch lassen sich Mutter und Schwester nicht davon abhalten das kleine rosa Bündel, das zu einer wortgewandten oft regelrecht frechen jungen Frau heranwachsen wird, in ihr Herz zu schließen. Trotzdem scheint sich die Prophezeihung des „afin“ geborenen Kindes letztlich doch zu bewahrheiten, zumindest für Morayo. Denn als ihre Familie den verhaltensgestörten Sohn ihrer Tante aufnimmt, beginnt für das heranwachsende Mädchen ein monatelanger Albtraum aus Missbrauch, Scham und Angst vor sozialer und familiärer Ablehnung.

Als die kleine Schwester das nächste Opfer zu werden scheint, bricht Morayo schließlich doch ihr Schweigen. Der Täter wird im folgenden zwar aus der Familie entfernt, muss aber nicht mit rechtlichen Konsequenzen rechnen, was wie die Leserin bald darauf erfährt die Regel ist. Das Opfer jedoch wird zur Frau zweiter Klasse, sozial ausgestoßen, so wie es Morayos Tante Morenike passiert, die nach einer Vergewaltigung schwanger wird. Das sind bittere Wahrheiten über die Lebensrealität nigerianischer Frauen und Mädchen, die Yejide Kilanko mir hier auftischt, oft bleiben sie mir im Halse stecken und drohen mich so fast zu ersticken. Es wäre so einfach das Buch an dieser Stelle weg zu legen, weg zu schauen. Denn auch wenn ich mir darüber im klaren bin, dass ich einen Roman vor mir habe, ist meine Wut über die Ungerechtigkeit der beschriebenen Gesellschaft nur zu real.

Was mich letztlich dazu bewogen hat meine Lektüre fortzusetzen ist, dass dieses Buch nicht nur aus bösen, bzw. rücksichtslosen Männerfiguren besteht, sondern auch aus einem farbenfrohen Mix aus mutigen und humorvollen Frauenfiguren, die das beste aus dem machen, womit sie sich konfrontiert sehen, die ihr Kind lieben lernen, auch wenn sie dessen Vater hassen, die nach all der Gewalt immer noch an die Liebe und das Gute im Menschen glauben, die einander die Kraft geben nach dem Glück zu streben, auch wenn es manchmal unerreichbar scheint. Erzählerin Morayo, ihre freche Schwester Eniayo und besonders die weise, einfühlsame Tante Morenike sind die Sternstunden dieses Romans, mit ihnen möchte ich meine Zeit verbringen, sie möchte ich näher kennen lernen.

„Der Weg der Töchter“ ist ein Roman, der mehr zu bieten hat, als nur eine gute Geschichte. Als Leserin lerne ich viel darüber, was es heißt als Mädchen in Nigeria, fernab der Metropole Lagos, aufzuwachsen und trotz oft widriger Umstände zu einer selbstbewussten jungen Frau zu werden. Ich liebe und leide mit Morayo und den Frauen, die sich Zeit ihres Lebens um sie scharen. Ich werde für die Dauer des Romans ein Teil der Familie und nicht immer führt das an meinem Ende zu Zufriedenheit und Wohlempfinden. Dann wiederum lässt Yejide Kilanko auch immer wieder die Sonne durch die Wolkendecke brechen, die oft über dem Leben von Morayo schwebt. Schweren Herzens nehme ich also Abschied, werde meine Zeit auf dem „Weg der Töchter“ aber wohl so schnell nicht wieder vergessen.

Der Weg der Töchter – Yejide Kilanko – ISBN 978.3.862.20037.5

Für Leserinnen, (für) die…

  • …sich für die nigerianische Kultur interessieren.
  • …eine gute Geschichte zu schätzen wissen.
  • …Mädchen und Frauen die wahren Helden sind.

Am besten kombiniert mit…

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Ein Gedanke zu „(Backlist) Der Weg der Töchter von Yejide Kilanko“

  1. Danke, liebe Katarina, dass du uns dieses – hier weitestgehend unbekannte – Buch so schmackhaft machst! Der Titel kommt auf meine Merkliste – auch wenn ich fürchte, dass ich während der Lektüre nahezu durchgehend von Wut erfüllt sein werde, da es mir immer wieder unbegreiflich scheint, dass in so vielen Teilen der Erde die Gesellschaft vergewaltigten Frauen noch immer eine (Mit-)Schuld gibt und die Männer weiterhin hochgeachtet durch die Welt spazieren dürfen…

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