(Lesen ist hardcore!) Die MaddAddam Trilogie von Margaret Atwood – Teil 2: Das Jahr der Flut

Nachdem mich der erste Teil von Margaret Atwoods post-apokalyptischer Trilogie „Oryx und Crake“ so beeindruckt hatte, habe ich nicht lange gezögert den zweiten Teil zur Hand zu nehmen…

51bIMeiqk6L._SX311_BO1,204,203,200_Hoch auf den Dächern der Stadt, dem Himmel am nächsten, liegt das Paradies. Seine Bewohner nähren sich von Gemüse, Früchten und Honig und kultivieren ihren Garten Eden, den sie dem Waste Land einer Stadt jenseits der drohenden Klimakatastrophe abgetrotzt haben. Die junge, kämpferische Toby findet Zuflucht in dieser Gemeinschaft der „Gärtner Gottes“, nachdem sie durch die Maschen der Gesellschaft gefallen ist, die von einer rigiden, militärisch organisierten Wirtschaftsorganisation regiert wird. Hier trifft sie auf Ren, die spätere Trapeztänzerin, auf die anarchische Amanda und Jimmy, der zu ihnen allen in einer ganz speziellen Beziehung steht.

Der zweite Teil der „MaddAddam“-Trilogie hat wenig gemeinsam mit seinem Vorgänger „Oryx und Crake“. Wer wissen möchte, wie es mit Schneemann und den Crakers weiter geht, der tappt auch nach der Lektüre von „Das Jahr der Flut“ noch im Dunkeln. Denn beide Geschichten spielen zwar in der selben post-apokalyptischen Welt, doch läuft ihre jeweilige Handlung ungefähr parallel zueinander ab. Während die Hauptfiguren von „Oryx und Crake“ in den abgeschirmten Siedlungen verschiedener Unternehmen aufwachsen, leben die Heldinnen von „Das Jahr der Flut“ als Mitglieder der Sekte „Gottes Gärtner“ in den Pleablands, den Armenvierteln der Welt von Schneemann, Crake, MaddAddam und Co. Hier harren sie der wasserlosen Flut, hier wird ihre Geschichte zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung und verbindet sich nach und nach mit der von Schneemann, Crake und MaddAddam.

Die Hauptrolle spielen hier mal nicht zwei Männer, namentlich Jimmy alias Schneemann und sein Schulfreund Crake, sondern die exotische Tänzerin Ren und die Hausmeisterin einer Schönheitsfarm, mit Namen Toby. Beide sind von der Epidemie, die den größten Teil der Menschheit ausgelöscht hat, verschont geblieben. Ren war zur Zeit des Ausbruchs im Quarantänebereich, auch genannt „sticky zone“, des Clubs in dem sie arbeitet gefangen und beginnt dort ihre Geschichte zu erzählen. Toby kümmert sich derweil um den Gemüsegarten der Schönheitsfarm, auf der sie ähnlich wie Schneemann im ersten Teil als einzige Überlebende gegen marodierende Pagoons ankämpft. Diese scheinen es mit der Zeit richtig auf sie abgesehen zu haben, was sie irgendwann auch dazu zwingt sich aus dem engeren Umfeld der Schönheitsfarm zu wagen – das Abenteuer von Ren und Toby beginnt also.

Wie schon im ersten Teil der Trilogie wird „Das Jahr der Flut“ zunächst fast ausschließlich im Rückblick erzählt. Während die Leserin, also ich, zusammen mit Ren darauf wartet, dass jemand sie aus dem Quarantänebereich heraus lässt, erzählt sie mir von ihrer Kindheit bei den Gärtnern Gottes, davon wie ihre Mutter aus Leidenschaft ihr privilegiertes (Ehe)leben aufgegeben hat, um sich der Sekte ihres Liebhabers anzuschließen, davon wie Ren eines Tages auf die pleabland Göre Amanda trifft und diese kurzerhand mit nach Hause nimmt. Amanda ist ebenso wie Toby eine der Figuren aus Rens Geschichte, die man als Leserin im Laufe des Romans immer wieder trifft. Amandas Einfluss auf die Handlung reicht dabei bis zwischen die Seiten von „Oryx und Crake“ zurück und langsam fügt sich eins ins andere.

Auch in „Das Jahr der Flut“ ist Margaret Atwood mal wieder alles andere als zimperlich mit ihren Figuren. Gewalt, besonders sexueller Natur, steht für Toby, Ren und später auch Amanda an der Tagesordnung. Ich persönlich stelle an diesem Punkt fest, dass ich das Buch abends gar nicht mehr lesen kann, da mich die Wut über die Ungerechtigkeit der Welt vor und nach der wasserlosen Flut wach hält. Denn dieser Roman verlangt besonders von seinen LeserINNEN ein dickes Fell und das wächst bei mir leider nur widerwillig, bzw. schaffe ich es irgendwie nicht über die Dauer der Handlung für deren Grausamkeiten ausreichend abzustumpfen. Trotzdem konnte ich den Roman nie lange weg legen, schließlich merkt man, dass Margaret Atwood sich mit der Komposition ihrer Dystopie viel Mühe gegeben hat und sich in der Konsequenz mal wieder selbst übertroffen hat.

Wer schon „Oryx und Crake“ verschlungen hat, der kommt auch an „Das Jahr der Flut“ nicht vorbei. Die Geschichte ist ganz anders als die des Vorgängers und doch liefert sie die gleiche Zitterpartie um das Wohlergehen, und viel zu oft sogar das nackte Überleben, der Figuren und übt dementsprechend eine ähnliche Anziehungskraft auf mich aus. Dabei ist „Das Jahr der Flut“ wie anfangs schon erwähnt keine Fortsetzung von „Oryx und Crake“ sondern vielmehr eine Ergänzung. Die Leserin lernt Jimmys Collegefreundin Amanda besser kennen und merkt bald schon das auch Rens Geschichte eng mit der, der beiden Hauptfiguren aus dem ersten Band verbandelt ist. Insofern liefert „Das Jahr der Flut“ komplexe, atmosphärisch dichte und oft unverhohlen gesellschaftskritische Unterhaltung für Leserinnen, die sich in eine düstere, weil utopisch-dystopische und später post-apokalyptische, Welt hinein träumen wollen.

Das Jahr der Flut – Margaret Atwood – ISBN 978.3.827.00884.8

Für Leserinnen, die…

  • …wissen wollen wie es mit „Oryx und Crake“ weiter geht.
  • …die post-apokalyptische Welt der Trilogie nicht so schnell wieder verlassen möchten.
  • …nach einer überaus atmosphärischen Lektüre suchen.

Am besten kombiniert mit…

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Ein Gedanke zu „(Lesen ist hardcore!) Die MaddAddam Trilogie von Margaret Atwood – Teil 2: Das Jahr der Flut“

  1. „Die Geschichte von Zeb“ klärt noch einiges weiter auf, führt aber auch die Geschichte weiter. Vielleicht ist die Zukunft ja anders als zuerst angenommen?! Es war auf jeden Fall mein liebster Teil von allen dreien, was selten ist, da ja meistens der erste Teil der Beste ist.

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