(Backlist) Alles glitzert von Véronique Ovaldé

Der Titel allein war schon Grund genug für mich mir diesen Roman etwas genauer anzuschauen. Der Klappentext war es dann schließlich, der mich zur baldigen Lektüre bewegte…

51aCkaqLmNL._SX312_BO1,204,203,200_»Ich bin in einer klaren Mondnacht geboren, einer jener Polarnächte, die sich in Koukdjuak über Tage und Tage erstrecken, begleitet von Blizzards und lautem Getöse.« Ungewöhnlich viele Kinder werden in jenem Jahr auf der arktischen Insel geboren, und alle sterben bald darauf – bis auf das Mädchen Nikko. Niemand redet über ihre merkwürdige Krankheit, und schon gar nicht über das »Große Unglück«, das ein Unfall in der nahen Fabrik über die Insel brachte. Vor dem Hintergrund einer ökologischen Katastrophe erzählt Véronique Ovaldé in einer poetischen, gestochen-scharfen Sprache von einer fernen, magischen Welt und dem Befreiungsversuch einer jungen Frau.

„Alles glitzert“ erzählt die Geschichte von Niko, einem kleinen Mädchen das über die Dauer des Romans zur Frau heran wächst. Sie lebt auf einer Insel am Polarkreis, nicht unweit des russischen Festlandes und doch Welten entfernt. Die Umstände ihrer Geburt sind tragisch, wenn nicht sogar katastrophal, und es ranken sich viele Mythen darum. Niko selbst weiß nur, dass sie als einzige überlebt hat und nun jeden Tag bunte Pillen schlucken muss, damit dies auch so bleibt. Denn der Ort ihrer Geburt, ja die gesamte Insel, ist verstrahlt, wie es dazu kam erfährt die Leserin allerdings nicht. Diese Information scheint für Nikos Geschichte zweitrangig und ich konzentriere mich lieber darauf, was Véronique Ovaldé mir über ihre Heldin erzählt, anstatt mich nach Belanglosem zu sehnen.

Niko erzählt ihre Geschichte selbst und da sie zunächst noch ein Kind ist, gibt dies dem Roman etwas magisches. Genau weiß man nicht, inwiefern die Strahlung das junge Mädchen nun anders macht, man weiß nur das, was Niko selbst erleben und fühlen kann und das ist, dass die anderen Dorfbewohner Angst vor ihr haben. Niko selbst hat Angst vor ihrem trunksüchtigen Vater, der ihre Mutter und ihre Schwester verhaut, Niko allerdings nicht anzurühren wagt. Sie nimmt im Dorfleben eine Sonderstellung ein, ist Sonderling und Mythengestalt in einem, gleichzeitig nicht ganz richtig im Kopf und so weise wie die Erde selbst. Doch ihre Geschichte ist nicht nur die Geschichte eines verstrahlten Mädchens, es ist die Geschichte einer Region, eine Geschichte von Armut und Verzweiflung, vom Reibungspunkt zwischen jahrhundertealter Tradition und importierter Moderne.

Mich zieht die klirrende Kälte des Schauplatzes sofort in seinen Bann, das Nordlicht und der ewige Schnee, der vor Eiskristallen glitzert. Und so rau und unwirtlich die Natur um sie herum ist, so hart und wortkarg sind die Menschen, die versuchen hier zu überleben. Die Welt von „Alles glitzert“ ist eine bar jeder Hoffnung, ob nun für Nikos Vater, der eines Tages in den Wäldern verschwindet oder für Niko, die versucht im Bett eines Einwanderers ihr (Liebes)glück zu finden und am Ende grün und blau geschlagen, und alleine mit einem schwer behinderten Kind dasteht. Die Konflikte, die auf den Seiten dieses Romans ausgetragen werden, sind wie der Winter auf der nicht näher benannten Insel, zermürbend und scheinbar endlos.

Trotzdem lohnt es sich durchzuhalten, trotzdem lohnt es sich mit klammen Fingern Seite um Seite um zu blättern, sich dem radioaktiven Schneesturm entgegen zu stemmen, auch wenn das ersehnte Happy End leider ausbleibt. Denn in der kargen Landschaft dieses Romans finde ich als Leserin doch immer wieder ein bisschen sprachliche Schönheit, die irgendwann auch auf die Handlung selbst übergreift, sei es nun in Form von Nikos Liebe zu ihrem Kind oder in ihrer blinden Hoffnung auf ein besseres Leben auf dem Festland. Ich gehe den Weg bis zum Ende, gehe ihn an der Seite der Erzählerin, meine Füße sind schon längst taub, mein Herz pocht schwer in meiner Brust. Letztlich bin ich aber doch froh diesen Weg gegangen zu sein, auch wenn es für die Erfrierungen, die ich mir unterwegs zugezogen habe, wohl so schnell keine Linderung geben wird.

Alles glitzert – Véronique Ovaldé – ISBN 978.3.888.97445.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich in der Heimat einsam fühlen.
  • …davon träumen alles hinter sich zu lassen.
  • …sich über alle Widerstände hinweg setzen.

Am besten kombiniert mit…

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