(Neuerscheinung) Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück von Judith Kuckart

Judith Kuckart, geboren 1959 in Schwelm, lebt als Autorin und Regisseurin in Berlin und Zürich. Sie veröffentlichte bei Dumont u.a. den Roman „Lenas Liebe“ , der 2012 verfilmt wurde. Ihr Roman „Wünsche“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Judith Kuckart wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. (Quelle: Dumont Verlagsseite)

42752463zSilvester verbringt der achtzehnjährige Leonhard allein im Haus seiner Eltern. Am Neujahrsmorgen kommt das Leben dann einfach zu ihm: Eine fremde Frau schläft auf dem Boden in der Diele. In der nächsten Nacht schläft Leonhard mit ihr im Gästezimmer. Emilie und Maria hingegen, beide über siebzig, sind unternehmungslustig, wenn auch den Ereignissen auf ihrer Reise in ein tschechisches Kurhotel nicht mehr ganz gewachsen. War es wirklich ein Klavierlehrer, der sie dorthin fuhr, und hat er tatsächlich betrunken die Nacht im Bett zwischen den alten Damen verbracht? In einem Reigen aus elf Episoden erleben Judith Kuckarts Figuren Unerhörtes. Es gibt ihrem Leben eine unerwartete Wendung und dem Leser eine Ahnung, dass alles zusammengehört: Lust und Schrecken, Liebe und Tod, Schuld und Glück.

Wenn ich mir den Klappentext von „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ so durchlese muss ich ein bisschen schmunzeln. Denn hier scheint ein geschickter Sprachakrobat am Werk gewesen zu sein, dessen Ziel es war das Wort „Kurzgeschichte“ unter allen Umständen zu vermeiden. Letztlich ist das, was hier etwas schamhaft als „Episode“ bezeichnet wird, jedoch eine handelsübliche Kurzgeschichte, bzw. gleich elf Stück in einem Band. Es tauchen hier und da zwar immer wieder dieselben Figuren auf, doch haben die Geschichten selbst nicht wirklich viel miteinander zu tun und bauen weder auf einander auf, noch ergänzen sie sich. Ich habe das Buch zwar von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, hätte dies aber nicht gemusst. Denn die Geschichten können gut auch einzeln und in beliebiger Reihenfolge konsumiert werden, ohne dass dies ihren Unterhaltungswert schmälert.

Denn der Unterhaltungswert selbst ist groß, zumindest für Leserinnen die eine gute Kurzgeschichte zu schätzen wissen. Judith Kuckart ist zwar keine Alice Munro, doch ihre Geschichten sind interessant, vielfältig und humorvoll verfasst und das macht sie in ihrer Gesamtheit zu einem überaus empfehlenswerten Leseabenteuer. Judith Kuckart schreibt dabei aus verschiedensten Perspektiven, zum Beispiel ist da ein junger Student der zu Silvester sturmfreie Bude hat und unerwartet eine schlafende Frau im Hausflur vorfindet. Oder ein alternder Polizist, der mit einer fremdländisch akzentuierten Schönheit seinen zweiten Frühling erlebt. Oder ein paar alte Mütterchen auf dem Weg ins Kurbad, die unerwartet das Hotelbett mit einem jungen Pferdeschwanzträger teilen – um hier nur ein paar zu nennen.

Jede Figur taucht dabei in der einen oder anderen Weise mehrmals auf, manchmal als Erzähler, dann wieder als Nebenfigur oder entfernter Verwandter, der in einem achtlos dahin geworfenen Dialogfetzen erwähnt wird. Liest man das Buch in der traditionellen Reihenfolge führt das immer wieder zu einem kurzen aber doch wohlwollenden Innehalten. Besonders auf die schlafende Frau im Flur aus der allerersten Geschichte hat sich die Autorin scheinbar eingeschossen, sie kommt in gleich mehreren Geschichten zu Wort. Eine gescheiterte Schauspielerin, die Tilda Swinton nicht unähnlich zu sein scheint und mit ihrer weltentrückten Schönheit die anderen Figuren aus dem Konzept bringt, ob sie nun bei einer Performance in einem Dorfkino mitmacht oder in einer Berliner Bäckerei aushilft.

Die jeweiligen Themen der einzelnen Geschichten sind zwar nicht weltbewegend, doch sind die Geschichten selbst ansprechend konzipiert. Nicht jede Art von Kurzprosa erzählt auch eine lesenswerte, stilistisch ansprechende Geschichte, Judith Kuckart jedoch meistert die Form wieder und wieder als wäre dies nicht weiter der Rede wert. Sie zeigt ihre Figuren an verschiedenen Punkten im Leben, an Wendepunkten, in Atempausen und Momenten in denen es leicht wäre blind weiter zu machen, und lässt sie hier dann aber alles in Frage zu stellen. Manchmal geht der Weg am Ende weiter, dann wieder tritt einer auf der Stelle, nicht jede Geschichte hat ein Happy End, auch wenn das manchmal schmerzt.

Es ist schwierig eine Kurzgeschichtensammlung auf einen einzigen Leseeindruck zu reduzieren, ebenso geht es mir mit „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“. Manche Geschichten sprachen mich persönlich mehr an als andere, wieder andere wirkten inhaltlich weitreichender und tiefgründiger als jene. Letztlich muss man sich als Leserin von „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ – was übrigens auch auf jede andere Kurzgeschichtensammlung zutrifft – auf das Gesamtpaket einzulassen bereit sein um dessen volle Bandbreite an Eindrücken und Beobachtungen erleben und schätzen zu können. „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ bietet insofern ohne Frage ein durchgängig zufriedenstellendes, oft humorvolles und manchmal sogar anrührendes Leseerlebnis.

Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück – Judith Kuckart – ISBN 978.3.832.19807.7

Für Leserinnen, die…

  • …eine gute Kurzgeschichte zu schätzen wissen.
  • …das Leben aus mehreren Perspektiven betrachten.
  • …das Besondere im Alltäglichen entdecken wollen.

Am besten kombiniert mit…

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