(Neuerscheinung) Es bringen von Verena Güntner

Verena Güntner, 1978 in Ulm geboren, studierte Schauspiel an der Universität Mozarteum in Salzburg. Vier Jahre lang war sie festes Ensemblemitglied am Bremer Theater, seit 2007 ist sie als freischaffende Schauspielerin regelmäßig auf den Bühnen des Staatstheaters Wiesbaden und des Theaters Bonn zu sehen. Verena Güntner lebt in Berlin, Es bringen ist ihr erster Roman. (Quelle: KiWi online)

42761313zLuis ist sechzehn und kein schmächtiger Zauderer, kein pickliger Pubertierender: Er ist ein Bringer. Er ist der Trainer und er ist die Mannschaft, das ist sein Motto, und er trainiert jeden Tag. Bei den Girls gibt’s nichts mehr zu trainieren, bei den Fickwetten, die er mit den Jungs seiner Gang abschließt, gewinnt er fast immer. Das beste Mädchen allerdings ist Luis‘ Mutter, Ma, sie ist die Frau aller Frauen und hat die gleiche Zahnlücke wie er. Und dann ist da noch Milan, Luis‘ bester Freund, der ist der Chef der Gang und hat immer das letzte Wort, wenn’s um Aktionen geht. Für Milan würde Luis fast alles machen. Luis hat sein Leben also fest im Griff, denn er hat einen Plan – bis er eines Tages auf die harte Tour lernen muss, dass nicht mal der größte Bringer Kontrolle hat, wenn die Welt aus den Fugen gerät.

„Es bringen“ ist einer dieser Romane, die ihre Leserin von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen, um sie dann mit 200 Sachen auf der falschen Spur durch die Geschichte zu jagen und anschließend nur widerwillig gehen zu lassen. Am Steuer sitzt Erzähler Luis, ein Geisterfahrer in seinem eigenen Leben, für den nur sein Ruf innerhalb der Jungsclique zählt, mit der er Berlin unsicher macht. Er ist eine dieser völlig überzogenen Figuren, die im luftleeren Raum eines Romans gleichwohl unglaublich Spaß machen, erinnert mich mit seiner lässigen Art und dem Schwelbrand, der sich hinter der coolen Fassade befindet, unter anderem an Holden Caulfield aus „Der Fänger im Roggen“ oder auch an eine Light-Version von Alex aus „Uhrwerk Orange“.

Anders als im letztgenannten Werk ist Luis Erzählstimme jedoch das krasseste am Buch, was ich hier schon einmal vorweg nehmen möchte, um nicht schon zu Anfang potenzielle Leserinnen zu vergraulen. Die Jungs necken und piesacken sich, besonders auf den dicken Marco hat Luis es abgesehen, er ist nämlich der einzige aus der Gruppe dessen Stube nicht vollkommen leer ist. Sie wetteifern darum wer am meisten saufen kann, wer am längsten pinkeln kann und wer die meisten Mädchen ins Bett bekommt. Aus diesen kleinen Machtkämpfen und Wettstreiten besteht der Alltag der Jungs, besonders jetzt im Sommer wo das Freibad geöffnet ist und sich dort alle treffen, die Jungs, Luis Mutter und ihre Freunde und natürlich Mädchen, die es zu erobern gilt.

Viel passiert insofern nicht, es ist ein fauler Sommer, auch für Luis und seine Jungs. Verena Güntner konzentriert sich ganz offensichtlich auf die Figurenzeichnung und die Erzählstimme, die sie Hauptfigur Luis in den Mund legt. Das könnte ganz schön langweilig werden, Verena Güntner macht ihre Sache aber so gut, dass die flotten Sprüche, die Luis in einem fort vom Stapel lässt es schaffen den Roman über etwaige Längen hinweg zu tragen und diese, zugegebenermaßen äußerst anspruchsvolle Leserin bei der Stange zu halten. Doch es ist nicht nur Luis selbst, der diesen Roman lesenswert macht. Um ihn scharen sich allerhand kuriose Figuren, zum Beispiel wären da der alte Jablonski, der sich mitten in der Großstadt ein Pony namens Nutella hält oder auch Luis Mutter, die sich eher wie eine seiner Freundinnen verhält.

Doch auch wenn die Handlung an sich eher spannungsarm konzipiert ist und Verena Güntner, im Vergleich zu dem was möglich gewesen wäre, sehr zurückhaltend mit den destruktiven Potenzial ihrer Figuren umgeht, zieht es mich doch immer wieder zum Buch. Denn „Es bringen“ braucht im Grunde kein dickes Ende um interessant und somit lesenswert zu sein. Die Figuren und das, was da noch kommen mag, bleiben dieser Leserin noch lange nach der Lektüre im Kopf. Verena Güntner deutet einiges an, lässt aber gleichzeitig vieles offen. So hat jede Figur im Grunde eine Chance auf ein Happy End – bis auf den alten Jablonski, aber mehr verrate ich an dieser Stelle nicht – nur eben nicht mehr zwischen den Seiten des Buchs, sondern im Kopf der jeweiligen Leserin.

Insgesamt ist „Es bringen“ ein Roman, der sich von der Masse abhebt. Natürlich habe ich als Nordlicht keine Ahnung davon, wie Berliner Jugendbanden klingen und was diese so in ihrer Freizeit alles anstellen, doch ich vermute an dieser Stelle einfach mal, dass Verena Güntner den Ton der (Berliner) Jugend von Heute wie den Nagel auf den Kopf getroffen hat. „Es bringen“ ist ein Buch, das man nur widerwillig aus der Hand legt, auch wenn die Geschichte, die darin erzählt wird, auf die Handlung bezogen eher unauffällig ist. Was diesen Roman zu etwas besonderem macht ist Erzähler Luis, mit dessen frecher, oft aber auch zutiefst verunsicherter Perspektive Verena Güntner ganze Arbeit geleistet hat.

Es bringen – Verena Güntner – ISBN 978.3.462.04847.6

Für Leserinnen, die/denen…

  • …ein Ohr für Jugendsprache haben.
  • …eine gute Figurenzeichnung wichtiger ist als eine abenteuerliche Handlung.
  • …einen robusten Sinn für Humor haben.

Am besten kombiniert mit…

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