(Sachbuch) Girl in a band von Kim Gordon

Kim Gordon ist Musikerin, Sängerin, bildende Künstlerin, Musikproduzentin, Videoregisseurin, Modedesignerin und Schauspielerin. Bekannt wurde sie als Bassistin, Sängerin und Songwriterin der Alternative-Rockband Sonic Youth, die sie 1981 gemeinsam mit Thurston Moore gründete. Seit 2012, nach der Auflösung von Sonic Youth, tritt sie gemeinsam mit Bill Nace als »Body/Head« auf. Kim Gordon lebt in Massachusetts, New York und Los Angeles. (Quelle: KiWi online)

51NXRn9e4YL._SX330_BO1,204,203,200_Wie keine andere Band prägte Sonic Youth mit ihrem unverwechselbaren Sound und ihrer künstlerischen Integrität die Independent-Szene zwischen Punk und Avantgarde. Bandgründer Kim Gordon und Thurston Moore galten als Traumpaar des Rock ‘n‘ Roll. Und als Bassistin, Sängerin und Songwriterin der Band war Kim Gordon Vorbild für eine ganze Generation von Frauen. Jetzt blickt die als rätselhaft und verschlossen geltende Musikerin und Künstlerin zurück und erzählt mitreißend freimütig und poetisch von ihrer Kindheit und Jugend im sonnendurchfluteten Kalifornien der Sechziger- und Siebzigerjahre und ihrer Beziehung zu ihrem psychisch kranken Bruder, die sie fürs Leben prägte. Von den musikalischen Anfängen im New York der Achtzigerjahre, von ihrem Weg vom Mädchen zur Frau im von Männern geprägten Rock ‘n‘ Roll, von der Geschichte ihrer Lieblingssongs und von ihrer innigen Freundschaft zu Kurt Cobain.

Eigentlich kenne ich mich mit der Musik von Sonic Youth gar nicht aus, und doch kam ich an der Autobiografie von Kim Gordon irgendwie nicht vorbei. Denn sie wurde mir von gleich zwei meiner Lieblingszeitschriften ans Herz gelegt, wenn auch unter grundverschiedenen Gesichtspunkten. Während MISSY Magazine „Girl in a band“ als Abrechnung einer betrogenen Ehefrau las, sah EMMA zwischen den Buchdeckeln die Geschichte eines Missbrauchsopfers. Nachdem ich nun meine eigene Nase zwischen die Seiten gesteckt habe, kann ich schon zu Anfang sagen, dass beide Rezensenten Quatsch erzählt haben. Kim Gordon wurde weder von ihrem Bruder vergewaltigt, noch scheint sie ihren untreuen Ex-Ehemann Thurston Moore zu hassen. Stattdessen schreibt sie in „Girl in a band“ von ihrer Kindheit in Californien, ihren Erfahrungen als RockmusikerIN und ihrer oft etwas schwierigen Beziehung zu Männern.

Kim Gordon fängt ihre Geschichte am Ende an, und zwar mit dem letzten Konzert von Sonic Youth. Sie beschreibt die Atmosphäre, die Fans und das aufgeblasene Gehabe ihres Ex-Ehemannes, der sich gleich einem alternden Gorilla musikalisch auf die Brust trommelt. Es ist ein bitter-süßer Abschied von einer Jahrzehnte andauernden Partnerschaft, die Autorin Kim Gordon sowohl beruflich als auch privat Rückhalt gab und Flügel verlieh. Dabei ist ihre Perspektive auf das Musikgeschäft die einer verkappten Außenseiterin. Kim Gordon beobachtet den Aufstieg und oft tiefen Fall so mancher Rocklegende, bewahrt sich dabei aber immer eine gewisse Neutralität, eine innere Distanz, die auch dann zu spüren ist, wenn sie von den Schattenseiten ihrer eigenen Karriere erzählt, zum Beispiel davon wie schwer es sein kann als Schwangere, bzw. junge Mutter durch die Welt zu touren.

Die kühle Distanz, die Kim Gordon auch als ihr Image kultiviert hat, macht sie für viele ihrer Fans und Kollegen bewundernswert, nach eigener Aussage fühlt sie sich jedoch davon erdrückt. Diese Diskrepanz zwischen der zerbrechlichen Californierin, als die sich Kim Gordon selbst sieht, und der unterkühlten Frontfrau, die sie nach außen projiziert, befeuert einen großen Teil des Buchs. Kim Gordon lässt die Leserin an ihren inneren Konflikten teilhaben, die mit der Beziehung zu ihrem an Schizophrenie erkrankten Bruder, der sie zwar ständig piesackt, den sie aber dennoch zu beschützen müssen glaubt, beginnen, sich über die Dauer ihrer Musikkarriere fortsetzen und sogar bis in ihre Ehe hinein wuchern. Dabei lässt sie sich doch nie dazu hinreißen sich selbst für die Leserin in die Opferrolle zu manövrieren. Kim Gordon hat in ihrem Leben viele Entscheidungen getroffen, nicht alle gleichermaßen durchdacht und behält trotzdem die Verantwortung für deren Folgen fest in der eigenen Hand.

Als Leserin gehe ich mit Sonic Youth auf Welttournee, ziehe mit dem Ehepaar Gordon/Moore von New York nach Northhampton und eröffne mit Autorin Kim Gordon eine Modeboutique. Einen großen Teil des Buchs nimmt Kim Gordons Kindheit ein, ihre Jugend in Californien und die Hass-Liebe, die sie für ihren psychisch kranken Bruder empfindet. In dieser Zeit werden Prozesse in Gang gesetzt, die den Sound ihrer späteren Band maßgeblich prägen werden. Schon früh kultiviert Kim Gordon ihre Liebe zu musikalischer Dissonanz, die sie als junge Erwachsene und frisch gebackene New Yorkerin mit ihrer großen Liebe Thurston Moore teilen und verwirklichen wird. Verglichen mit diesem Teil ist Kim Gordons Auseinandersetzung mit ihrem Leben als Musikerin fast schon oberflächlich. Für mich als Sonic Youth Novizin ist das allerdings kein größeres Manko.

„Girl in a band“ ist auf vielerlei Art und Weise lesenswert, dabei ist nicht alles was im Vorfeld über dieses Buch geschrieben wurde auch so zwischen den Seiten zu finden. Wenn ich vor der Lektüre noch keinen Grund hatte mir ein Sonic Youth Album zu kaufen, dann habe ich danach wohl keine Ausrede mehr. Doch kann sich „Girl in a band“ auch ohne Soundtrack behaupten, wobei ich nicht bestreiten will, dass sich die dissonanten Melodien in Kombination mit dem Buch gut machen würden. Doch geht es hier nicht nur um Sonic Youth, sondern auch um das Gefühl als Frau eine Rockband zu fronten, Bass zu spielen, mit Rocklegenden (namentlich zum Beispiel Kurt Cobain) abzuhängen und gerade diesen (leider) um viele Jahre zu überleben. Insofern ist „Girl in a band“ nicht nur eine Rockbiografie, sondern auch ein intimes Portrait einer Pionierin, die so viele die nach ihr kamen inspiriert hat – mich eingeschlossen.

Girl in a band – Kim Gordon – ISBN 978.3.462.04748.6

Für Leserinnen, die…

  • …sich mit der Musik von Sonic Youth auskennen.
  • …das (Rock)Musikgeschäft aus Frauensicht erkunden wollen.
  • …von der Liebe ihres Lebens betrogen wurden.

Am besten kombiniert mit…

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