(Kurzgeschichten) Federspiel von Kerstin Hensel

Auf Kerstin Hensel bin ich eher zufällig gestoßen, vor ein paar Monaten noch war sie mir zugegebenermaßen kein Begriff. Dann wurde sie in einem Artikel erwähnt – worum es im einzelnen ging ist mir leider entfallen. Doch ich kann mich noch erinnern, dass ich nicht zögerte und sofort zwei ihrer Bücher ertauschte – „Federspiel“ ist das eine…

Download (54)In diesem Band dreier kunstvoll ineinander verwobener und miteinander korrespondierender Novellen erzählt Kerstin Hensel von Frauen, deren Leben auf merkwürdige Weise festgefahren zu sein scheint. Da ist die Frau, die sich verpflichtet sieht, mit ihrem liebenswert-versponnenen Bruder auf einen entlegenen Hof in Südtirol zu ziehen, um dort zur Ruhe zufinden. Bis sie eines Tages genug hat und sich mit dem mitgebrachten Wohnwagen davonmacht und die Hofbewohner in ihrer schönen Einöde zurücklässt. Eine andere Novelle erzählt von einer Frau, die sich geduldig dem Diktat ihres Ehemanns beugt, der eine Obsession für die Pflege der deutschen Grammatik besitzt. Doch als ihr Gatte seinen pädagogischen Eifer äußerst erfolgreich an einer jungen Schülerin aus Russland erprobt, ist es für sie genug. Sie schlägt die Türe der gemeinsamen Wohnung hinter sich zu und lässt ihren Ehemann in seiner geordneten Vorhölle zurück.

Kerstin Hensels „Federspiel“ besteht aus zwei Novellen und einer verhältnismäßig kurzen Geschichte dazwischen. Entgegen der Behauptung im Klappentext haben die Geschichten augenscheinlich nichts miteinander gemein. Thematisch beschäftigen sie sich jedoch alle mit von Männern vereinnahmten Frauen, ob es nun die Schwester, die Tochter oder die Mutter, sowie die Tochter ist. Kerstin Hensel legt auf nüchterne, fast schon sachliche Art und Weise dar, wie einem Menschen die Mündigkeit genommen werden kann einfach dadurch, dass er, bzw. sie es zulässt. Und auch wenn ihr Stil angenehm durch den Kopf fließt, sind ihre Geschichten doch eher schwere Kost, vor allem aufgrund der scheinbaren Hoffnungs- und Auswegslosigkeit, welche die Schicksale ihrer (weiblichen) Hauptfiguren prägt.

Es beginnt mit der Geschichte zweier Geschwisterkinder zur Zeit der Nazis und darüber hinaus. Nachdem der Vater verschleppt wurde, versucht die Mutter nun mehr schlecht als recht Bruder und Schwester groß zu kriegen. Über die Jahre wendet sich das Blatt und die Geschwister sorgen nun für die alternde Mutter. In dieser Geschichte spielt Kerstin Hensel mit Geschlechterrollen, gibt dem Bruder etwas aufopfernd fürsorgliches und lässt die Schwester nach draußen in die (Arbeits)welt streben. Beide Figuren leiden unter den Vorurteilen ihres sozialen Umfeldes, können aber doch niemand anders sein als sie selbst. Letztlich scheint es aber doch der Bruder zu sein, der die Richtung vorgibt, wenn auch ganz sanft und die Schwester lässt sich mitziehen, lässt ihr gesamtes Leben an sich vorbei ziehen, bis sie einfach keinen weiteren Kompromiss mehr schließen kann und ausbricht.

Zwischendrin, ungefähr mittig, hockt eine Kurzgeschichte, die das Buch als ganzes wunderbar unterteilt. Darin geht es um ein junges Mädchen, dass nicht an sich halten kann. Es wird viel gelacht zwischen diesen paar Seiten und doch mutet die Geschichte selbst eher tragikomisch an. Ich persönlich las sie zuerst, einfach um zunächst einmal nur den großen Zeh in die weiten Seen der Prosa von Kerstin Hensel zu tauchen und auszutesten, ob das Buch auch wirklich etwas für mich ist, bevor ich es anbreche und am Ende enttäuscht wieder weg lege. Nach der Lektüre war mir klar, diese anfängliche Scheu war unbegründet. Denn auch wenn sie auf den ersten Blick finster drein schauen, sind die drei Geschichten von Kerstin Hensel letztlich doch gute Bekannte geworden.

Die Novelle „Der Deutschgeber“ leitet das Ende des Buchs ein und tut dies mit einem Paukenschlag. Sie erzählt die Geschichte eines Deutschlehrers und seiner Familie. Auf den folgenden Seiten muss diese Leserin mit ansehen, wie Ehefrau und Tochter um die Launen des Vaters herumtänzeln. Er selbst benimmt sich reichlich daneben, spricht aber korrektes Deutsch und das ist wichtiger. Wo ich die (größtenteils) männlichen Unterdrückerfiguren der letzten zwei Geschichten noch bemitleidete, fange ich nun an den „Deutschgeber“ zu verabscheuen. Doch ist dies keine Novelle über zwei getretene Frauen, sondern darüber dass sich diese Frauen irgendwann nicht mehr treten lassen, sich weigern zu buckeln und vom übermächtigen Einfluss des Vaters frei schwimmen. Das ist es, was diese Geschichte letztlich so lesenswert macht und all die anfängliche Frustration seitens der Leserin verpuffen lässt.

In ihrem Buch „Federspiel“ vereint Kerstin Hensel drei interessante Einblicke in Familienbeziehungen und die damit verbundenen Verpflichtungen, die sich vor allem Frauen über Gebühr aufbürden, auch heute noch. Ich will das Buch nicht zu einem feministischen Pamphlet hochstilisieren, das ist es nicht und so habe ich es auch nicht gelesen. Stattdessen erzählt es mir von jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen – um die Figuren mal nicht auf ihr Geschlecht zu reduzieren, allerdings sind es vor allem Frauen – die aufbegehren, die sich nicht damit abfinden wollen fremdbestimmt zu sein. Damit kann ich mich persönlich sehr gut identifizieren, und das ist es, was „Federspiel“ für mich zu einem Buch macht, das mich auch über die Lektüre hinaus begleiten wird.

Federspiel – Kerstin Hensel – ISBN 978.3.630.87385.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich schon einmal haben freischwimmen müssen.
  • …als Lehrerkind aufgewachsen sind.
  • …sich nicht auf einen ganzen Roman einlassen können oder wollen.

Am besten kombiniert mit…

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