(Neuerscheinung) Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris

Eve Harris, geboren 1973 in London, Tochter polnisch-israelischer Eltern, arbeitete zwölf Jahre als Lehrerin, darunter an katholischen und jüdisch-orthodoxen Mädchenschulen in London und Tel Aviv. ›Die Hochzeit der Chani Kaufman‹ ist ihr erster Roman; er schaffte es auf die Longlist des renommierten Man Booker Prize 2013 und war Finalist bei den National Jewish Book Awards 2014. Eve Harris lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London. (Quelle: diogenes.de)

42802103zChani Kaufman ist hübsch, intelligent und hat ihren eigenen Kopf – nicht die besten Voraussetzungen auf dem hart umkämpften jüdisch-orthodoxen Heiratsmarkt. Schon gar nicht, wenn ihr zukünftiger Ehemann Baruch Levy sein soll. Baruch wird bald in Jerusalem studieren und der erste Rabbi in einer Familie erfolgreicher Unternehmer sein. Sie haben sich dreimal gesehen, sie haben sich noch nie berührt, aber sie werden heiraten. Chaim Zilberman und Rebecca Reuben waren auch einmal Studenten in Jerusalem. Heute sind sie Rabbi und Rebbetzin Zilberman, angesehene Mitglieder der orthodoxen Gemeinde Londons. Aus Liebe hatte Rebecca in das streng geregelte Leben an der Seite eines Rabbis eingewilligt – Sneakers gegen Ballerinas, Jeans gegen bodenlange Röcke und den Wind in ihren langen Haaren gegen einen Scheitel getauscht.

Wir treffen die 19-Jährige Chani Kaufman im Brautzimmer ihrer Synagoge, wo sie auf ihre bevorstehende Vermählung zu dem 20-Jährigen Baruch Levy wartet. Chani ist aufgeregt, nicht so sehr wegen der Hochzeit sondern eher wegen der Nacht, die darauf folgen soll. Sie und Baruch kennen sich nur flüchtig, haben sich ein paar Mal getroffen, haben ein paar Mal telefoniert, berührt haben sie sich jedoch noch nie. Eve Harris Debütroman entführt seine Leserin in die Welt der orthodoxen jüdischen Gemeinde Londons. Eine Welt in der die Tradition wichtiger ist, als das Glück des einzelnen, eine Parallelgesellschaft mitten in Europa und ich, die Leserin – Dank Eve Harris – für die Dauer dieses Romans, mittendrin.

Doch geht es zwischen den Seiten des Romans nicht nur um das junge Brautpaar, sondern auch um die Gemeinschaft, die sie beide umgibt. Dazu gehören allerdings nicht nur die jeweiligen Eltern von Chani und Baruch, sondern auch der ansässige Rabbi und seine Frau, die meiner Meinung nach die heimliche Hauptfigur des Romans ist. Ihre Geschichte beginnt in Israel, wo sie ihren Mann, einen jungen Südafrikaner, kennen lernt. Zusammen arbeiten sie sich Stück für Stück in die Orthodoxie vor, was von ihm angestrebt und von ihr, aus Liebe, toleriert wird. Mittlerweile leben sie in England, haben drei Kinder und doch fehlt irgendetwas. Die Rabbinerin beschleicht nach und nach das Gefühl, das der Mann den sie einmal geliebt, geheiratet und dem sie etwas kopflos in die Orthodoxie gefolgt ist, nach all den Jahren in England nicht mehr existiert.

Im folgenden erzählt Eve Harris nicht nur von den turbulenten Hochzeitsvorbereitungen, den Familienstreitigkeiten zwischen den Kaufmans und den Levys, sondern auch immer wieder von der Rabbinerin und ihrer stillen Rebellion gegen die strikten Vorschriften ihrer orthodoxen jüdischen Gemeinde. Eine kleine aber doch interessante Rolle spielt auch Avromi, der älteste Sohn der Rabbinerin, der sich in ein Mädchen aus der Uni verliebt und so alles aufs Spiel setzt, allem voran den Respekt seines streng gläubigen Vaters. Eve Harris springt zwischen den Figuren hin und her, springt in der Zeit vor und zurück bis zu dem Tag, an dem dann endlich Hochzeit gefeiert wird und die von Chani so gefürchtete Hochzeitsnacht naht. Nach und nach fügt sich eins ins andere, doch wird leider nicht jede Figur ihr Happy End bekommen.

Wie ich es schon von Man Booker Preis Longlistern gewöhnt bin, ist auch „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ überaus ansprechend geschrieben und überraschend eingängig. Man könnte das Buch fast schon als verhaltenen Schmöker bezeichnen. Denn hat man erst einmal angefangen es zu lesen, legt man es nur widerwillig aus der Hand – zumindest war das bei mir der Fall. Ebenfalls interessant ist, wie könnte es auch anders sein, der Schauplatz der Geschichte. Eve Harris beschreibt die orthodoxe jüdische Parallelgesellschaft in Nordlondon so als wäre sie dort zu Hause. Dabei geht sie ganz wertfrei zu Werke, konzentriert sich darauf die verschiedenen Stadien der Brautwerbung, Verlobung und schließlich Vermählung innerhalb der Gemeinde zu beschreiben, lässt den Figuren aber gleichzeitig Raum die Dinge zu hinterfragen und Entscheidungen zu treffen, die das Potenzial haben ihr Leben für immer zu verändern.

Insgesamt ist „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ ein rundherum solides Buch, an dem ich persönlich nichts auszusetzen habe. Die Lektüre ist, aufgrund des ungewöhnlichen Schauplatzes der Geschichte, überaus interessant. Trotzdem haben die Figuren noch genug mit der Allgemeinbevölkerung gemein, so dass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Was ich manchmal nicht verstanden habe ist, dass die junge Generation, die Eve Harris in Form von Chani, Baruch und Avromi zu Wort kommen lässt, trotz all der Einschränkungen des täglichen Lebens nicht etwas rebellischer ist. Doch das mag Stoff für einen anderen Roman sein, geht es hier doch vor allem um gelebte Tradition und wie junge Leute sich damit arrangieren, was für Hoffnungen und Ängste sie haben, wenn es um die Zukunft geht. Denn gegen diese scheint kein Kraut gewachsen zu sein, selbst dann nicht wenn jedes kleinste Detail des Lebens streng reglementiert ist.

Die Hochzeit der Chani Kaufman – Eve Harris – ISBN 978.3.257.30020.8

Für Leserinnen, die…

  • …einen Insider-Blick auf eine ansonsten sehr verschlossene Gemeinschaft werfen wollen.
  • …Geborgenheit in traditionellen Werten finden.
  • …nach einem anspruchsvollen Schmöker suchen.

Am besten kombiniert mit…

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4 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris“

    1. Das werde ich mir gleich mal anschauen. Ich hab seit Chani nämlich einen totalen Jieper für das Thema gekriegt.
      Ich habe hier schon „Die Arglosen“ von Francesca Segal liegen und „Mischas roter Diamand“ von Julia Wiener. Die will ich als nächstes lesen.
      Kennst Du schon „Ungehorsam“ von Naomi Alderman? Das erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus einer orthodoxen Gemeinde stammt und nach Jahren wieder zurückkehrt. Das ist ähnlich toll geschrieben wie Chani Kaufman.

      Gefällt 1 Person

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