(Neuerscheinung) Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel

Emily St. John Mandel, geb. 1979, wuchs an der Westküste von British Columbia in Kanada auf. Sie studierte zeitgenössischen Tanz an der »School of Toronto Dance Theatre« und lebte danach kurze Zeit in Montreal, bevor sie nach New York umzog und anfing, für das literarische Online-Magazin »The Millions« zu schreiben. Sie lebt dort mit ihrem Ehemann. »Das Licht der letzten Tage« war auf der Shortlist des National Book Award, eines der renommiertesten Literaturpreise der USA, und stand monatelang auf der New-York-Times-Bestsellerliste. (Quelle: piper.de)

51X6rzrTtlL._SX312_BO1,204,203,200_Niemand konnte ahnen, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Ein Wimpernschlag, und sie ging unter. Doch selbst jetzt, während das Licht der letzten Tage langsam schwindet, geben die Überlebenden nicht auf. Sie haben nicht vergessen, wie wunderschön die Welt war. Sie vermissen all das, was einst so wundervoll und selbstverständlich war, und sie weigern sich zu akzeptieren, dass alles für immer verloren sein soll. Auf ihrem Weg werden sie von Hoffnung geleitet – und Zuversicht. Denn selbst das schwächste Licht erhellt die Dunkelheit. Immer.

„Das Licht der letzten Tage“ ist eine Mischung aus Post-Apokalypse und Schauspielerbiografie. Während mir die erste Zutat dieser Mischung gut gefällt, bin ich auch nach der Lektüre keine große Anhängerin des zweiten Teils. Der Schauspieler, um den es hier geht, ist fiktiv und heißt Arthur Leander. Ganz zu Anfang stirbt er an einem Herzinfarkt und das Mitten in einer Aufführung von „King Lear“. Der frühere Paparazzi, nun angehender Rettungssanitäter Jeevan springt von seinem Platz in der ersten Reihe auf und sprintet zur Bühne, wo er versucht den berühmten Schauspieler wiederzubeleben. Der Vorhang fällt und Jeevan tritt schließlich aus der Hintertür in einen beginnenden Schneesturm, nur um kurz darauf einen Anruf zu erhalten, der seine und die Welt aller anderen Menschen auf der Erde für immer verändern wird.

Es ist nicht unbedingt der Anruf selbst, der das Schicksal der Menschen besiegelt, sondern das was der Anrufer, ein Krankenhausarzt, seinem alten Freund Jeevan zu sagen hat. Jeevan handelt sofort, hamstert Trinkwasser und Lebensmittel und schafft alles in die Wohnung seines querschnittsgelähmten Bruders, eines ehemaligen Kriegsfotografen der nun die Memoiren anderer Leute ghostwritet, wo er vor hat die globale Krise auszusitzen. Emily St. John Mandel liefert einen spannenden Auftakt und diese Leserin kann „Das Licht der letzten Tage“ einfach nicht aus der Hand legen. Dann allerdings kommt ein harter Schnitt, die Krise ist vorbei, die Welt radikal verändert und zurück katapultiert in vorzivilisatorische Zeiten. Was dazwischen geschehen ist, das bleibt die Autorin ihren Leserinnen leider zum größten Teil schuldig – schade, es wäre sicher unglaublich spannend gewesen.

Sobald diese Leserin sich in die Welt nach der Katastrophe eingelesen hat, kommt schon wieder ein Bruch, ein Wurmloch das mich durch Zeit und Raum katapultiert und mir den Kopf weich macht. Dann erzählt die Autorin vom Leben des verstorbenen Schauspielers, den ich zu diesem Zeitpunkt in meiner Lektüre schon fast vergessen hatte, der aber im Kontext des Buchs große Prominenz genießt. Im Laufe des Romans kaut Emily St. John Mandel das Leben des Arthur Leander in all seinen Einzelheiten durch, erzählt zwischendurch immer mal vom Leben nach dem Zusammenbruch der Zivilisation wie wir sie kennen, räumt der Karriere, den letzten Tagen und den Exfrauen Arthur Leanders aber den Löwenanteil der Geschichte ein. Zugegebenermaßen konnte ich mich nur schwer damit anfreunden, hatte ich doch eine klassische Dystopie/Post-Apokalypse erwartet.

Das allerdings ist „Das Licht der letzten Tage“ nicht; denn Emily St. John Mandel konzentriert sich auf die Erlebnisse einzelner Figuren und gibt ihrer Leserin dabei nur ungefähre Informationen über das große Ganze. Dabei sind ihrer Kunstfertigkeit beim verflechten der einzelnen Figuren und ihrer Lebenswege, die sich auf wundersame Weise vor und nach der Apokalypse kreuzen, keine Grenzen gesetzt. Insofern ist der literarische Wert des Textes um einiges höher als der letztendliche Spannungswert, wobei ich diesen auch nicht unterschätzen möchte. Hier und da lässt Emily St. John Mandel ihre Leserinnen ganz schön zittern und um das Wohlergehen der Hauptfiguren bangen. Doch hält sie diese Spannung nicht lange durch und verschenkt somit einiges an Unterhaltungspotenzial, wobei ich an dieser Stelle nicht aus Versehen zu viel verraten möchte.

Insgesamt ist „Das Licht der letzten Tage“ ein literarisches, dabei aber sprachlich völlig bodenständiges, Endzeitszenario. Die verschiedenen Perspektiven, Geschichten und Figuren, die im Laufe der Erzählung miteinander verwoben und verknüpft werden, sorgen dafür dass es der Leserin, in diesem Falle ich, nie langweilig wird. Ich persönlich hätte mir etwas mehr Endzeit und etwas weniger Arthur Leander gewünscht. Doch scheint dieser der eigentliche Star des Buchs zu sein und so musste ich mich im Laufe der Lektüre wohl oder übel mit ihm und seiner Lebensgeschichte bekannt machen. An den literarisch-dystopischen Höhenflug der „MaddAddam“ Trilogie von Margaret Atwood reicht „Das Licht der letzten Tage“ nicht heran. Eine dahingehend noch völlig unbedarfte Leserin wird „Das Licht der letzten Tage“ aber sicherlich trotzdem in vollen Zügen genießen können.

Das Licht der letzten Tage – Emily St. John Mandel – ISBN 978.3.492.06022.6

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht zwischen der Apokalypse und „Business As Usual“ entscheiden können oder wollen.
  • …das Werk William Shakespeares (zumindest in Ansätzen) kennen und lieben.
  • …eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte mögen.

Am besten kombiniert mit…

Download614Ai0YEuvL._SX316_BO1,204,203,200_41vFj7CelYL._SX281_BO1,204,203,200_51-M-W2vUpL._SX314_BO1,204,203,200_

Advertisements

2 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel“

  1. Dieses Buch ist mir in den vergangenen Wochen so oft begegnet, hat mich aber nie wirklich neugierig machen können. Wenn ich nun deinen Artikel lese, denke ich, dass ich wohl weiterhin die Finger davon lassen sollte. Einerseits stört mich diese Schauspieler-Geschichte, bei der ich gerade noch nicht einschätzen kann, warum ihr so viel Raum im Roman gegeben wird. Andererseits finde ich es schade, dass es wieder nur eines dieser Bücher ist, die lediglich die große endzeitliche Katastrophe und/oder das Leben lange nach dieser beschreiben. Wie du schon schreibst, wäre es spannend, einmal den Entwicklungsprozess mitzuerlesen und nicht plötzlich Jahrzehnte oder Jahrhunderte später einfach in der neuen Gesellschaft aufzutauchen. Ich finde gerade den psychologischen Aspekt so spannend: Wie gehen Menschen in solchen Situationen miteinander um? Wo bleibt die Menschlichkeit – wird die aus Angst ums Überleben geopfert oder hält man doch zusammen? Wie entsteht nach solch einem Chaos eine neue Gesellschaft? Zählt nur, wer sich durchsetzen kann oder gibt es doch noch so etwas wie demokratische Entscheidungen? … In Kings „Under The Dome“ (dem Roman, nicht der Serie) fand ich die Auswirkungen einer Ausnahmesituation auf das menschliche Verhalten grandios beschrieben – so etwas suche ich …(aber scheinbar vorerst vergeblich.)

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kathrin, ich freue mich sehr mal wieder von Dir zu hören 🙂 Es tut mir Leid, dass ich erst jetzt auf Deinen Kommentar antworten kann. Ich bin in letzter Zeit öfter etwas fusselig im Kopf und ich möchte natürlich nicht einfach eine kurze Antwort hinkritzeln, also schiebe ich meine Antwort auf und dann sind auf einmal ein paar Wochen vergangen.

      Das was Du über die Zeit des Umbruchs nach dem Zusammenbruch der Zivilisation schreibst, inspiriert mich irgendwie selbst die Lücken zu füllen, die Emily St. John Mandel in „Das Licht der letzten Tage“ lässt.
      Mir fällt in diesem Bezug Margaret Atwood ein, die schreibt in ihrer „MaddAddam“-Trilogie über genau dieses Zusammenbruch/Umbruch Szenario. Kennst Du die Trilogie schon? Wenn nicht kann ich sie nur empfehlen 🙂

      Stephen Kings „Under the Dome“ habe ich (noch) nicht gelesen. Ich habe die Serie geschaut – ich konnte nicht anders, die hat so viele Vorschusslorbeeren bekommen 😉 Die erste Staffel war meiner Meinung nach die Beste, weil ganz nah am Buch dran.
      Manchmal ist Stephen King mir ehrlich gesagt etwas zu brutal. Auch seine Handlungen sind irgendwie nicht so mein Fall, irgendwie zu krass – vielleicht bin ich auch nur zu zart besaitet 😉 Obwohl er seine Ideen ja auf spannende Weise durchzieht, egal wie unrealistisch oder überzogen sie auch sein mögen.

      Gefällt mir

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s