(Sachbuch) Deutschland im Blaulicht: Notruf einer Polizistin von Tania Kambouri

Tania Kambouri wurde 1983 als Kind einer griechischstämmigen Familie in Bochum geboren. Als Polizeikommissarin fährt sie heute dort auch Streife. Ihren Protest über die wachsende Zahl verbaler und körperlicher Übergriffe auf sie selbst und ihre Kollegen formulierte Tania Kambouri im Herbst 2013 in einem Leserbrief der Gewerkschaftszeitung »Deutsche Polizei«. Die Resonanz war überwältigend: Hunderte Kollegen unterstützten ihren Beitrag und ermutigten sie, ihre Kritik in die Öffentlichkeit zu tragen. Mit diesem Buch kommt sie diesem Ansinnen nach. (Quelle: piper.de)

51J0qwdXp3L._SX312_BO1,204,203,200_Tania Kambouri hatte genug. Wieder einer dieser Einsätze, bei denen ihr kein Respekt entgegengebracht, sondern sie stattdessen wüst beschimpft und beleidigt wurde. Der türkischstämmige Mann, der die Polizei um Hilfe gerufen hatte, war empört: Was wollte diese »Bullenschlampe« von ihm? Warum kam eine Frau – und kein Mann – zum Einsatzort? Vorkommnisse dieser Art erleben Polizisten im Einsatz immer öfter. Als Polizistin und Frau griechischer Abstammung ist Tania Kambouri den Angriffen auf der Straße besonders häufig ausgesetzt. Jetzt setzt sie sich zur Wehr: »Ich will den Finger in die Wunde legen, auch wenn mir bewusst ist, wie explosiv das Thema ist«.

Tania Kambouri leitet ihre Beschreibung des Alltags einer deutschen Streifenpolizistin mit einer Anekdote ein. Zusammen mit einer Kollegin wird sie zu einem Einsatz gerufen, es erwartet sie ein Mann mit Migrationshintergrund, der sie umgehend wieder weg schickt. Fünf Minuten später ruft er erneut bei der Zentrale an und verlangt diesmal zwei männliche Polizisten. 110 ist kein Wunschkonzert, wie Tania Kambouri es zwischen den Seiten auf vielerlei Art und Weise formuliert und so drehten sie und ihre Kollegin um, fuhren erneut bei dem hilfesuchenden Mann vor und wurden von diesem wieder weg geschickt. Damit war die Sache für die Beteiligten erledigt, doch gibt die von Tania Kambouri im Anschluss beschriebene Häufigkeit solcher Einsätze mir schon etwas zu denken.

Streifenpolizist sein ist kein Zuckerschlecken, ganz egal welche Demografie nun den Großteil der Verbrechen begeht und Tania Kambouri beschreibt ihren Alltag sehr anschaulich. Als Leserin  bin ich sofort froh nicht in ihrer Haut zu stecken, denn das Fell das darauf wächst muss unglaublich dick sein. In meiner Abiklasse gab es ein Mädchen, das wollte in den mittleren Dienst bei der Polizei, ob daraus was geworden ist, weiß ich allerdings nicht. Nach der Lektüre von „Deutschland im Blaulicht“ kann ich für sie nur hoffen, dass sie diesen Traum hat begraben müssen. Denn den, von Tania Kambouri beschriebenen, Stress, die Respektlosigkeit gegenüber ihr und ihren Kollegen und die körperliche Gefahr, der sie sich jeden Tag aussetzen muss, wünsche ich wahrlich niemandem an den Hals.

Wenn man Tania Kambouris Ausführungen so folgt, ist es ein bisschen so als läse man einen Krimi. Da erzählt sie von jugendlichen Intensivtätern, Betrügerbanden aus Osteuropa und arabischen Großfamilien, die das Gesetz in die eigene Hand genommen haben. Die Seiten flogen nur so dahin und ich kam kaum dazu Luft zu holen, denn in diesem Krimi sind alle Geschichten aus dem Leben gegriffen. Immer weniger Beamte, manchmal nicht einmal genug um Präsenz zu zeigen, bzw. dabei effektiv vorzugehen und Vorgesetzte die nicht müde werden das Damoklesschwert Verhältnismäßigkeit zu schwingen – Resignation macht sich breit unter den Kollegen der Autorin und Nachwuchs ist knapp geworden – dies sind Tania Kambouris Hauptanliegen, wenn ich das richtig verstanden habe.

Mit ihrem Buch wendet sie sich nicht nur an Bürgerinnen, die Interesse daran haben sich die Augen öffnen zu lassen, dafür was nachts so auf den Strassen der Großstädte abläuft. Sie plädiert vor allem für ein sofortiges Handeln in der Politik, doch trifft sie dort scheinbar auf taube Ohren. Wundern tut sich die Autorin nicht, schließlich ist die Lebenswirklichkeit eines Berufspolitikers weit entfernt von der einer Streifenpolizistin. Zudem sind Tania Kambouris Themen und Anliegen unbequem, auch für ihre Leserinnen. Denn sie zwingen einen sich mit Entwicklungen in diesem Land auseinanderzusetzen, die bei genauer Betrachtung ganz schon furchteinflößend sind. Mir lief es auch oft kalt den Rücken hinunter, vor allem dann wenn Tania Kambouri eine mögliche Zukunft skizziert, sollte nicht bald gehandelt werden.

Alles in allem ist „Deutschland im Blaulicht“ ein überaus interessantes und politisch brisantes Buch. Tania Kambouri ist eine sympathische, wenn auch etwas forsche Frau, die sich traut unbequeme Wahrheiten aus -, bzw. anzusprechen. Diese haben jedoch das Potenzial einer Leserin Angst vor der städtischen Nacht einzujagen, sind also mit Vorsicht zu genießen und nicht unbedingt was für zarte Gemüter – wobei ich persönlich der Meinung bin, dass es wichtig ist zu wissen, was in der Nachbarschaft, in diesem Land und der Welt vor sich geht, um letztlich informierte Entscheidungen treffen zu können, darüber wann man sich wo aufhält, wie man sich schützen kann und wofür man sich engagieren soll. Unter diesem Gesichtspunkt ist „Deutschland im Blaulicht“ eine mehr als informative Lektüre, die ich interessierten, sowie besorgten Leserinnen wärmstens empfehle.

Deutschland im Blaulicht: Notruf einer Polizistin – Tania Kambouri – ISBN 978.3.492.06024.0

Für Leserinnen, die…

  • …mit  einer Polizistin auf Streife gehen wollen.
  • …sich für das Leben in deutschen Großstädten interessieren.
  • …unangenehme Wahrheiten vertragen.

Am besten kombiniert mit…

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