(Neuerscheinung) Wildauge von Katja Kettu

Katja Kettu, Jahrgang 1978, gehört zu einer Gruppe junger Autoren in Finnland, die sich der deutschen Besatzungszeit mit einem neuen, freien Blick nähern. Ihr Roman Wildauge beruht auf den Aufzeichnungen ihrer Großmutter. Er wurde hochgelobt, stand wochenlang auf Platz 1 der finnischen Bestsellerliste und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. Er erscheint in 19 weiteren Sprachen. (Quelle: Ullstein online)

51j9e6m0P+L._SX314_BO1,204,203,200_Lappland im Sommer 1944. Johannes Angelhurst ist deutscher Offizier, er soll als Fotograf die finnischen Verbündeten porträtieren. Als er der Hebamme »Wildauge« begegnet, ist er fasziniert. Ihr Blick ist frei und ungestüm – fast wie der eines wilden Tieres. Auch Wildauge fühlt sich sofort zu dem schweigsamen Mann in seiner schwarzen Uniform hingezogen. Und so lässt sie sich, als er in ein Kriegsgefangenenlager abkommandiert wird, dort als Krankenschwester einschleusen. Zwischen beiden entbrennt eine bedingungslose, wilde Leidenschaft. Doch im Lager passieren grauenvolle Dinge. Und der Krieg geht dem Ende zu, Deutsche und Finnen stehen nicht länger auf derselben Seite.

Was ich an dieser Stelle schon einmal vorweg sagen möchte ist, dass Bücher über den zweiten Weltkrieg eigentlich so gar nicht mein Fall sind. Vielleicht bin ich einfach übersättigt oder die sich durch dieses Genre ziehende Grausamkeit schreckt mich ab – schließlich lese ich aus eben diesem Grund auch keine Thriller – wie dem auch sei, „Wildauge“ hatte bei mir keinen einfachen Start. Dennoch konnte es sich im Vergleich mit anderen Büchern des Genres behaupten, vor allem dadurch, dass es mir einen Blickwinkel auf die zentrale Thematik eröffnete, den ich so noch nie gelesen habe. Trotzdem ist „Wildauge“ nichts für schwache Nerven, denn die Blutrünstigkeit der Antagonisten begründet sich in wahren Begebenheiten.

Mein erster Eindruck des Romans ist ein Flickenteppich. Katja Kettu beginnt ihre Erzählung mit einem fiktiven Vorwort, dann kommt ein Brief und anschließend eine Erzählpassage und als Leserin habe ich keinen leichten Einstieg in das Buch. Noch nach 100 Seiten fällt es mir manchmal schwer eins und eins zusammen zu zählen. Gegen Ende fügen sich die Puzzlestück zwar zu einem komplexen Ganzen zusammen, für manch eine Leserin dürfte es da aber schon zu spät sein. Auch ich spielte hier und da mit dem Gedanken aufzugeben, denn die Lektüre von „Wildauge“ artete zusehends in Arbeit aus. Ich schuldete dem Ullstein Verlag jedoch eine Rezension und so kämpfte ich mich weiter durch die kargen Wälder Laplands, ernährte mich von Moosbeeren und scheuerte mir die Füße wund.

Erzählt wird diese Geschichte zum größten Teil von Wildauge selbst, einer finnischen Hebamme, die sich in einen SS-Soldaten verliebt und in (s)einem Straflager anheuert. Ihre Erzählung ist etwas verworren und das Netzwerk von Figuren, das sie umgibt bleibt über die Dauer des Romans schwer zu definieren. Vieles bleibt ungesagt oder wird lediglich angedeutet. Die Struktur dieses Romans lädt dazu ein mit den Gedanken etwas abzuschweifen. Doch kann diese Leserin sich das keinen Augenblick erlauben, es könnte schließlich ein Nebensatz kommen, nahezu achtlos dahingesagt, der mir Antwort gibt auf eine der Fragen, die mir schon seit Beginn der Lektüre nicht aus dem Kopf gehen. Wer ist Wildauge? Woher kommt sie? Was macht sie für die Dorfbewohner so besonders, bzw. beängstigend?

Ab und zu kommen auch andere Figuren zu Wort, zum Beispiel in den ominösen Briefen mit denen jeder der sechs Teile dieses Romans beginnt. Aber auch das Objekt von Wildauges amourösem Wahn Johann Angelhurst darf erzählen, allerdings weitaus seltener. Er liefert einen Blick auf die Hauptfigur, den man aus ihren eigenen Erzählungen nicht kriegen kann. Seine durch den Gebrauch von Rauschmitteln verklärten Ausführungen tragen jedoch eher zur Mythenbildung bei, als dass sie Wildauge in den Augen der Leserin zu einer ganz normalen Frau machen würden. Der Blick Johann Angelhursts auf Wildauge ist auch dass, was sie in ihr Verderben treibt. Zu spät bemerkt sie, dass die ehemaligen Verbündeten nun hinter ihr her sind und muss dafür um ein Haar mit dem Leben bezahlen, während ihr Geliebter im Drogenrausch Massengräber aushebt.

Insgesamt ist „Wildauge“ eine interessante, aber sehr schwer verdauliche Lektüre. Katja Kettu schreibt über von den Nazis in ihren Internierungslagern an Frauen verübte Gräueltaten, die so nicht im Geschichtsunterricht vorkommen – es meines Erachtens aber sollten. Das alleine nimmt mir zeitweilig schon den Atem, denn es legt sich wie ein Schatten über die Handlung. Das vor dieser Kulisse im Grunde eine Liebesgeschichte aufgeführt wird, verliert man schnell aus den Augen. Diese Liebesgeschichte, so weltfremd und nahezu erotomanisch sie auch sein mag, gibt der Erzählung fast schon wieder eine liebliche Note. Insofern ist „Wildauge“ ein Roman, den man nur ganz schwer einschätzen, bzw. festlegen kann. Mein eigener Eindruck war etwas durchwachsen, vor allem aufgrund der Gewaltbeschreibungen werde ich diesen Roman wohl kein zweites Mal lesen.

Wildauge – Katja Kettu – ISBN 978.3.548.28616.7

Für Leserinnen, die…

  • …sich eine Geschichte (mühsam) erarbeiten wollen.
  • …den Blick nicht abwenden, auch wenn es schwer fällt.
  • …Interesse an der jüngeren finnischen Geschichte haben.

Am besten kombiniert mit…

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