(Neuerscheinung) Kindes Kind von Barbara Vine

Barbara Vine geboren 1930, lebte in London. Ihre Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen, u.a. einen Silver Dagger, drei Gold Dagger und 1991 den Cartier Diamond Dagger für ihr Lebenswerk. 1996 erhielt sie von der Queen den Ehrentitel Commander of the British Empire und 1997 schließlich den Grand Master Award der Mystery Writers of America für das Gesamtwerk. Sie wurde auf Vorschlag von Tony Blair geadelt und ins House of Lords berufen. Barbara Vine starb am 2.5.2015 in London. (Quelle: diogenes.de)

41Aa+0JigOL._SX315_BO1,204,203,200_Schluss mit der Wohnungsnot: Als Grace und ihr Bruder Andrew das Haus ihrer Großmutter erben, ziehen sie zusammen. Doch was, wenn ein Dritter ins Spiel kommt? Grace flieht in die Welt der Bücher – um darin ein ähnlich ungewöhnliches Geschwisterpaar wiederzufinden. ›Kindes Kind‹ handelt von vertuschten Familiengeheimnissen gestern und heute. Ein Leseabenteuer auf den Seitenpfaden des Begehrens.

Die voraussichtlich letzte Veröffentlichung der im vergangenen Jahr leider verstorbenen Autorin Ruth Rendell, die sich hier Barbara Vine nennt, ist eine wahre Matroschka Puppe von einem Roman. Denn in der Geschichte des jungen Zwillingspaares findet sich eine weitere Geschichte, die im Grunde nichts mit der Rahmenerzählung zu tun hat – mal abgesehen davon, dass sie in Form eines Manuskriptes innerhalb selbiger für eine der Hauptfiguren eine kleine Rolle spielt. Was dabei dafür sorgt, dass die Lektüre von „Kindes Kind“ eher enttäuschend ist, ist dass der Klappentext die Geschichte in der Geschichte nur kurz erwähnt, obwohl diese im Grunde den größten Teil der Lektüre ausmacht. Während die Rahmenerzählung es vielleicht auf 100 Seiten bringt ist die darin eingebettete Geschichte gut doppelt so lang.

Demnach fällt es mir schwer zu entscheiden, auf welchen Teil der Geschichte ich mich nun beziehen soll. Die Rahmenhandlung fängt interessant an und hätte viel Potenzial gehabt, wurde von der Autorin aber nicht weiter ausgebaut und so bleibt ebendieses Potenzial ungenutzt, was aus meiner Sicht überaus schade ist. Denn es war die Geschichte von Grace und ihrem Zwillingsbruder, die mich dazu gebracht hat mich zunächst für das Buch zu interessieren. Die darin verborgene Geschichte einer unverheiratet schwanger gewordenen Jugendlichen in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts allerdings ringt mir selten mehr ab als ein müdes Lächeln. Hier hat der Verlag meiner Meinung nach das falsche Buch im Klappentext beschrieben, was sicher einige enttäuschte Leserinnen nach sich ziehen dürfte, mich eingeschlossen.

Denn die Binnenerzählung, die dem Roman seinen Titel gibt, haut mich letztlich nicht ernsthaft von den Socken. Das angeblich von einem berühmten Schriftsteller lange Zeit zurück gehaltene Manuskript ist keinesfalls so bahnbrechend, wie es in der Rahmenerzählung beschrieben wird, es ist bestenfalls mittelmäßig. Es kratzt mit seiner Erzählung lediglich an der Oberfläche einer schon lange nicht mehr aktuellen Thematik. Beim Lesen hat man nicht das Gefühl einen besonderen Zugang zu den Figuren und ihrer Geschichte zu erlangen. Barbara Vine geht selbst über Mord und Totschlag achtlos hinweg, so als schreibe sie über das Wetter. Als Leserin wird man konsequent auf Armeslänge von der Geschichte fern gehalten, die nicht etwa vor dem Auge der Leserin passiert sondern dieser immer nur erzählt wird, im Stil von XY machte/dachte/sagte dies und das, die Jahre vergehen, Ende – bei diesem Erzählstil kann gar keine Spannung entstehen.

Ich muss gestehen, dass ich die anderen Romane von Ruth Rendell alias Barbara Vine nicht kenne. Dass sie sich mit einem so unterwältigenden Leseerlebnis von ihrer Leserschaft verabschiedet finde ich aber trotzdem äußerst schade. Wer die Autorin schon kennt, dem rate ich an dieser Stelle „Kindes Kind“ links liegen zu lassen. Denn es ist weder Fisch noch Fleisch, ist Frankensteins Monster in Form eines Romans, erreicht diese Leserin weder in der Rahmenhandlung noch in der Binnenerzählung. Der Stil ist zwar äußerst eingängig, allerdings bedeutete das in meinem Fall nur, dass ich diesen Roman, der mich einfach nicht für sich begeistern konnte, glücklicherweise schnell durchgelesen hatte und anschließend wieder weg legen konnte. Mehr allerdings kann ich diesem Buch nicht abgewinnen und das obwohl meine anfänglichen Erwartungen an diesen Roman nicht annähernd so hoch waren, wie sie es bei manch anderen Büchern sind.

Insgesamt bietet „Kindes Kind“ ein überaus durchwachsenes Leseerlebnis, was sich einwandfrei darauf zurück führen lässt, dass das Buch aus zwei verschiedenen Romanen besteht. Während die Rahmenerzählung mir Hoffnung machte, auf ein zufriedenstellendes, vielleicht sogar ganz spannendes, Leseerlebnis, habe ich mich durch die Binnenerzählung nahezu hindurch gequält. Nach der Lektüre habe ich nicht das Gefühl, dass mir der Roman und seine beiden Teile in besonders guter, bzw. differenzierter Erinnerung bleiben werden. Denn mich persönlich hat die Lektüre von „Kindes Kind“ emotional ähnlich unterfordert wie eine Broschüre über Grippeschutzimpfungen oder die Gebrauchsanweisung für meine elektrische Zahnbürste. Dabei schließe ich nicht aus, dass es Leserinnen gibt, die sich besser auf dieses Buch einlassen können, viele dürften es angesichts der Oberflächlichkeit der Erzählung allerdings nicht sein.

Kindes Kind – Barbara Vine – ISBN 978.3.257.06946.4

Für Leserinnen, die…

  • …oft mehre Bücher gleichzeitig lesen.
  • …lediglich an der Oberfläche kratzen wollen.
  • …gerade nichts interessanteres zu lesen haben.

Am besten kombiniert mit…

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2 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Kindes Kind von Barbara Vine“

  1. Guten Morgen liebe Bücherphilosophin!
    Ich muss jetzt doch mal rasch schreiben. Wir scheinen irgendwie zu den gleichen Büchern zu greifen, sie aber ganz unterschiedlich zu erleben. Ich habe „Kindes Kind“ sehr gemocht und auch „Das Vermächtnis der Göttinnen“ hat mich total gefesselt. Ich bin gespannt, was ich auf Deinem Blog noch so entdecken werde.
    Liebe Grüße,
    Mina

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Mina 🙂 Ich freue mich mal wieder von Dir zu hören! Was für ein lustiger Zufall, dass wir in letzter Zeit oft das Gleiche lesen. Hat aber vielleicht auch was damit zu tun, dass beide Bücher einfach zu den interessantesten Neuerscheinungen des Herbstes 2015 zählen 😉

      Es ist interessant, dass wir so unterschiedliche Erlebnisse mit den Büchern hatten. Das zeigt mal wieder, wie sehr persönliche Präferenzen den Eindruck einer Lektüre bestimmen.
      Ich fand „Die Göttinnen“ thematisch zwar interessant, es war mir aber viel zu experimentell. Ich mag traditionell erzählte Bücher am liebsten – was auch daran liegt, dass mein Kopf seit neustem manchmal nicht so mitspielt und es mir schwer fällt mich auf experimentelle Erzählstrukturen zu konzentrieren, bzw. einzulassen.

      Im Bezug auf das „Kindes Kind“ habe ich einfach etwas ganz anderes erwartet. Hätte ich gewusst was genau mich erwartet, dann hätte ich das Buch sicher nicht angefordert.
      Trotzdem freue ich mich natürlich für Dich, wenn Du einen besseren Zugang zu diesem Buch hast. Vielleicht sind wir ja bei der nächsten Lektüre wieder mal einer Meinung 🙂

      Gefällt 1 Person

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