(Stella Prize 2016) A Guide to Berlin von Gail Jones

Gail Jones ist gebürtige Westaustralierin. „Sixty Lights“ erschien 2004 und war für den „Man Booker Prize“ nominiert. Bereits ihr erster Roman, „Black Mirror“, wurde vielfach ausgezeichnet. Gail Jones unterrichtet Englisch, Kommunikation und Kulturwissenschaft an der University of Western Australia. (Quelle: dtv online)

51++x8PVtmL._SX317_BO1,204,203,200_We travel to find ourselves; to run away from ourselves. ‚A Guide to Berlin‘ is the name of a short story written by Vladimir Nabokov in 1925, when he was a young man of 26, living in Berlin. A group of six international travellers, two Italians, two Japanese, an American and an Australian, meet in empty apartments in Berlin to share stories and memories. Each is enthralled in some way by the work of Vladimir Nabokov, and each is finding their way in deep winter in a haunted city. A moment of devastating violence shatters the group, and changes the direction of everyone’s story. Brave and brilliant, a Guide to Berlin traces the strength and fragility of our connections through biographies and secrets.

Das erste Buch meines Stella Prize 2016 Projektes ist gelesen und ich muss sagen, es war schon mal ein guter Anfang. Gail Jones erzählt die Geschichte eines Nabokov Buchclubs besehend aus sechs Berliner Expats. Abgesehen von Hauptfigur Cass, die Mitte zwanzig ist und wie Gail Jones selbst aus Australien kommt, sind da noch der amerikanische Victor, ein japanisches Liebespaar, namentlich Mitsuko und Yukio, und zwei italienische Jugendfreunde, Marco und Gino. Zusammen gründen sie den besagten Buchclub, der sich alle zwei Wochen in einer leerstehenden Berliner Wohnung trifft. Bevor sie jedoch über Nabokovs Werk diskutieren, erzählen die sechs sich unter dem Titel „speakmemory“ erst einmal ihre jeweiligen Lebensgeschichten und sind anschließend nahezu erschüttert davon, welche biografischen Parallelen zwischen ihnen bestehen.

Abgesehen von den Kapiteln, die sich den „speakmemories“ widmen folgt die Leserin Cass durch die Straßen Berlins, am liebsten mit der U- oder S-Bahn. An der Seite der jungen Australierin streift diese Leserin durch die winterlich verschneiten Straßen der Hauptstadt, in der ich bisher nur ein einziges Mal war und das ist lange her. Doch beschreibt Gail Jones die urbanen Schauplätze mit viel Detail und vergisst darüber auch nie die emotionale Ebene, welche in der Regel über den geschichtlichen Bezug erreicht wird, den man in einer Stadt wie Berlin an jeder Ecke findet. Dabei erdrückt mich die Autorin aber nicht mit Handlung, sie lässt der Geschichte viel mehr Zeit sich ganz von alleine zu entfalten und sich zu einem Crescendo hochzuschaukeln, von dem dieser Leserin auch ein paar Tage nach der Lektüre noch ein wenig die Ohren klingeln – ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen.

Die „speakmemories“ durchbrechen die Handlung in regelmäßigen Abständen, jedes Mal wenn sich der Expat-Buchclub bei Wein und japanischen Leckereien trifft. In diesen Momenten der Erzählung erfährt die Leserin mehr über die Nebenfiguren des Romans und zwar aus deren ureigener Perspektive – wobei ich als Leserin schnell merke, dass nicht alle Figuren so frei von sich berichten, bzw. den anderen Mitgliedern des Buchclubs ihre Lebensgeschichte enthüllen, wie es anfangs den Anschein nahm. Es sind diese Geheimnisse, die sich am Ende zu einer Katastrophe verdichten, welche die Figuren, ihre Beziehungen untereinander und ihre Erinnerungen an ihre Zeit in Berlin für immer verändern und gedanklich verdunkeln werden. Trotz der ausführlichen Charakterisierung, komplett mit Vorgeschichte, welche die Figuren in ihren „speakmemories“ erfahren, bleiben sie in meinen Augen doch oft etwas farblos. Lediglich Hauptfigur Cass lässt mich an sich heran, bzw. durchgehend und ungeschönt an ihren Gedanken teilhaben.

Obwohl dieser Roman nach einer Kurzgeschichte von Vladimir Nabokov benannt wurde, hat er im Grunde eher wenig damit zu tun. Es wird ab und zu Bezug darauf genommen, beispielsweise wenn Cass und Victor das Berliner Aquarium besuchen, auf der Suche nach einer Schildkröte, die schon Vladimir Nabokov Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts dort gesehen haben soll. Ansonsten konzentriert sich Gail Jones jedoch auf das Hier und Jetzt, bzw. die unmittelbare Realität ihrer Figuren und die Bindungen die sich mit der Zeit zwischen ihnen entwickeln; im Besonderen die Freundschaft von Cass und Victor, ebenso wie die kleine Liebelei, die sich zwischen Cass und Marco entwickelt. Auch wenn der Roman um einiges seitenstärker sein dürfte als die Geschichte, die ihm den Titel gab, bietet er seiner jeweiligen Leserin im Grunde nicht viel mehr, zumindest nicht wenn es um die Vielfalt der Handlung geht. Das dicke Ende kommt leider etwas (zu) spät und in den Kapiteln davor tritt die Geschichte größtenteils auf der Stelle.

Insgesamt ist „A Guide to Berlin“ ein ansprechend geschriebener Roman, der jedoch zu sehr darauf vertraut, dass interessante Figuren seine Leserin schon bei der Stange halten dürften. In gewisser Weise zahlt sich dieses Vertrauen auch aus, nur bleibt bei mir eben noch ein kleiner Rest Unzufriedenheit – oder vielleicht ist es literarische Rastlosigkeit? – zurück. Denn Gail Jones zeichnet lange nicht jede Figur so farbenfroh wie Cass, und so bleiben sie mir trotz des Seelenstriptease, der in den „speakmemories“ stattfindet, größtenteils fremd und wirken konsequenterweise auch etwas unwirklich. Der literarische Paukenschlag mit dem die Autorin ihre Geschichte beendet kommt nicht nur zu spät, um der Handlung an sich dampf zu machen, sondern wirkt er auf mich als Leserin auch etwas forciert. Im Grunde ist „A Guide to Berlin“ ein gelungenes Buch, nur fehlt mir persönlich das gewisse Etwas, damit es sich von der Masse an literarischen Veröffentlichungen abhebt, bzw. sich im Vergleich mit seinen Konkurrenten um den „Stella Prize“ hervortut.

A Guide to Berlin – Gail Jones – ISBN 978.1.846.55997.6

Für Leserinnen, die…

  • …das Werk von Vladimir Nabokov kennen.
  • …gerne S-, bzw. U-Bahn fahren.
  • …sich ein bisschen in Berlin auskennen.

Am besten kombiniert mit…

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