(Stella Prize 2016) The Other Side of the World von Stephanie Bishop

Nachdem mein Eindruck von „A Guide to Berlin“ von Gail Jones eher von gemischten Gefühlen geprägt war, habe ich in „The Other Side of the World“ einen echten Shortlist Kandidaten gefunden. Am 10. März ist es soweit, mal sehen, ob ich recht behalte…

41bzG63CKHL._SX313_BO1,204,203,200_Cambridge 1963. Charlotte struggles to reconnect with the woman she was before children, and to find the time and energy to paint. Her husband, Henry, cannot face the thought of another English winter. A brochure slipped through the letterbox gives him the answer: ‚Australia brings out the best in you‘. Charlotte is too worn out to resist, and before she knows it is travelling to the other side of the world. But on their arrival in Perth, the southern sun shines a harsh light on both Henry and Charlotte and slowly reveals that their new life is not the answer either was hoping for. Charlotte is left wondering if there is anywhere she belongs, and how far she’ll go to find her way home.

Mein zweites Buch von der Longlist des „Stella Prize“ 2016 ist ganz anders als das erste. Zunächst einmal spielt es Mitte der sechziger und zwar in Cambridge, England und Perth, Australien. An der Seite einer der Hauptfiguren unternimmt diese Leserin gegen Ende des Buchs ebenfalls einen kleinen Abstecher nach Indien, jedoch ergibt sich dieser aus der Handlung und ist mit Blick auf das große Ganze des Romans nicht unbedingt der Rede wert. Denn in „The Other Side of the World“ kontrastiert Autorin Stephanie Bishop, am Beispiel einer jungen Familie, vor allem das grüne, regnerische England mit dem wetterverwöhnten, hitzewelligen Australien, ohne ihrer Leserin dabei klar vorzugeben, welches Übel in diesem Fall nun das Geringere ist.

Denn auch das in „The Other Side of the World“ portraitierte Ehepaar ist sich da letztlich uneins. Während die gebürtige Britin Charlotte im trockenen, insektenreichen Perth fast vergeht – wenn nicht sogar zergeht, wie ein Stück Butter in einer heißen Pfanne – sehnt sich ihr Ehemann Henry nach Indien zurück, dem Land seiner frühen Kindheit. Da das britisch geführte Indien seit Ende der vierziger Jahre nicht mehr existiert, muss Australien für ihn als Platzhalter und Projektionsfläche herhalten. Hier plant er seinen zwei Töchtern die Chancen zu bieten, die seine Eltern ihm boten als sie ihn kurz vor der indischen Unabhängigkeit als „Indo-Briten“ nach England schickten. Charlotte allerdings ist nicht begeistert von der Idee und stimmt einer Übersiedelung nur widerwillig zu.

Dieser Widerwille Charlottes gegen das neue Land wird auch in den Naturbeschreibungen der Autorin wiedergespiegelt. In Australien ist alles trocken, rau und karg, der Schweiß rinnt der jungen Mutter wie Wasser aus den Poren, ihre Gartenarbeit verdorrt innerhalb des Tages an dem sie gepflanzt wurde und kleine schwarze Fliegen nisten im Mund ihrer ältesten Tochter, da ist die junge Familie kaum eine Stunde vom Schiff runter. Cambridge dagegen wirkt einladend und fruchtbar, wenn auch etwas regnerisch und feucht – wie man das von England gemeinhin kennt. Die Schauplätze des Buchs heben sich klar voneinander ab, Charlottes Einstellung zu ihren Aufgaben als Mutter ist jedoch dieselbe, unabhängig vom Wetter. Sie fühlt sich überfordert, erdrückt und vollkommen ausgelaugt.

Insofern schneidet Stephanie Bishop in ihrem Roman ein unbequemes und dennoch bewegendes Thema an, die Entfremdung einer Mutter von ihren Kindern. Im Fall von Charlotte tritt dies ganz allmählich ein, es schleicht sich in ihr bisher überaus glückliches Leben, verborgen im Schatten der Erschöpfung einer jungen Mutter, in einer Zeit in der Mütter noch für alle kindlichen Belange unmittelbar zuständig waren. Der Umzug nach Australien und die krasse Veränderung ihrer äußeren Umstände gibt Charlotte schließlich den Rest, sie will wieder nach Hause am besten sofort. Doch ihren nach wie vor hoffnungsvollen Mann davon zu überzeugen zurück zu kehren scheint nahezu unmöglich. Das Dilemma in dem sich Charlotte, und schließlich auch Henry, befindet spiegelt die Gefühlswelt vieler Auswanderer wieder – eine Mischung aus (enttäuschter) Hoffnung und maßloser Erschöpfung.

Insgesamt fügen sich die beiden Themenbereiche Mutterschaft und Auswanderertum zwischen den Seiten von „The Other Side of the World“ zu einem komplexem Familienportrait zusammen. Stephanie Bishop traut sich in ihrem Roman auch unbequeme Aspekte im Leben ihrer Figuren anzusprechen, traut sich überhaupt zu zeigen, wie schwer es ist fernab der Heimat Fuß zu fassen, und dass wenn überhaupt erst die zweite Generation so richtig angekommen ist. Diese Erkenntnis macht die Lektüre manchmal etwas stachelig, schließlich fühlt man als Leserin mit den Figuren mit und hofft darauf, dass sie es schaffen glücklich zu werden. Letztlich ist mir der schonungslose Realismus von „The Other Side of the World“ dann aber doch lieber als ein Happy End, auch wenn es mir als von dieser Geschichte ergriffene Leserin für die Hauptfiguren Charlotte und Henry, schon etwas Leid tut.

The Other Side of the World – Stephanie Bishop – ISBN 978.1.472.23061.4

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal daran gedacht haben auszuwandern.
  • …(komplizierte) Familiengeschichten mögen.
  • …einen gut gezeichneten Schauplatz zu schätzen wissen.

Am besten kombiniert mit…

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