(Feminismen) Appetites: Why Women Want von Caroline Knapp

Ich habe im letzten Jahr viele Bücher zum Thema Magersucht gelesen, doch bisher noch keines, das sich mit den soziologischen Konstrukten auseinandersetzt, die so viele junge Mädchen in die Arme dieser Krankheit treiben…

41cruuuibdL._SX320_BO1,204,203,200_In Appetites, Caroline Knapp confronts Freud’s famous question, “What do women want?” and boldly reframes it, asking instead: How does a woman know, and then honor, what it is she wants in a culture bent on shaping, defining, and controlling her desires? Knapp, bestselling author of Drinking: A Love Story and Pack of Two: The Intricate Bond Between People and Dogs, has turned her brilliant eye towards how a woman’s appetite—for food, love, work, and pleasure—has become a battlefield. She uses her own experiences with anorexia as a powerful exploration of what can happen when we are divorced from our most basic hungers—and offers her own success as testament to the joy of saying “I want.”

Caroline Knapp schreibt in „Appetites – Why women want“ über ihren jahrelangen Kampf mit der Magersucht, schildert Beginn, Verlauf und letztlich ihre Genesung und das danach. Sie betreibt Ursachenforschung und konzentriert sich, anders als die meisten Autorinnen ihres Genres, dabei nicht nur auf sich selbst, auf die eigene Lebensgeschichte, sondern versucht die sozio-kulturellen Einflüsse zu identifizieren, die Frauen und Mädchen das Gefühl vermitteln sich klein, ja fast schon unsichtbar machen zu müssen, was bei vielen in eine lebenslange JoJo-Diätspirale mündet, die bei einer kleinen Gruppe der weiblichen Bevölkerung außer Kontrolle gerät. Insofern verbindet Caroline Knapp die klassische Magersucht-Geschichte mit den gesellschaftskritischen Aspekten eines feministischen Sachbuchs – ich persönlich bin begeistert!

Denn ehrlich gesagt wurden mir die Magersucht Geschichten in ihrer ewigen Gleichförmigkeit mit der Zeit etwas langweilig. Während „Zu leicht für diese Welt“ von Emma Woolf mich noch so begeisterte, dass ich im letzten Jahr wieder und wieder zum Genre zurück kehrte, konnte ich diese Erfahrung mit den anschließend gelesenen Büchern leider nicht wiederholen. Caroline Knapp bringt für mich als Leserin mit ihrer nahezu akademischen Herangehensweise an die Thematik Essstörungen frischen Wind in mein, mit der Zeit etwas stickig gewordenes, Lesezimmer. Ihre Ausführungen erinnern vom Ton her u.a. an „The Ministry of Thin“ von Emma Woolf und „Die Geschlechterlüge“ von Cordelia Fine – beides Bücher, die mich mit ihren Erkenntnissen und Betrachtungen über den Alltagssexismus sehr aufgewühlt aber auch thematisch sensibilisiert haben.

Caroline Knapp beginnt ihre Geschichte mit ebendieser. Die Leserin begleitet sie zum Einkaufen und der Stein des Anstoßes wird in den Einkaufskorb gelegt. Es ist ein Becher Hüttenkäse, laut Caroline Knapp das deprimierendste Lebensmittel überhaupt und ein Symbol dafür, was Frauen sich alles antun, damit ihre Körperlichkeit auf akzeptable Maße reduziert wird. Ich persönlich war vor meinem Veganismus ein großer Fan von Hüttenkäse, ebenso Magerquark – ein meiner Meinung nach viel freudloseres Milchprodukt – aber ich kann ihre Argumentation trotzdem nachvollziehen. Denn die junge Caroline Knapp kauft diesen berüchtigten Becher Hüttenkäse nicht etwa, weil sie Lust darauf, eventuell Calcium oder Proteinmangel hat, sondern weil sie nicht glaubt an diesem Tag Pasta, eine Pizza oder Tacos (sprich Lebensmittel, die den Magen und die Seele zu gleichen Teilen beglücken) zu verdienen.

Der erste Schritt an den Rand des Abgrunds „Essstörung“ ist getan und es dauert nicht lange bis Caroline Knapp hinein fällt in die Schwärze und erst einmal nicht wieder hinaus findet. Interessanter als ihre Geschichte ist nur noch die Parallele, die die Autorin zum Stand unserer Gesellschaft zieht. Sie betrachtet das weibliche Körperideal vergangener Zeiten, vergleicht es mit den heutigen Hungerkünstlern, die uns von jeder Werbefläche aus anschmollen, und tut etwas, das vor ihr noch keine andere von Magersucht betroffene Autorin getan hat, sie erstellt Hypothesen darüber, wie sich eine lange nur als Einzelfall bekannte Krankheit zu einer modernen Epidemie auswachsen konnte. Schnell merke ich, dass es nicht nur an der individuellen Betroffenen und ihrer genetischen/familiären Vorbelastung liegt, sondern daran welche Rolle die mittlerweile relativ emanzipierte Frau innerhalb der Strukturen des Patriarchats erfüllt.

Insgesamt ist „Appetites: Why women want“ eine überaus interessante Analyse der sozio-kulturellen Strömungen, die Frauen dazu verleiten sich von ihrem Körper zu entfremden, ob sich dies nun in einem selbstempfundenen „Bad Hair Day“, in einer Diät nach der anderen oder einer (lebensgefährlichen) Essstörung äußerst. Wer wie ich gerne (oder zumindest oft) Memoiren von Essgestörten liest, der kommt um dieses Buch nicht herum. Denn Caroline Knapp macht dort weiter, wo anderen Autorinnen scheinbar das Know-How fehlt. Sie füllt die Lücken auf der Suche nach dem Warum und führt die Ursachenforschung von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene. Gleichzeitig lässt sie die Leserin an ihrem eigenen Kampf gegen die Magersucht teilhaben, was mich persönlich emotional an die Autorin bindet und offener macht für die gesellschaftskritischen Inhalte dieses unvergleichlich informativen und lesenswerten Buchs.

Appetites: Why Women Want – Caroline Knapp – ISBN 978.1.582.43808.5

Für Leserinnen, die…

  • …meinen sich diätisch selbst kasteien zu müssen.
  • …sich von der weiblichen Lebensrealität überfordert fühlen.
  • …sich der Verbindung zwischen sozialem Druck und somatischer Erkrankung bewusst werden wollen.

Am besten kombiniert mit…

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