(Neuerscheinung) #regretting motherhood: Wenn Mütter bereuen von Orna Donath

Orna Donath, geboren 1976, erforscht als Soziologin an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be‘er Sheva gesellschaftliche Erwartungen, die an Frauen, Mütter wie Nichtmütter, gestellt werden. Nach der Studie „Making a Choice“ über jüdische Frauen in Israel, die sich gegen Kinder entscheiden (2011), ist „Regretting Motherhood“ ihre erste internationale Buchveröffentlichung. Über ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus engagiert sie sich ehrenamtlich für das Hasharon’s Rape Crisis Center in Raanana. (Quelle: randomhouse.de)

41sZQUkJxKL._SX312_BO1,204,203,200_„Regretting Motherhood“ thematisiert, was bisher kaum ausgesprochen wird: Dass viele Frauen in der Mutterschaft nicht die „vorgeschriebene“ Erfüllung finden. Dass sie ihre Kinder lieben und trotzdem nicht Mutter sein wollen. In ihrem bahnbrechenden Buch analysiert die engagierte Soziologin Orna Donath die Dimension des Tabus und lässt Mütter selbst von ihren Erfahrungen berichten.

Die Studie, die diesem Buch zugrunde liegt sorgte auf der ganzen Welt, und besonders in Deutschland, für Aufruhr. Was dabei vor allem zu hören war, war die Wut anderer auf Mütter, die bereuen, Mütter, die angeblich selbstsüchtig und faul sind und ihren Kindern nur Schaden, indem sie sie weg wünschen. Ich persönlich habe zum ersten Mal von der Debatte in der EMMA gehört, in der den Stimmen der bereuenden Müttern ein wenig mehr Raum gegeben wurde, als in der Tagespresse. Nachdem ich nun auch noch das Buch der Autorin der Studie gelesen habe, stellt sich die Situation für die israelischen Mütter, die an der Studie teilgenommen haben um einiges vielschichtiger und komplexer dar.

Was in der deutschen Presse weitgehend untergegangen ist, ist der Kontext in dem die Studie über Reuegefühle bei Müttern durchgeführt wurde. Israel ist zwar genauso wie Deutschland ein modernes, bzw. westlich geprägtes Land, doch kann man die beiden Länder trotzdem nicht in allem miteinander gleich setzen. #regretting motherhood zeichnet ein ausführliches Bild der soziokulturellen Verhältnisse im Land der Autorin und macht so vor allem deutlich unter was für einem Druck junge israelische Frauen stehen zu heiraten und kurz darauf viele Kinder zu bekommen. Nach der Geburt wird die Identität der Mutter nicht nur von ihrem Neugeborenen in Beschlag genommen, sondern regelrecht von diesem absorbiert – hier wiederum ähneln sich Deutschland und Israel dann doch ein wenig.

Die von Orna Donath interviewten Mütter gehören allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten an, haben ein Kind oder mehrere, erziehen alleine, mit dem Partner oder in Teilzeit, manche sind sogar schon Großmütter – und trotzdem bereuen sie. Denn es sind nicht die Kinder, die von ihren Mütter bereut oder weg gewünscht werden. Das wird mir im Laufe der Lektüre klar, bzw. wird dies auch so von einigen der Mütter dargelegt. Es ist die Mutterschaft an sich, die alles überschattende Verantwortung für ein anderes Leben und die kulturellen Erwartungen , die damit einhergehen. Es ist der nahezu vollständige Verlust der kinderlosen Identität mit dem immer nur die Mütter, so die Autorin, aber nie die Väter zu kämpfen haben, und das in allen Kulturen.

Der Konflikt, der hier entsteht, hat das Potenzial eine Familie zu entzweien und bereuende Mütter von ihren eigenen Kindern zu entfremden. Einige gestehen Autorin Orna Donath, dass sie ihre eigenen Töchter am liebsten warnen würden, davor Kinder zu kriegen, es jedoch nicht tun. Denn das würde heißen die eigene Reue einzugestehen und seinem Kind das Gefühl zu geben nicht gewollt, vielleicht nicht einmal geliebt zu sein. Andere Studienteilnehmerinnen wiederum gehen vollkommen offen mit ihrer Reue um, beeindruckend einerseits aber auch etwas verstörend, wenn man bedenkt, dass die Kinder mit den ambivalenten Gefühlen ihrer Mutter aufwachsen und zurecht kommen müssen, was sicher spätestens mit dem Eintritt der Pubertät Konflikte heraufbeschwören wird.

Alles in allem ist #regretting motherhood die kommentierte, für nicht Akademiker zugänglich gemachte, Langversion der Originalstudie und somit für geneigte Leserinnen, die eventuell schon den Twitter Hashtag mitverfolgt haben, durchaus interessant. Darüber hinaus enthält das Buch nicht viel verwertbares, Donaths Aufruf nach mehr Toleranz gegenüber der bereuenden Mutter fällt etwas verhalten aus. Denn sie setzt ihre Studie nicht in den geschichtlichen Kontext, stellt keine Nachforschungen darüber an warum scheinbar die ganze Welt diesen entmenschlichenden Mütterkult betreibt und was das für die Gleichstellung von Mann und Frau bedeutet, nicht nur vorm Gesetz sondern auch im Alltag. Insofern ist #regretting motherhood zwar informativ aber nur eingeschränkt empfehlenswert.

#regretting motherhood: Wenn Mütter bereuen – Orna Donath – ISBN 978.3.813.50719.5

Für Leserinnen, die…

  • …die Twitter Hashtag Debatte verfolgt haben.
  • …sich unangenehmen Realitäten stellen wollen.
  • …ihre Mutterschaft bereuen, aber nicht die Kinder.

Am besten kombiniert mit…

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