(Neuerscheinung) Ich heiße nicht Miriam von Majgull Axelsson

Majgull Axelsson wurde 1947 geboren und ist eine der erfolgreichsten und beliebtesten Schriftstellerinnen Schwedens. Für ihre Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Mit dem Bestseller „Die Aprilhexe“ gelang ihr der Durchbruch in Deutschland. Ihr aktueller Roman „Ich heiße nicht Miriam“ erschien im Herbst 2015 bei List. (Quelle: lovelybooks.de)

518AcZuzmfL._SX302_BO1,204,203,200_An ihrem 85. Geburtstag bekommt Miriam Guldberg von ihrer Familie einen silbernen Armreif geschenkt, in den ihr Name eingraviert ist. Beim Anblick entfährt ihr der Satz: „Ich heiße nicht Miriam“. Niemand in ihrer Familie kennt die Wahrheit über sie. Niemand in ihrer Familie ahnt etwas von ihren Wurzeln. Doch an diesem Tag lassen sich die Erinnerungen nicht länger zurückhalten, und sie erzählt zum ersten Mal von ihrem Leben als Roma unter den Nazis, im KZ und als vermeintliche Jüdin in Schweden.

In ihrem Roman „Ich heiße nicht Miriam“ erzählt Majgull Axelsson die Geschichte einer jungen Roma, die aus Not nach dem Krieg zur Hochstaplerin wird und sich in ihrem Geflecht aus Lügen um ein Haar zu verlieren droht. Erst gegen Ende ihres Lebens findet sie die Kraft ihr wahres Ich zu offenbaren und setzt damit doch alles, was sie sich so mühsam im Leben aufgebaut hat aufs Spiel. Ihre Geschichte wird größtenteils über Rückblenden erzählt, angefangen damit, dass sie von ihrer Familie getrennt und in einem katholischen Heim aufgezogen wird, von dort wird sie ins KZ verschleppt, zunächst nach Ausschwitz verfrachtet, um letztlich in einem weniger berüchtigten Arbeitslager zu enden. All diese Offenbarungen bringt die alte Miriam nur mit Mühe hervor, die Erinnerungen drohen die Witwe zu überwältigen.

In Gegenwart ihrer Enkeltochter findet Miriam den Mut zu erzählen, davon wie selbst nach dem Krieg gegen Sinti und Roma gehetzt wurde, davon dass es ihr einfacher, sicherer schien sich als Jüdin auszugeben, zunächst im KZ und schließlich auf der Reise nach Schweden – einem Land, das sich für tolerant und aufgeschlossen hält, in dem laut der Autorin aber nach wie vor tief verwurzelte Ressentiments gegen Sinti und Roma herrschen. Diese gipfeln im Laufe des Romans zu einem Aufstand mit gewalttätigen Ausschreitungen, die Miriam ein für alle Mal davon überzeugen, dass es kein Zurück gibt in ihre alte Identität. So fügt sie sich in ihr Schicksal und findet ab und zu sogar etwas Glück, darin zum Beispiel ihren Stiefsohn zu erziehen und natürlich daran, dass ihr Leben als Zahnarztfrau nach all den Entbehrungen des Lagerlebens überaus komfortabel ist

Wie jedes Buch über den Holocaust liegt mir auch „Ich heiße nicht Miriam“ lange nach der Lektüre noch schwer im Magen. Es ist nicht ganz so brutal wie „Wildauge“ von Katja Kettu, die KZ-Szenen, die immer im Wechsel mit der Rahmenhandlung erzählt werden, sind aber trotz allem wie ein Schlag in die Magengrube. Es wird das allgemein bekannte Elend beschrieben, der Hunger und was er mit Menschen macht, die systematische Diskriminierung ganzer Gruppen von KZ-Insassen, in diesem Buch sind es norwegische Kommunistinnen, und Bevorzugung anderer, die sich im Zuge dessen zur Lagerpolizei aufschwingen, willkürliche Brutalität, ansteckende Krankheiten, Fäulnis und Tod.  Was dieses Buch besonders macht ist, dass es vom Schicksal einer Roma erzählt, eine Perspektive, die nur selten in der literarischen Aufarbeitung des Holocaust eingenommen wird.

Miriam erzählt ihrer Leserin vom Zigeunerlager in Auschwitz, dessen gesonderter Stellung innerhalb des Lagers und dem Aufstand der dort sogar die Wachen verschreckte. Sie erzählt von Doktor Mengele und seinen Bonbons, die dafür sorgten, dass den Kindern nach und nach die Gesichter weg faulten – speziell dieser Abschnitt war für mich nur sehr schwer zu lesen. Sie erzählt mir Dinge, die ich so noch nicht wusste, über die ich mich im Angesicht der sechs Millionen Opfer nicht wundere, die mich aber dennoch bis aufs Mark verstören und erschrecken. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, merke ich schnell, der muss einen starken Magen haben und darf nicht allzu zart besaitet sein. Denn auch wenn das in diesem Roman geschilderte Schicksal erfunden ist, ist das Vernichtungslager Auschwitz doch brutale, menschenverachtende Realität gewesen.

Letztlich macht dies „Ich heiße nicht Miriam“ zu einem wichtigen Buch, einem Buch, dass eine der Lücken im Geschichtsunterricht füllt, der zwar die Sinti und Roma, die Schwulen und Lesben, die psychisch Erkrankten, die geistig und körperlich Behinderten, sowie die politisch anders Denkenden erwähnt aber dann oft doch nur als Hintergrundrauschen nach dem eigentlichen Übel, welches den Juden angetan wurde. Doch ist es nicht nur die deutsche Vergangenheit, die hier aufgearbeitet wird, sondern auch die skandinavische Gegenwart, im besonderen die Vorurteile und Diskriminierung, die bestimmte Bevölkerungsgruppen nach wie vor erfahren. „Ich heiße nicht Miriam“ ist ein Buch das erschüttert und entzaubert, vor allem solche Leserinnen, die dazu neigen Skandinavien zu idealisieren.

Ich heiße nicht Miriam – Majgull Axelsson – ISBN 978.3.471.35128.4

Für Leserinnen, die/deren…

  • …eine wenig erzählte Perspektive auf den Holocaust gewinnen wollen.
  • …Großmütter Geheimnisse hüten.
  • …einen kritischen Blick auf die schwedische Gesellschaft werfen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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