(#01/2016) Aller guten Bücher sind 3…!

Aufgrund meines Gesundheitszustandes habe ich beschlossen mein Rezensionspensum etwas einzudämmen und werde von nun an nicht mehr jedes gelesene Buch in einem eigenen Beitrag rezensieren. Dies ist also die erste Sammelrezension, nicht allzu viele Bücher – ich will hier schließlich niemanden mit Leseempfehlungen erschlagen – aber gerade genug damit für (fast) jeden etwas dabei sein dürfte. Dieses Mal geht es um verliebte Studentinnen mit psychischen Problemen, um alte Geschichten, die aufgrund tragischer Umstände wieder aufgewärmt werden und um nordenglische Kommunen, bzw. die Finanzkrise.

Für Experimentierfreudige:

41LRdHe3acL._SX309_BO1,204,203,200_„Traumpaar, nackt“ von Melanie Arns… Kati ist zufrieden. Und Kati lässt sich nicht gerne reinreden in ihre Zufriedenheit. Schließlich ist sie jetzt von zu Hause ausgezogen, da kann doch das Leben nur besser werden. Außerdem ist Kati ein ganz normaler Mensch. Sie hat Sex, eine nervige Mitbewohnerin und eine beste Freundin. Und wer hätte gedacht, dass es so einfach ist, den Mann fürs Leben zu finden! Doch bald wird Davids Nähe zur unerträglichen Bedrohung, sein Verständnis zum Eingriff in eine heile Welt. Kati kann nicht zulassen, dass jemand ihre leidvolle Vergangenheit durchschaut. Und muss obendrein mit ansehen, wie David sich kurzerhand an ihre beste Freundin heranmacht. Kati wehrt sich, mit Sarkasmus, Zynismus, Pathos, aggressivem Witz, aber unter diesem glatten Sieg in Worten brodelt es: Zurückgedrängtes meldet sich wieder, Todesphantasien steigen auf, und die Einsamkeit.

Die Geschichte der neurotischen Kati und ihrer beinahe Liebe zu ihrem Studienkollegen David ist im Grunde nichts besonderes. Kati lebt wie viele ihrer Kommilitonen in einer WG, kann ihre Mitbewohnerin, die perfekte Frau mit dem perfekten Körper und dem perfekten Leben, aber nicht so wirklich leiden und wünscht sich doch ebenfalls so durchs Leben zu schweben, statt ständig überall anzuecken oder sich zumindest so zu fühlen, als ob sie nirgendwo wirklich hingehört. Ihr Studium läuft nebenbei, wird kaum erwähnt, Melanie Arns konzentriert sich auf das Innenleben ihrer Hauptfiguren, nicht auf deren Terminplan.

Insgesamt ist „Traumpaar, nackt“ meiner Meinung nach mehr als nur eine Lektüre wert, vorausgesetzt man verträgt das Gift, das Melanie Arns ihren Leserinnen Tropfen für Tropfen einflößt. Bei all der stilistischen Experimentierfreude versäumt es die Autorin zwar handlungstechnisch in die Tiefe zu gehen, doch presst sie aus diesen 100+ Seiten auch noch den letzten Blutstropfen heraus und lässt mich als Leserin so im Grunde nichts vermissen. Gegen Ende ein Kompromiss, wo ich mir Konsequenz erhofft hätte – an dieser Stelle mehr zu verraten würde dem Text jedoch die Spannung rauben. Also nur so viel, „Traumpaar, nackt“ ist eine literarische Tour de Force von deren Autorin ich mir im weiteren noch einiges erhoffe.

Am besten kombiniert mit…

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Für Geheimniskrämer:

35431005z„Grüne Witwe“ von Monika Goetsch… Als Anna vom Tod ihres Bruders erfährt, kehrt sie dahin zurück, wo das Ende seinen Anfang nahm. Am Baggersee haben sie und ihr Bruder in einer Clique den Sommer verbracht. Zu sechst baden sie, trinken Grüne Witwe und träumen davon, nach Amerika auszuwandern. Nur einen wollen sie nicht mitnehmen – Frank, den Loser. Eines Nachts findet der Sommer ein brutales Ende, das die Weichen neu stellt. Anna wird zum Studium in die Stadt ziehen, während ihr Bruder sich mit zweifelhaften Projekten über Wasser zu halten versucht. Doch der Vergangenheit entkommt keiner.

Die Geschichte der trauernden Anna auf dem Campingplatz ihrer Kindheit fängt ganz leise an, ist fast schon ein bisschen verträumt. Diese Leserin hat nicht einmal den Hauch einer Ahnung davon, was sie zwischen den Seiten noch alles erwarten wird und das macht die „Grüne Witwe“ zu einem ganz besonders schmackhaften Leseerlebnis. Es geht um Familie, um die manchmal so komplizierte Beziehung zwischen Geschwistern, um Eifersüchteleien und den Moment des Erwachsenwerdens. Monika Goetsch flößt mir „Grüne Witwe“ ein bis die Grenzen zwischen den Genres verschwimmen. Zusammen mit Hauptfigur Anna lasse ich mich im Baggersee treiben, als wären die letzten 10+ Jahre nicht gewesen, als wäre die Clique noch zusammen, entfachte illegale Lagerfeuer am Ufer und verschwendete ihre Jugend.

Insgesamt ist es schwer über die „Grüne Witwe“ zu schreiben, ohne aus Versehen zu viel zu verraten. Eines lässt sich jedoch sagen, trotz des Schattens, der über der Geschichte und den Figuren liegt, ist es ein eher stiller Roman. Viele Seiten vergehen mit der Introspektive der Hauptfigur, mit faulen Tagen und alten Bekannten. Erzählt wird die eigentliche Geschichte des Romans nur in der Rückblende, Stück für Stück, Szene für Szene, setzt Monika Goetsch das Puzzle des letzten Sommers der Baggersee Clique zusammen. Ich habe sie nur zu gerne dabei beobachtet, bin aber auch nicht immer in der Stimmung für einen so untertriebenen Roman, dessen Schönheit in seinen Momentaufnahmen liegt, über die man seine Geschichte fast schon vergessen könnte.

Am besten kombiniert mit…

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Für Weltverbesserer:

51f5rpnA3sL._SX320_BO1,204,203,200_„Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere“ von Marina Lewycka… Niemand würde Serge und Clara ohne weiteres für Geschwister halten. Sie haben kaum Gemeinsamkeiten, doch die zusammen durchlittene Kindheit in einer Hippiekommune im Norden Englands – Batiktücher, Gemüseanbau, freie Liebe – hat sie für immer zusammengeschweißt. Jetzt kommen ihre Eltern, Marcus und Doro, auf den glorreichen Gedanken, nach Jahrzehnten des unehelichen Zusammenlebens nun doch noch zu heiraten. Nicht zuletzt wegen Oolie-Anna, der jüngsten Tochter mit Down-Syndrom. Ein Wirbel skurriler Ereignisse ist die Folge. Und Serge hat ein Geheimnis, das die weltverbessernde Familie nie erfahren darf: Er hat seine Promotion in Cambridge geschmissen und will in London als Investmentbanker das ganz große Geld machen. Doch die Welt der Banken gerät ins Wanken.

Marina Lewyckas Romane machen gute Laune, ob sie nun von Erdbeerpflückern schreibt oder von Großvätern, die sich auf ihre alten Tage noch eine junge Frau gönnen oder eben von einer gealterten Hippiekommune und deren Kindern. In ihrem neuen Roman geht es um die rigiden Klassenstrukturen der britischen Gesellschaft, um Idealisten, die dagegen demonstrieren, solche die sich mutwillig darüber hinweg setzen und wieder andere, die nach harter Arbeit erkennen müssen, dass das Elternhaus oft eben doch fest schreibt, wo wir im Leben enden, ob nun an der Uni oder in der Schlange beim Arbeitsamt. Sie teilt ihre Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart, in Eltern- und Kindergeneration, erzählt in Rückblenden die Geschichte der Kommune, größtenteils erzählt sie aber das, was aus deren Mitgliedern geworden ist.

Die Geschichte selbst spielt kurz vor der (britischen) Finanzkrise und während die Eltern gegen die Macht des Geldes demonstrieren indem sie trotz Hochschulabschluss bescheiden im englischen Nordwesten leben, zocken sich die Kinder derweil im Londoner Finanzdistrikt um Kopf und Kragen. Das gibt der Erzählung ein bisschen Spannung, die sie mühelos über etwaige Längen trägt. Die Figuren selbst sind herrlich verschroben, wie ich es als Leserin von Marina Lewyckas Romanen schon kenne, einen osteuropäisch inspirierten Subplot gibt es dieses Mal aber nur in Ansätzen. Trotzdem trifft die Geschichte mit ihrer Mischung aus Gesellschaftskritik und Humor meiner Meinung nach genau den richtigen Ton; sie ist weder zu ernst noch zu albern – wenn Du mich fragst ist dieses Buch die perfekte Urlaubslektüre.

Am besten kombiniert mit…

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