(Neuerscheinung) Weine nicht von Lydie Salvayre

Lydie Salvayre, 1948 in Südfrankreich geboren, studierte Literaturwissenschaft und Medizin. Sie arbeitete als Psychiaterin in Marseille und begann in den 1970er Jahren mit dem Schreiben. Für „La compagnie des spectres“ erhielt sie 1997 den Prix Novembre Ihre Romane wurden in viele Sprachen übersetzt, auch in Deutschland erschienen drei Romane. Für „Weine nicht“ wurde sie 2014 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. (Quelle: randomhouse.de)

51pyNdtVdzL._SX311_BO1,204,203,200_Eine alte Frau, die am Fenster ihrer kleinen Wohnung sitzt, hat das Gedächtnis verloren und erzählt ihrer Tochter immer wieder von der einzigen Periode ihres Lebens, die in ihrem Geist lebendig geblieben ist: Montse wächst als Bauerstochter in einem kleinen katalanischen Dorf auf, in einer Welt, die so langsam wie der Schritt der Maulesel ist. Sie soll Dienstmädchen bei dem reichsten Großgrundbesitzer der Gegend werden. Stattdessen folgt sie im Sommer 1936 ihrem älteren Bruder José, der von anarchistischen Ideen beseelt ist, nach Barcelona. Dort entdeckt sie eine Freiheit, die sie schwindeln macht, und erlebt eine leidenschaftliche Liebe. Obwohl ihr Geliebter im Untergrund verschwindet, bleibt dieser kurze Sommer der Anarchie in ihrer Erinnerung für immer als Verzauberung haften. Schwanger kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück und lässt sich von ihrer Mutter ausgerechnet mit dem politischen Widersacher ihres Bruders José verheiraten. Bald erschüttern erste Gewalttätigkeiten die Gemeinde, und Montses Familie ist gezwungen, neue Wege zu beschreiten.

Dieser Roman hat zwei Erzählerinnen, zunächst einmal wäre da Montse, die mittlerweile am Ende ihres Lebens angekommen ist und an fortgeschrittener Demenz leidet. Ihr zur Seite steht ihre Tochter Lidia, welche die Erinnerungen ihrer Mutter für den Leser aufzeichnet und zwischen beiden vermittelt. Die Struktur des Romans an sich ist etwas verworren, ähnlich wie der demente Geist von Mutter Montse, die immer wieder ins Spanische übergeht und auch schon mal neue Wörter erfindet. Oft hatte ich Schwierigkeiten der Erzählung zu folgen, man muss sich insofern gut konzentrieren können, um alles aufzuspüren was dieser Roman seinen Leserinnen zu bieten hat. Dann allerdings bietet er eine lohnenswerte Lektüre und eine ernste Auseinandersetzung mit dem spanischen Bürgerkrieg in Gestalt einer Familiengeschichte, die ein für alle Beteiligten tragisches Ende nimmt.

Die Geschichte beginnt mit der Rahmenerzählung von Mutter und Tochter, alleine in einem Zimmer, die eine in Gedanken versunken, in alten Erinnerungen stöbernd, die andere der ersten an den Lippen hängend, bevor sie diese letzte Erinnerung, diesen Sommer der Freiheit auch noch vergisst und vollkommen im Dunkel der Demenz verschwindet. Die Tochter greift dabei nur so weit in die Geschichte der Mutter ein als dass sie im Nachhinein das Wortwirrwar, welches aus dem Mund der Mutter kommt, übersetzt. Was sie leider nicht übersetzt sind die vielen Passagen, die auf Spanisch geschrieben sind, was im französischen Original sicher ebenso sein dürfte. Ich verfüge glücklicherweise über Grundkenntnisse der Sprache, doch für Leser die selbst kein Spanisch verstehen, wird es immer wieder notwendig sein Einschübe und Absätze zu überspringen, die eigentlich doch von Interesse wären.

Die Geschichte in der Geschichte beginnt in Montses Heimatdorf mit einem verpatzten Vorstellungsgespräch. Dort lebt die Jugendliche mit Vater, Mutter und ihrem Bruder José, der sich kurz darauf für die lokale Politik zu begeistern beginnt. Auch sein Kindheitsrivale, der Sohn eines örtlichen Gutsherrn, mischt sich in die Rathausgeschäfte ein. Der eine ist Anarchist, der andere Kommunist, was die beiden ein ums andere Mal in Wortgefechte verwickelt und fast zum Bruch mit ihren jeweiligen Familien führt. José wird es schließlich zu bunt und so reißt er aus und nimmt die kleine Schwester, die von der großen Stadt und der großen Freiheit träumt, kurzerhand mit. Einen Sommer dürfen die beiden in einer unbenannten Stadt genießen, bevor der Traum von der Revolution zu einem Albtraum wird, dürfen in den Ramblas Kaffee trinken, während der Bürgerkrieg wütet und unzählige spanische Leben fordert.

Lydie Salvayre flicht derweil immer wieder geschichtliche Ereignisse, berüchtigte Morde, zum Beispiel an Priestern, und Stimmen der Zeit, allen voran die des französischen Schriftstellers und kurzzeitigen Franco Befürworters George Bernanos, in den Flickenteppich aus Erinnerungen, den ihre Hauptfigur Montse vor dem Auge der Leserin entstehen lässt. Als ebendiese Leserin muss ich die Kontrolle über den Text abgeben, denn er springt ohne Unterlass hin und her zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, den Erinnerungen von Montse und ihrem derzeitigen Ich, welches mit der Tochter kommuniziert, zwischen Montses Leben und dem ihren Bruders José, zwischen der Stadt und dem Dorf, welches die beiden hinter sich gelassen haben, zwischen Fiktion und geschichtlichem Bezug. Dabei habe ich das Gefühl viel über diese Zeit des Umbruchs in Spaniens Geschichte gelernt zu haben, aber mir schwirrt gleichzeitig auch etwas der Kopf.

Insgesamt denke ich, dass „Weine nicht“ den französischen Literaturpreis, den der Roman im Original erhielt, durchaus verdient hat. „Weine nicht“ ist nicht immer leicht zu lesen, bzw. zu verstehen, die Puzzlestücke der Erzählung setzen sich nur langsam zusammen, und nur äußerst selten leicht verdaulich. Doch zahlt sich die Zeit und Mühe die seine eventuelle Leserin in diesen Roman investiert auf ganzer Linie aus. Trotz seiner relativen Kürze (knapp 250 Seiten hat die deutsche Übersetzung) schafft „Weine nicht“ es nicht nur die verkrustete, erstickend katholische Lebensart spanischer Bauernfamilien darzustellen, sondern auch im weiteren das Schicksal eines ganzen Dorfes einzufangen, zerschlagen von politischen Unruhen und Umwälzungen, als Stellvertreter für die spanische Gesellschaft zur Zeit des Bürgerkrieges, den Lydie Salvayre in „Weine nicht“ in all seiner Grausamkeit für ihre Leserinnen wiederaufleben lässt.

Weine nicht – Lydie Salvayre – ISBN 978.3.896.67564.4

Für Leserinnen, die…

  • …sich eine Geschichte erarbeiten möchten.
  • …etwas über die Zeit des spanischen Bürgerkrieges erfahren wollen.
  • …keine Angst vor experimentellen Erzählweisen haben.

Am besten kombiniert mit…

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