(Neuerscheinung) Besserland von Alexandra Friedmann

Alexandra Friedmann, geboren 1984 in Gomel, Weißrussland, kam 1989 über Umwege mit ihrer Familie nach Krefeld. Nach ihrem Abitur 2004 verbrachte sie acht Jahre in Paris, wo sie Literatur und Journalismus studierte. 2010 Praktikum bei der taz, zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Alexandra Friedmann lebt mit Mann und Tochter in Berlin. Besserland ist ihr erster Roman. (Quelle: ullstein.de)

51RpVAT7YPL._SX314_BO1,204,203,200_Gomel, Weißrussland 1987: Papa Edik ist ein herzensguter Hausmann, der unter dem Pantoffel seiner Frau Lena steht, einer arbeitsamen Bauzeichnerin. Als Cousin Mischa Goldstein eines Tages eine Möglichkeit findet, zu seiner Tante Raja nach Brooklyn auszureisen, setzt sich eine Lawine in Gang. Denn seit Perestroika herrscht und damit die gemütlichen staatsfinanzierten Jobs wacklig sind, zugleich der Antisemitismus weiter Blüten treibt, lassen sich die Friedmanns von der allgemeinen Auswanderbegeisterung anstecken. Als sie endlich das Visum in Händen halten und der Familien-Tross schließlich zusammen mit den befreundeten Grosmanns gen Westen aufbricht, lernen wir noch einen ganzen Reigen von skurrilen Typen kennen. Denn während ihrer Tour durch Europa stellen Edik und Lena fest, dass sie eigentlich gar nicht bis nach Amerika müssen, um das zu haben, wonach sie sich sehnen.

Auch wenn auf dem Cover „Roman“ steht, scheint mir das Debut von Alexandra Friedman doch stark autobiografisch zu sein, nicht nur kommt sie wie ihre Hauptfigur und Erzählerin aus Gomel und emigrierte als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, sondern die beiden teilen sich auch einen Namen. Insofern weiß ich nun nicht so ganz ob ich das Buch als Fiktion oder als Lebensgeschichte einordnen soll. Was ich dennoch ganz bestimmt weiß, ist dass seine Lektüre zu den angenehmeren Dinge zählt, die mir in den letzten Tagen widerfahren sind. Wen kümmert es also, ob das Geschriebene sich nun auch haargenau so zugetragen hat, Hauptsache das Leseerlebnis ist ein lohnenswertes und „Besserland“ hält in dieser Hinsicht auf ganzer Linie, was es verspricht.

Die Geschichte selbst nimmt nur allmählich Fahrt auf, während die Autorin von der Zeit nach Perestroika erzählt in der ihr Vater sich einen Betrieb aufbaut, der zunächst reichlich einbringt, vor allem wegen kreativer Buchführung, und dann schließlich pleite geht, vor allem durch die trotz der neuen Gesetzgebung nach wie vor bestehenden sowjetischen Machtstrukturen. Wäre diese unternehmerische Bauchlandung nicht gewesen, wer weiß, vielleicht lebte die Familie Friedman nach wie vor in Gomel oder zumindest irgendwo in der Nähe. Nun sollte es aber anders kommen und bald schon schmiedet Vater Edik Reisepläne. Diese Pläne alleine arten im folgenden in eine wahre Odyssee durch die sowjetsiche Bürokratie aus und diese Leserin schwankt oft zwischen Frustration und Heiterkeit, wenn sie an der Seite von Vater Edik durch den bürokratischen Hindernisparcours läuft.

So vergeht ein gutes Stück des Romans und es ist nach wie vor nicht klar, ob und wie die Familie Friedman es schaffen wird ins Besserland, das zunächst einmal Brooklyn, New York ist und  dann schließlich (West)Deutschland. Das bringt Spannung in die Lektüre, die die Autorin sicher noch hätte erhöhen können, hätte sie der Familie in der Geschichte einen anderen Namen gegeben. Doch auch wenn ich als Leserin schon ahne, dass die Friedmans es in das sagenumwobene Besserland schaffen werden, wo ihre Tochter aufwachsen und eines Tages ein Buch über ihre wilde Reise in den Westen schreiben wird, habe ich der Lektüre einiges abgewinnen können. Die Geschichte der Familie Friedman und ihrer Reisegefährten ist nämlich nicht nur humorvoll und spannend, sondern auch richtiggehend herzerwärmend.

Endlich im Besserland angekommen werden der Familie Friedman dann noch mehr Steine in den Weg gelegt; Angefangen mit dem Asylheim, gefolgt von einer provisorischen Containerunterkunft und schließlich einem ländlich gelegenen Einfamilienhaus, dass sie sich ganz sozialistisch mit einer befreundeten Familie teilen müssen. Das Versprechen, welches das Besserland aus der ferne gibt, lässt sich reichlich Zeit mit seiner Erfüllung und Vater Edik verliert fast die Geduld und obendrein noch seine Frau, die aus lauter Frustration über die beengten Wohnverhältnisse mit Scheidung droht. Schließlich wendet sich doch alles zum Guten, so viel kann ich schon einmal verraten, ohne hier potenziellen Leserinnen die Freude an der Lektüre zu nehmen – die steckt nämlich in der Geschichte selbst, in der abenteuerlichen Reise der Familie Friedman, den vielen Hürden die es zu überwinden gilt auf dem Weg nach Besserland, und nicht nur in ihrem versöhnlichen Ende.

Insgesamt ist „Besserland“ ein sehr ansprechend geschriebener Roman, der mich schon auf den ersten Seiten für sich gewinnen konnte. Die Geschichte der Familie Friedman und deren Odyssee ins Besserland laden mich dazu ein regelrecht mitzufiebern, ob sie nun am Brester Zoll stehen und rätseln, was und ob die Beamten sie etwas schmuggeln lassen oder ob es darum geht welche Verwandten nachgeholt werden können und wie. Es ist eine charmante Geschichte über eine gelungene Integration, über deutsch-russische Freundschaft, die mit reichlich Vodka begossen wird und sich so auch über etwaige Verständigungsprobleme hinweg setzt. Eine Autobiografie, die vorgibt keine zu sein und sich somit kreative Freiheiten nimmt, mit der Darstellung der Ereignisse. Letztlich ist es mir auch einerlei, was hier Wahrheit ist und was von der Autorin dazu erfunden wurde, denn „Besserland“ ist auf jeden Fall eine Lektüre wert, für mich sogar eine erneute 😉

Besserland – Alexandra Friedmann – ISBN 978.3.548.28781.2

Für Leserinnen, die…

  • …von einer besseren Zukunft träumen.
  • …die sich zu neuen Ufern aufmachen.
  • …sich kreative Freiheiten nehmen.

Am besten kombiniert mit…

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