(Neuerscheinung) Alles Amok von Anita Augustin

Anita Augustin, geboren 1970 in Klagenfurt, hat in Wien Philosophie und Theaterwissenschaft studiert und an der Ersten Österreichischen Barkeeperschule ihr Diplom gemacht. Nach Stationen in New York und London lebt sie heute als freie Dramaturgin in Berlin. (Quelle: Ullstein Verlag online)

51I+qlnHLZL._SX319_BO1,204,203,200_Jakob ist ein ganz normaler Typ mit einem ganz normalen Scheißleben. Wirklich ganz normal? Das Leben: Ja. Der Typ: Na ja, da weiß Jakobs Mutter mehr, aber die sitzt senil im Heim und kann es keinem erzählen. Jakobs Freunde kennen sein Geheimnis auch nicht, nur was ein Scheißleben ist, das wissen sie ganz genau. Und dann taucht eines Tages Jürgen auf. Jürgen mit seinen komischen Sprüchen von den Freuden der Finsternis und der Glorie der Gewalt. Er verspricht Jakob und seinen Freunden ein Leben voll wilder Freiheit, voll süßer Anarchie. Aber nichts auf dieser Welt ist gratis, und so hat auch die Freiheit ihren Preis: Alle müssen mitspielen in dem Mordsspektakel, das Jürgen plant. Ein höllischer Spaß, bei dem das Lachen so manchem vergeht.

Unter einem kurzen Text auf dem Buchrücken, der kein Klappentext sondern einfach nur ein Zitat aus dem Buch ist, wird „Alles Amok“ von der Berliner Zeitung als „richtig kranker Hardcore“ beschrieben, wer – wie ich persönlich – nicht nur dieses Buch sondern auch die skandinavische Misanthropie Trilogie von Matias Faldbakken gelesen hat, der kann an dieser Stelle nur müde lächeln. Denn Anita Augustins zweiter Roman reicht in seiner Schockwirkung nicht einmal annähernd an die üblichen Verdächtigen, sprich Chuck Palahniuk, Charlotte Roche, Virginie Despentes, u.ä. heran. Trotzdem spitzt sich die Handlung gegen Ende immer weiter zu und wer literarische Achterbahnfahrten nicht gewohnt ist, dem wird auf dieser Fahrt sicher ein bisschen Übel werden. Gegen Ende hin verliert die Geschichte jedoch wieder an Fahrt und findet zu einer Art status quo zurück, der finale Paukenschlag, der mich als Leserin zum Erzittern bringt, bleibt leider aus.

Anita Augustin beginnt ihren Roman geschätzte hundert Seiten zu früh, die Vorgeschichte des gemieteten Demonstranten Jakob, seines Zeichens auch Erzähler der Geschichte, dümpelt so vor sich hin, ohne dass viel passiert. Als Leserin lernt man die Hauptfigur kennen und wandert ein bisschen in deren Kopf herum, ihren Gedanken auf der Spur. Dabei dreht sie sich jedoch im Kreis und das so lange bis mir als Leserin schwindelig wird. Natürlich ist es eine lustige Idee, dass Hauptfigur Jakob sich für Demonstrationen anheuern lässt, für die sich scheinbar nicht genug Leute begeistern können, zum Beispiel Baumbesetzungen oder Arbeitslosendemos, die schon um neun Uhr anfangen, – ein kleiner Seitenhieb gegen Hartz IV Empfänger vielleicht, wahrscheinlich aber eher ein albernes Klischee aus dem privaten Fernsehen, das von der Autorin gedankenlos für einen Lacher aufgegriffen wurde – es reicht als Handlung über die ersten 30 Seiten hinweg aber nicht aus.

Krasser Schnitt und auf einmal wird es ernst für die Figuren, ohne dass dies in irgendeiner Weise für die Leserin nachvollziehbar wäre. Während der einleitende Teil viel zu lang war, ist dieser Teil um einiges zu kurz geraten. Als Leserin frage ich mich warum die Figuren dem ominösen Jahrmarktschef Jürgen derart ausgeliefert sind, warum aus ihnen auf einmal Monster geworden sind und erhalte leider keine Antwort. Die Figuren handeln an dieser Stelle auf eine Art und Weise, die ich nicht von ihnen kenne, und von der ich mich frage, wie sie zustande gekommen ist. Eine unnötige Frage eigentlich, denn bis auf Jakob sind alle von ihnen dünn wie Papier und auf diesem Papier steht das Wort Klischee, ob es sich bei der jeweiligen Figur nun um einen versoffenen Obdachlosen, einen soziopathischen Jahrmarktchef, einen verschüchterten Asiaten oder ein sexy Naivchen handelt.

Was mir im Folgenden unangenehm auffällt, ist Anita Augustins Umgang mit Intersexualität. Mit diesem Punkt nehme ich der Handlung zwar die Spannung, doch muss ich sagen, dass eine Spannung, die auf dem Rücken einer Gruppe Menschen aufgebaut ist, die besseres verdient haben, als zu einem billigen Schockeffekt in einem Unterhaltungsroman degradiert, ja quasi entmenschlicht zu werden, es meiner Meinung nach nicht wert ist aufrecht erhalten zu werden. Die Autorin nutzt Jakobs Intersexualität als schmutziges Geheimnis, als einen Grund warum die Hauptfigur als Freak von einem Vergnügungspark angeworben wird und im Laufe des Romans durchdreht. Dem Fühlen und Erleben von Geschlechtsidentität und der eventuellen Inkongruenz von Jakobs äußeren und inneren Welten wird nur wenig Raum gegeben. Stattdessen wird der Körper der Hauptfigur für eine geschmacklose Sexszene missbraucht. Als Feministin kann ich nicht anders, als mich darüber aufzuregen mit welcher Naivität, die man auch als Respektlosigkeit auslegen könnte, die Autorin hier das Thema Intersexualität ausschlachtet.

Insgesamt bin ich von „Alles Amok“ nicht unbedingt enttäuscht, da ich aufgrund des sparsamen Klappentextes nicht wirklich wusste, was mich zwischen den Seiten erwarten würde. Das Buch hat mich letztlich aber auch nicht positiv überraschen können. Denn das einzige was ich darin gefunden habe, waren eine windschiefe Erzählstruktur, eindimensionale Figuren und ein im besten Fall vollkommen unbedarfter, im schlimmsten Fall sogar respektloser Umgang mit gesellschaftlichen, feministischen und LGBTQI Themen. Selbst das Ende ließ mich als literarisch eher hartgesottene Leserin im Stich, Mord und Totschlag, eine orwellsche Alptraumvision und dann verläuft doch alles im Sand, die Figuren geben einfach auf – die, die noch am Leben sind zumindest – und kehren zum Alltag zurück, als hätte Anita Augustin ihr Ende nicht ausreichend durchdacht, um es bis zur letzten Seite durchziehen zu können.

Alles Amok – Anita Augustin – ISBN 978.3.548.28783.6

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht daran stören, wenn anderen Menschen auf die Zehen getreten wird.
  • …kuriose Ideen einer nachvollziehbaren Handlung und Figurenzeichnung vorziehen.
  • …zwar schockiert werden wollen, aber nicht allzu sehr.

Am besten kombiniert mit…

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