(Neuerscheinung) Asphaltengel von Johanna Holmström

Johanna Holmström wurde 1981 in Sibbo geboren. Sie gehört der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland an. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihren zwei Töchtern in Helsinki. Sie ist Journalistin und studiert arabische Literaturwissenschaft. Für ihre Erzählungen erhielt sie unter anderem den Literaturpreis des Svenska Dagbladet. Asphaltengel wurde von der Presse hymnisch besprochen. (Quelle: ullstein.de)

51VByzAPIbL._SX314_BO1,204,203,200_Leilas finnische Mutter ist zum Islam konvertiert. Seitdem interessiert sie sich nur noch für die korrekte Auslegung des Korans. Sogar Familienfotos sind verboten. Leilas Vater kommt aus dem Maghreb und ist selbst Muslim – aber dieser Fanatismus ist ihm viel zu anstrengend. Und ihre große Schwester Samira ist längst vor dieser verrückten Familie geflohen. Alleine ist es schwer für Leila, zu Hause den Verstand nicht zu verlieren. Dann wird Samira eines Tages schwer verletzt am Fuß einer Treppe gefunden. Ist sie gefallen? Oder wurde sie gestoßen? Leila versucht herauszufinden, was mit ihrer Schwester passiert ist. Das Leben zwischen den Kulturen ist gefährlich, besonders für Mädchen. Aber Leila weigert sich, Opfer zu sein.

„Asphaltengel“, so nennt Leila muslimische Mädchen, die nach einem Familienzwist vom Balkon „fallen“. Im gleichen Atemzug stellt sie klar, dass sie ganz bestimmt kein solcher „Asphaltengel“ werden wird, da kann ihre Mutter sie noch so sehr gängeln, einsperren und mit Hilfe ihrer Gebetsfreundinnen in den Hijab zwingen. Leila ist zwar erst fünfzehn Jahre alt, aber sie hat schon jetzt ihre eigene Vorstellung vom Leben und diese kollidiert auf gnadenlose Weise mit der ihrer Mutter. Eine Mutter, die zwar finnischer Abstammung ist, nach ihrer Konvertierung zum Islam nun aber strenger und entbehrlicher zu leben versucht als Mohammed selbst. Kein Tag vergeht an dem sie Leila keine Vorwürfe macht, wie eine Furie durch die Wohnung jagt um Bilder und Kleidungsstücke weg zu werfen, die Leila anschließend wieder aus dem Müll klaubt. Den eher gemäßigten Vater hat sie so schon vergrault und die ältere Tochter Samira, die liegt im Koma, doch das ist eine andere Geschichte.

Diese andere Geschichte wird immer im Wechsel mit der von Leila erzählt, wobei Leila von Autorin Johanna Holmström weitaus mehr Raum gegeben wird. Mit ihr geht die Leserin zur Schule, und muss dort einiges über sich ergehen lassen, harter Tobak für alle, die vielleicht selbst mal gemobbt wurden, um an dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung für dieses Buch auszusprechen. An der Seite von Leila streift die Leserin durch die Stadt, durch die Nacht, durch die Angelbar, wo Leila sich trotz überdurchschnittlicher Skinhead-dichte irgendwie geborgen fühlt. Zusammen saßen wir am Krankenbett der großen Schwester und hofften darauf, dass sie endlich wieder zu Bewusstsein kommt und ihre Geschichte erzählt, auch wenn Leila schon längst zu wissen glaubt, wer sie die Treppe herunter gestoßen hat, was einen weiteren Keil zwischen Leila und ihre Mutter treibt.

„Asphaltengel“ erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die um ihr Leben kämpfen, die eine im Koma und die andere auf den Straßen einer ungenannten Stadt. Dabei greift sie Themen auf mit denen sich finnische Muslime zwangsläufig auseinandersetzen müssen, schreibt von gesellschaftlich toleriertem Rassismus und Islamfeindlichkeit, die in diesem Fall besonders gegen finnische Konvertitinnen gerichtet ist. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch den ganz alltäglichen Kampf finnischer Jugendlicher aus sozial schwachen Familien, das Mobbing in der Gesamtschule, das jeden Treffen kann, selbst die vormals beliebteste Schülerin der Klasse, und was die Jugendlichen tun, um mit alldem fertig zu werden. Leila läuft Parcours durch die Stadt, zusammen mit anderen risikoaffinen Jugendlichen, angeführt von einem einsamen Sozialarbeiter.

Dieser Roman ist thematisch brisant und ich vermute einfach mal auch nah am Leben, zumindest was den Alltag finnischer Jugendlicher angeht. Das macht die Lektüre aber oft auch zu einem Spießrutenlauf. In der Schule leide ich mit Leila um die Wette, zerbreche fast an der Ungerechtigkeit, die ihr in den Pausen widerfährt – und dabei hat sie noch nicht einmal das schlechteste Los in der Klasse. Kommt sie anschließend nach Hause wartet dort schon der nächste Drachen und faucht sie an, weil sie sich nicht verschleiert, Fernsehen schauen möchte und nicht genug betet. Dabei rebelliert Leila gar nicht gegen die Religion ihrer Eltern, sie versucht nur ebenfalls Teil der finnischen Gesellschaft, ein Teil ihrer Peergroup in der Schule zu bleiben, doch für ihre Mutter scheinen diese beiden Bestrebungen unvereinbar zu sein und diese Ansicht führte nicht zuletzt zum Bruch zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter Samira.

Insgesamt ist „Asphaltengel“ zumindest auf emotionaler Ebene kein besonders eingängiges Buch, die Geschichte ist so scharfkantig wie die Zungen der Figuren, die sie bevölkern, reißt Wunden mit ihren Worten, die so schnell wohl nicht mehr heilen werden. Dann wiederum hat diese unbequeme, ja fast stachlige Geschichte doch ein bisschen Suchtpotenzial und mir persönlich fiel es schwer sie aus der Hand zu legen. Dennoch bin ich der Meinung, dass „Asphaltengel“ nichts ist für eher zartbesaitete Leserinnen, denn mit diesem Buch muss man ringen, und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. Dabei geht es jedoch um Themen, die auch für deutschsprachige Leserinnen interessant sein dürften, schließlich gibt es auch hierzulande Einwanderung und Integrationsprobleme, und diese sind, wie in „Asphaltengel“ beschrieben, nicht immer selbstverschuldet. Ein lesenswertes, aber kein einfaches Buch, für Leserinnen, die nicht länger wegschauen möchten.

Asphaltengel – Johanna Holmström – ISBN 978.3.548.28782.9

Für Leserinnen, die…

  • …sich noch gut an ihre Schulzeit erinnern können.
  • …sich eigene Wege bahnen.
  • …eine neue Stimme zu einem kontroversen Thema hören wollen.

Am besten kombiniert mit…

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