(Neuerscheinung) Die Abschaffung der Mutter von Alina Brosnky und Denise Wilk

Alina Bronsky, geboren 1978 in Jekaterinburg, und Denise Wilk, geboren 1973 in Freiburg, wissen ganz genau, wovon sie sprechen. Die beiden Frauen haben zusammengezählt zehn Kinder. Sie glauben nicht, deshalb allwissend zu sein oder in ihrer Mutterrolle besser zu funktionieren als andere. Aber sie haben jahrelang erlebt, was im Umgang mit Müttern schief läuft. Alina Bronsky ist außerdem erfolgreiche Bestsellerautorin, Denise Wilk begleitet als Doula schwangere Frauen und frischgebackene Mütter und gibt Eltern-Kind-Kurse. (Quelle: randomhouse.de)

51C+pjzm81L._SX312_BO1,204,203,200_Wer sich heute als Frau für ein Kind entscheidet, der muss verrückt sein, so könnte man meinen. Denn Mütter werden in unserer Gesellschaft zunehmend bevormundet, klein gehalten und überwacht. Jegliche Kompetenz mit dem eigenen Kind wird ihnen abgesprochen. Wer im Beruf ernst genommen und von seinem Umfeld anerkannt werden möchte, der lässt seine Bedürfnisse als Mutter unter den Tisch fallen. Denn eines will man auf gar keinen Fall sein: eine Glucke. Schritt für Schritt vollzieht sich so die Abschaffung der Mutter.

Eine Autorin, die den (deutschen) Feminismus, sprich das Streben nach Gleichwertigkeit von Mann und Frau innerhalb der Gesellschaft, als weltfremd bezeichnet, verliert bei mir, trotz ihrer Reihe überaus lesenswerter Romane, leider sofort einige Sympathiepunkte. Insofern hatte Alina Bronskys neustes Buch „Die Abschaffung der Mutter“ bei mir einen eher holperigen Start. Denn spätestens ab dieser etwas unglücklich formulierten Aussage, wurde jedes ihrer Argumente von mir persönlich kritisch beäugt und nicht alle davon hielten dieser harschen Kritik im folgenden Stand. Zu oft verlassen sich die Autorinnen zur Untermauerung ihrer Aussagen auf Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis, die auf mich als Leserin sehr unsachlich wirken und das Buch von der begründeten Gesellschaftskritik in die Ecke derer verschieben, die das Hausfrauenideal der fünfziger Jahre propagieren und überhöhen.

Besonders die ersten Kapitel zu Schwangerschaft und Geburt laufen Gefahr altbacken, ja sogar etwas frauenfeindlich zu klingen. Denn sie beziehen ganz klar Stellung für eine Schwangerschaft und Geburt außerhalb der Reichweite von medizinischem Personal, sind gegen eine Fülle von Untersuchungen in der Schwangerschaft, u.a. auch den meines Erachtens sehr wichtigen Test für Trisomie 21, in der Regel durchgeführt bei Schwangeren ab 35, und die Spinalanästhesie bei Gebärenden, da die unvergleichbaren Schmerzen, denen eine Frau manchmal tagelang ausgesetzt ist, im Grunde doch auch lustvoll sein können. An dieser Stelle entwickele ich als feministische Leserin, die ohne wenn und aber dafür ist schwangeren Frauen die Unsicherheit zu nehmen und gebärenden Frauen die Schmerzen zu ersparen, fast schon Antipathien gegen das vorsintflutlich anmutende Autorinnenpaar, welches sich selbst und die eigenen Erfahrungen und persönliche Präferenzen im Kindbett für den Goldstandard zu halten scheint.

Zum Glück wird das Buch danach wieder fortschrittlicher und frauenfreundlicher, vor allem dann wenn es um das öffentliche Stillen geht. Hier stehen die Autorinnen ganz klar auf der Seite der Mütter und ihrer Babys, die nicht in müffelnden Toilettenräumen ihre Nahrung zu sich nehmen sollten; Schließlich ist eine entblößte Brust zum Zweck der Säuglingsfütterung nichts pornografisches, auch wenn die öffentliche Debatte darum es oft so darstellt. Im Folgenden schwankt das Buch zwischen zwei Polen, dem der das Rad der Zeit zurück dreht, Herdprämien in Anspruch nimmt und Kitas verunglimpft, ja sogar das französische Modell auszuhebeln versucht, und dem, der sich für die Rechte von Müttern einsetzt, ob nun als Teil eines Elternpaares oder Alleinerziehend, unter anderem auch im Bezug auf den Kindsvater, der laut den Autorinnen bei deutschen Sorgerechtsfällen mittlerweile übervorteilt wird, was oft zu Lasten des Kindes geht – das hätte so übrigens auch in der EMMA stehen können 😉

Insgesamt ist „Die Abschaffung der Mutter“ also ein sehr durchwachsenes Buch, das für eine Stärkung der Frau als Mutter kämpft. Ob man im Land der „Rabenmütter“ die Verschmelzung der Identität einer Frau mit ihrem Kind noch extra propagieren muss, ist die Frage. Meiner Meinung nach ist „Die Abschaffung der Mutter“ nicht halb so revolutionär, wie es sich die Autorinnen vielleicht gedacht haben. Insofern erscheint mir dieses Buch als solches, vor allem durch seine herrlich unwissenschaftliche Methode der Datensammlung via „Hören-Sagen“, als eher überflüssig – zumindest auf dem deutschen Buchmarkt. Letztlich ist „Die Abschaffung der Mutter“ ein weiteres Buch, das in die Intimsphäre deutscher Frauen sich einzugreifen erdreistet und ihnen vorschreiben will, was sie mit ihrem Körper und mit ihrem Kind zu tun haben – auf diese neuerliche Bevormundung kann ich als Leserin und als Frau getrost verzichten.

Die Abschaffung der Mutter – Alina Bronsky/Denise Wilk – ISBN 978.3.421.04726.7

Für Leserinnen, die…

  • …sich in Sachen Schwangerschaft und Geburt nicht bevormunden lassen wollen.
  • …sich im Leben alle Optionen offen halten.
  • …sich für ihren Kinderwunsch und/oder Kinderreichtum nicht entschuldigen wollen.

Am besten kombiniert mit…

41ixZEKkxsL._SX311_BO1,204,203,200_41sZQUkJxKL._SX312_BO1,204,203,200_51bFW3LHYSL._SX311_BO1,204,203,200_51kUK4+YmdL._SX328_BO1,204,203,200_

Advertisements

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s