(Lesen ist hardcore!) Gone Girl: Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gillian Flynn ist mit ihrem dritten Buch „Gone Girl“ eine weltweite Sensation gelungen: Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste, wurde mehr als 3 Millionen mal verkauft und in 40 Sprachen übersetzt. Die 20th Century Fox verfilmte den Stoff prominent mit Ben Affleck und Rosamunde Pike. Auch die beiden Vorgänger-Bände „Cry Baby“ und „Dark Places“ waren große Erfolge und wurden ebenfalls verfilmt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Chicago. (Quelle: Fischer Verlag online)

41vUpgu0QgL._SX327_BO1,204,203,200_„Was denkst du gerade, Amy?“ Diese Frage habe ich ihr oft während unserer Ehe gestellt. Ich glaube, das fragt man sich immer wieder: Was denkst du? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt? Genau diese Fragen stellt sich Nick Dunne am Morgen seines fünften Hochzeitstages, dem Morgen, an dem seine Frau Amy spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sogleich Nick. Amys Freunde berichten, dass sie Angst vor ihm hatte. Er schwört, dass das nicht wahr ist. Dann erhält er sonderbare Anrufe. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?

Den Hype um diesen Roman habe ich persönlich ganz entgegen der Konventionen von hinten aufgerollt. Zunächst einmal schaute ich den Film – überaus sehenswert übrigens – und ungefähr ein Jahr später habe ich nun auch das Buch gelesen. Die ersten Sätze des Romans kommen mir daher schon bekannt vor. „Who are you? What are you thinking? What have we done to each other?“, fragt sich Hauptfigur Nick, während er seine Ehefrau Amy betrachtet und mir läuft vor freudiger Erwartung eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Denn im Grunde weiß ich ja was kommen wird, der Film ist sehr nah am Buch. Das Buch wiederum füllt Lücken innerhalb der Erzählung und frischt meine Erinnerung an diese wunderbar durchdacht konzipierte Geschichte nach einem Jahr des Wartens wieder auf.

Die Erzählung spaltet sich in drei Perspektiven auf. Zunächst einmal  wäre da die Perspektive von Nick, einem gescheiterten Journalisten, der eines Morgens feststellen muss, dass seine Ehefrau Amy spurlos verschwunden ist. Dann wäre da noch die Perspektive von Amy, die der Leserin erst einmal in Form von Tagebucheinträgen als „Tagebuch-Amy“ davon erzählt, wie sie und Nick sich kennen gelernt haben. Später kommt noch die Perspektive der eigentlichen Amy dazu, aber an dieser Stelle näher darauf einzugehen würde schon zu viel verraten. Also halte ich mich zurück, auch wenn es schwer fällt. Denn ich sprudele nahezu über vor Begeisterung für dieses Buch – das einzige Hype-Buch bisher, das es geschafft hat meine überhöhten Erwartungen zu erfüllen, Hut ab!

Die Figuren, welche diesen Roman bevölkern sind allesamt Antihelden, scheinen mit all ihren Unsicherheiten und ihren zahlreichen Unzulänglichkeiten von der Autorin direkt aus dem Leben gepflückt zu sein. Ob es nun der gefallsüchtige Nick ist, die sich in ihren Theorien verrennende Kriminalkommissarin oder die zum ewigen Accessoire verdammte Zwillingsschwester Margot, die neben Bruder Nick immer etwas blass, gleichzeitig aber auch etwas zu krass wirkt. Nur Amy scheint mir vollkommen überzeichnet, was aber daran liegen mag, dass auf ihren Schultern die Bürde des Bösewichts, des kriminellen Genies zu liegen kommt und solche Menschen trifft man einfach nur in Romanen – zum Glück. Dort gibt die Autorin ihr allerdings auch den nötigen Raum sich gehörig auszutoben, die anderen Figuren an der Nase herum zu führen und in schadenfrohes Gelächter auszubrechen, wenn ihre diabolischen Pläne Früchte tragen.

Doch „Gone Girl“ ist trotzdem kein typischer Krimi, Gut und Böse kontrastieren hier nicht in einer schwarz-weiß Dichotomie. Gillian Flynn malt das Bild einer zerrütteten Ehe in unzähligen Grautönen und sogar Amy wird schließlich zum Opfer. Gerade dann, wenn man als Leserin meint es mit einer durchtriebenen Soziopathin zu tun zu haben, der nichts und niemand etwas anhaben kann, wird sie unerwartet verletzlich. So muss man als Leserin ständig revidieren, was man über die Figuren zu wissen glaubt, besonders über Amy, den unumstrittenen Mittelpunkt der Geschichte. Gleichzeitig schafft die Autorin es auch die Sorgen der amerikanischen Mittelklasse zu Beginn der Rezession zu portraitieren, angefangen mit Nicks Entlassung, über verwaiste Einkaufszentren, die zu Drogenumschlagplätzen geworden sind, bis hin zu marodierenden Horden arbeits- und obdachloser Männer. All das schafft Atmosphäre und als Leserin kriegt man sofort ein ungutes Gefühl.

Insgesamt ist „Gone Girl“ ein Thriller, der selbst mich, die ich für dieses Genre normalerweise eher wenig übrig habe, auf ganzer Linie begeistern konnte. Von der ersten Seite an kreiert Gillian Flynn einen Sog, der mich zu diesem Roman hinzieht, es schier unmöglich macht ihn aus der Hand zu legen. Ihre Art und Weise die Geschichte von Nick und Amy zu erzählen, sich literarisch auf die kleinen Machtkämpfe einer alternden Ehe einzuschießen, macht die Auflösung der Geheimnisse, die sich um Amys Verschwinden ranken, fast schon zur Nebensache; Und so kann man „Gone Girl“ auch dann noch genießen, wenn man schon weiß wie alles enden wird. Ich werde diesen Roman in einem Jahr erneut lesen, werde weitere Nuancen innerhalb der Geschichte entdecken und bei den ersten Sätzen die altbekannte Gänsehaut verspüren. „Who are you? What are you thinking? What have we done to each other?“

Gone Girl: Das perfekte Opfer – Gillian Flynn – ISBN 978.3.596.03219.8

Für Leserinnen, die…

  • …einen herrlich unromantischen Eheroman suchen.
  • …wissen, dass im Leben und in der Literatur nichts ist, wie es anfangs zu sein scheint.
  • …gerne auch mal den Bösewicht anfeuern.

Am besten kombiniert mit…

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