(Neuerscheinung) Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz alleine…

Welche Leserin kann schon einem so sonnengelben Cover widerstehen, besonders in der nass-kalten Jahreszeit; ich jedenfalls nicht. Und so griff ich umgehend zu, als ich es auf der Webseite des Ullstein, bzw. List Verlages sah. Den Klappentext habe ich vor lauter Leselust nur überflogen – das wird mir in Zukunft eine Lehre sein…

9783471351185_cover-1Hilly, Mitte vierzig, hervorragendes Bindegewebe, bestens verheiratet, zwei Kinder und gut im Job, ist genau da, wo sie nie hinwollte: in der Wohlstandsfalle. Umgeben von Menschen, die sie nie kennenlernen wollte, und Dingen, die sie nicht braucht. Die zufällige Begegnung mit einer Freundin und Kampfgefährtin aus vergangenen Hausbesetzertagen ist für Hilly das Zeichen zum Ausbruch. Zurück zu den alten Idealen. Dabei verliebt sie sich nicht nur in einen anderen Mann, sondern auch in eine aufregende Frau. Aber was, wenn alles ein Irrtum war und sie im neuen alten Leben auch eine Fehlbesetzung ist?

Soluna Bach, die ihren Debütroman „Hühner und Handtaschen“ vor vier Jahren noch im Alleingang veröffentlicht hat, schafft mit „Herzkammeranarchie“ den Sprung zu einem großen Publikumsverlag. Ihre Geschichte um eine Mittvierzigerin, die sich in der Lebenskrise befindet, ihren Job, ihre Ehe und letztlich sogar ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt, lässt auf viele lustige, freche und verrückte Momente hoffen. Die Autorin schaut Hilly, eigentlich Brunhild, bei ihren diversen Eskapaden über die Schulter und lässt die Leserin auch immer wieder an den Gedanken der unumstrittenen Hauptfigur teilhaben. Doch nicht nur die dauergestresste Midliferin Hilly (und ihre diversen Verehrer) sondern auch der Schauplatz des Romans, die Hansestadt Hamburg, stellt eine feste Größe innerhalb der Geschichte dar.

Das klingt zunächst einmal sehr amüsant, dachte ich mir als ich diesen Roman zur Hand nahm. Nach ausgiebiger Lektüre bin ich jedoch der Meinung, dass man gut zwei Drittel des Textes hätte wegredigieren können. Frau Bach hatte eine großzügige Lektorin, scheint es mir, die ihr einiges an überflüssigen Passagen hat durchgehen lassen. Das Ergebnis geht leider zu Lasten dieser Leserin, die sich beispielsweise durch ein Kapitel quälen muss, in dem Hauptfigur Hilly eine neue Küche in Auftrag gibt. Amüsant ist dieser Abschnitt schon, besonders dann wenn man sich selbst schon mal mit einem Küchenfachverkäufer hat auseinandersetzen müssen, nur hat dieser Abschnitt für die Handlung im folgenden keinerlei Bedeutung. Ich persönlich frage mich an dieser, wie auch an (viel zu) vielen anderen Stellen des Buchs – warum lese ich das hier eigentlich gerade? Wer wie ich nur ungern Passagen überfliegt, den wird die Lektüre von „Herzkammeranarchie“ oft einfach nur frustrieren.

Die zweite Schwäche dieses Romans ist seine Figurenzeichnung, wobei dies gleichzeitig auch als Stärke ausgelegt werden könnte, denn die Frauenrunde mit der Hilly sich anfreundet hat ordentlich Biss und ihre diversen Eskapaden sind überaus lustig geschrieben. Trotzdem sind die meisten Figuren hoffnungslose Klischees, die scheinbar nur dazu dienen die Hauptfigur zu exponieren, um danach wieder in ihrer Schublade zu verschwinden. Da wäre zum Beispiel die burschikose Lesbe Dorothea, mit der Hilly eine wilde Nacht verbringt, ein Bauarbeiter im Frauenkörper, dessen einzige Dialoganteile scheinbar darin bestehen sexistische Anzüglichkeiten vom Stapel zu lassen und die Hauptfigur sexuell zu belästigen. Das ist nicht nur für mich als Leserin frustrierend, sondern auch eine sehr oberflächliche und durchaus herabwürdigende Darstellung lesbischer Frauen. Der Trend zur Oberflächlichkeit setzt sich fort, zum Beispiel mit Hillys (von Beruf) Sohn, ihrem indischen Ehemann, der ständig deutsche Metaphern verhunzt und dem Gelegenheitslover, der zwar eine schillernde Backstory hat, als Figur jedoch so interessant ist, wie eine weiße Wand.

Soluna Bach zeigt in „Herzkammeranarchie“ eine Neigung zur Objektifizierung ihrer Figuren, die selbst vor Hauptfigur Hilly nicht Halt macht. In der Szene, die den Roman einleitet steht diese nackt vor dem Spiegel und kaut ihre diversen Vorzüge durch, nur die Brüste sind ihr viel zu groß, und ihre Minderwertigkeitskomplexe werden im folgenden zu einem gewollt charmanten Tick umfunktioniert, und bei jeder Gelegenheit erwähnt, um die Hauptfigur zu vermenschlichen. Diese Leserin kann irgendwann nur noch mit den Augen rollen und sich möglichst schnell bis zum Ende vorkämpfen, vorbei an überflüssigen Szenen, klischeehaften Figuren, und einer nicht enden wollenden Flut bissiger Kommentare der Hauptfigur, die aber leider allesamt ungesagt bleiben und mich als Leserin nur mäßig unterhalten. Denn so sehr Soluna Bach sich auch bemüht, sich bemüht witzig und frech zu sein, ich stehe auch gegen Ende des Romans nicht auf der Seite der Hauptfigur. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe, vielleicht haben die stilistischen Fehler den Roman für mich entzaubert…

…eines ist klar, das Ende kann für mich nicht schnell genug kommen. Denn „Herzkammeranarchie“ ist nicht mein Buch, war es nie und werde es wohl nie sein. Ich kann mir die Leserin, die dieses Buch genießt gut vorstellen, denn es gibt sie. Dieser Roman wurde geschrieben für LeserINNEN, die es gerne eingängig und auch in ernsten Situationen humorvoll haben möchten. Leserinnen, die sich ein versöhnliches Ende wünschen, auch wenn das bei mir existentielle Fragen im Stil von – warum habe ich dieses Buch eigentlich gelesen; viel Zeit bleibt mir nicht mehr und ich verwende sie auf eine Lektüre, die mir keinen Spaß macht. Aber ich bin eben ein spezieller Fall, bin eine die keine Lust hat auf überflüssige Szenen, auch wenn diese witzig sind, eine die noch nie ihr Spiegelbild von unten bis oben kritisiert hat, eine für die eine Anmache á la Dorothea sexuelle Belästigung ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Buch seine perfekte Leserin finden wird – ich bin es nicht und kann es daher an dieser Stelle auch nicht empfehlen.

Herzkammeranarchie – Soluna Bach – ISBN 978.3.471.35118.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in den mittleren Jahren noch einmal neu erfinden.
  • …spaßeshalber ab und zu zum anderen Ufer hinüber schwimmen.
  • …kein Problem damit haben ab und zu Passagen zu überfliegen.

Literarische Nachbaren…

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