(Neuerscheinung) Von Marathonmännern, bekifften Aliens und einer Ewigkeitsmaschine…

Terézia Moras „Ungeheuer“ hat mich Anfang des Jahres schwer beeindruckt. Daher zögerte ich nicht lange, als ich von ihrer neuen Veröffentlichung erfuhr und schon bald hatte ich das Buch im Briefkasten. Kurzgeschichtenbände sind ja bekanntlich die Stiefkinder der Literaturindustrie, aber im (virtuellen) Regal der Bücherphilosophin sind sie trotzdem immer willkommen…

Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora
Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora

Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Eine Unidozentin flieht vor einer gescheiterten Beziehung und vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Kunstvoll erzählt Terézia Mora in »Die Liebe unter Aliens« von Menschen, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Wir begegnen Frauen und Männern, die sich merkwürdig fremd sind und zueinander finden wollen. Einzelgängern, die sich ihre wahren Gefühle nicht eingestehen. Träumern, die sich ihren Idealismus auf eigensinnige Weise bewahren. Mit präziser Nüchternheit spürt Mora in diesen zehn Erzählungen Empfindungen nach, für die es keinen Auslass zu geben scheint, und erforscht die bisweilen tragikomische Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und Glück.

In ihrer neusten Veröffentlichung „Die Liebe unter Aliens“ zeigt Terézia Mora gleich zehn Mal, was sie als Schriftstellerin so kann. Vom Ton her erinnern mich die Geschichten allesamt ein wenig an „Das Ungeheuer“; nicht direkt pessimistisch aber zumindest der tristeren Seite der menschlichen Existenz zugewandt. Laut Klappentext geht es hier um Einsamkeit und Sehnsucht, und das kann ich persönlich so unterschreiben. Terézia Moras Figuren fehlt irgendwas; manchmal ist dieses etwas klar zu benennen, dann wiederum geht es um schwer greifbare Dinge, um innere Zustände, denen sich die Figuren selbst oft nicht ganz bewusst sind. Über Zeit und Raum erhaben kämpfen sie sich durch ihren Alltag, durchqueren sie die Straßen einer namenlosen Stadt, diese Leserin immer an ihrer Seite, die Ohren gespitzt, während mir Autorin Terézia Mora über die Schulter schaut und die Geheimnisse der Figuren zuflüstert.

Mein persönliches Highlight leitet diese Sammlung gleich ein, und bleibt bis zum Ende unerreicht, auch wenn die Konkurrenz ihm hart auf den Fersen ist. Es ist „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ eine Geschichte über einen Mann mittleren Alters, der auf offener Straße von einem jungen Migranten beklaut wird und diesen anschließend durch die Straßen der Stadt verfolgt. Während die Häuser und Viertel an den beiden vorbei ziehen enthüllt sich die Geschichte des „Marathonmannes“ und gibt die Sicht auf eine im Grunde einsame, oder zumindest sehr eigenbrötlerische, Existenz frei. Danach kommt gleich die Titelgeschichte in der diese Leserin einem verliebten Paar Teenager ans Meer begleitet. In „Perpetuum mobile“ erinnert sich die Hauptfigur an seinen besten Freund aus Kindertagen. „Ella Lamb in Mullingar“ thematisiert die innere Zerrissenheit einer arbeitenden Mutter.

Jede einzelne dieser Geschichten, und der weiteren sechs, die ihnen folgen, umkreist die Isolation ihrer Figuren, ob es sich nun um körperliche oder emotionale Isolation handelt, mit Worten, spricht diese aber nie direkt an. Terézia Moras Figuren sehnen sich nacheinander, so wie das Geschwisterpaar aus „Verliefen sich im Wald“ das sich um die übrige Familie nicht zu verprellen nur zweimal im Jahr und zudem heimlich treffen kann. Oder die schwarz arbeitende Putzfrau aus „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ die fiebernd vor Sehnsucht auf ihren Lebensgefährten wartet, der fernab von zuhause seinen künstlerischen Ambitionen freien Lauf lässt. Ihre Figuren sind heimatlos, ziellos, auf der Suche nach alten und neuen Freunden, wie zum Beispiel die junge Studentin aus „á la recherche“ die zwanghaft durch die Straßen Londons wandert oder der pensionierte Japanologieprofessor, der im Ort seiner Kindheit zum Tempel der titelgebenden „Göttin der Barmherzigkeit“ pilgert.

Wie das bei Kurzgeschichten oft der Fall ist, spielt sich vieles zwischen den Zeilen ab. Hier enthüllen sich die Geheimnisse der Figuren, deren innere Welten, Kämpfe und Hoffnungen. (Die Melancholie dieser Erzählungen tropft quasi von den Seiten und macht mir als Leserin das Herz zumal sehr schwer.) Terézia Mora verzichtet dabei auf jegliche Effekthascherei und lässt ihren Geschichten Raum sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten, ohne sie handlungstechnisch in die eine oder andere Richtung, bzw. auf ein vorkonzipiertes Ende, zu zu treiben. Manchmal führt das dazu, dass nicht viel passiert und der jeweiligen Geschichte das gewisse Etwas fehlt. Selten sind die Geschichten in „Die Liebe unter Aliens“ so originell wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“. Doch war ich vor der Lektüre durchaus darauf gefasst; Kurzgeschichtenbände sind wie Pralinenschachteln, jeder Griff zum Buch birgt eine Überraschung und manchmal mag man als Leserin was man kriegt, beim nächsten Mal wiederum eher weniger und anschließend ist man wiederum positiv überrascht.

Insgesamt ist „Die Liebe unter Aliens“ ein überaus lesenswertes Buch, das, wie sollte es bei der Gewinnerin des deutschen Buchpreises 2013 Terézia Mora auch anders sein, beeindruckend aber dabei nie selbstüberhöhend geschrieben ist. Terézia Mora verzichtet darauf sich auf den Seiten ihres Buchs zu profilieren und wie viele ihrer Kollegen mit stilistischen Sperenzchen zu protzen. Sie liefert stattdessen zehn Geschichten ab, die fast ein bisschen zu „understated“ daher kommen. Sie setzt sich mit Gefühlen auseinander, die nur die wenigsten von uns sich offen eingestehen wollen, schreibt über Sehnsucht, Trennungsängste und Einsamkeit. Damit trifft sie diese Leserin dort, wo es am schmerzhaftesten ist, doch genau deshalb möchte ich Dir „Die Liebe unter Aliens“ an dieser Stelle auch wärmstens empfehlen.

Die Liebe unter Aliens – Terézia Mora – ISBN 978.3.630.87319.0

Für Leserinnen, die…

  • …von ihrer Lektüre gefordert werden wollen.
  • …die Geschichte zwischen den Zeilen erspähen.
  • …lieber ihren Zeh ins Wasser halten, bevor sie einen Kopfsprung wagen.

Literarische Nachbarn…

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