(#04/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Drei Frauen mittleren Alters blicken zurück, drei Frauen erzählen ihre Geschichte. Die eine tut dies mit viel Humor, die nächste mit viel Ehrlichkeit sich selbst und ihren Leserinnen gegenüber, und die dritte mit einem unguten Gefühl im Licht neuer Erkenntnisse über die Schauplätze ihrer Kindheitserinnerungen. Ein literarisches Stimmungsbarometer also, dessen Nadel von Heiterkeit über Nostalgie bis zu ehrlicher Besorgnis schwingt.

Für Tollpatschige…

51uUwTCUrVL._SX324_BO1,204,203,200_„Is It Just Me?“ von Miranda Hart: Well hello to you dear browser. Now I have your attention it would be rude if I didn’t tell you a little about my literary feast. I am proud to say I have a wealth of awkward experiences – from school days to life as an office temp – and here I offer my 18-year-old self (and I hope you too dear reader) some much needed caution and guidance on how to navigate life’s rocky path. Because frankly where is the manual? The much needed manual to life. Well, fret not, for this is my attempt at one and let’s call it, because it’s fun, a Miran-ual. I thank you.

Manch einer mag Miranda Hart aus dem Fernsehen kennen, ihre in Großbritannien überaus erfolgreiche Comedyserie wird soweit ich weiß auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Ich persönlich kenne sie allerdings nur als etwas verkniffenes Gesicht auf dem Buchcover ihres Bestsellers „Is it just Me?“ im Buchladen Waterstones auf der Edinburgher Princes Street direkt am Eingang platziert und unmöglich zu übersehen. Lange widerstand ich ihm, verband ich doch nichts mit seiner Autorin, las es dann aber doch, nachdem mir die humorvollen Memoiren von amerikanischen Comedy-Größen wie Tina Fey und Amy Poehler so gut gefallen hatten. Leider hielt „Is It Just Me?“ eine Enttäuschung für mich bereit, und dabei waren meine Erwartungen ohnehin schon uncharakteristisch niedrig.

Das Buch ist als Dialog geschrieben, als unaufhörliche Auseinandersetzung der gegenwärtigen Miranda Hart mit ihrem 18-Jährigen Selbst. Beide Damen gingen mir schon früh mit ihrer albernen Tollpatschigkeit gehörig auf die Nerven. Die Autorin fragt in einem fort: „Is it just me?“ und ich antworte: „Yes, Miranda. It’s just you.“ Denn ich kann mich mit dieser Art durchs Leben zu stolpern einfach nicht identifizieren, noch bin ich besonders begeistert vom berühmten britischen Humor, den die Autorin zwischen den Seiten derart auf die Spitze treibt, dass man als deutsche Leserin den Witz mit der Lupe suchen muss. Insgesamt legt das Buch also eine Bruchlandung hin, die nicht besser zu seiner Autorin passen könnte, nur dass in meinem Lesezimmer am Ende leider nicht gelacht, sondern sich geärgert wird, schließlich hätte ich auch was anderes lesen können.

Am besten kombiniert mit…

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Für Aussteiger…

51zXP6Lo6zL._SX335_BO1,204,203,200_„You Look Like That Girl…“ von Lisa Jakub: At the age of twenty-two, Lisa Jakub had what she was supposed to want: she was a working actor in Los Angeles. She had more than forty movies and TV shows to her name, she had been in blockbusters like „Mrs. Doubtfire“ and „Independence Day“, she walked the red carpet and lived in the house she bought when she was fifteen. But something was missing. Passion. Purpose. Happiness. In „You Look Like That Girl…“ Lisa Jakub explores the universal question we all ask ourselves: what do I want to be when I grow up?“

Die Autorin dieser Autobiografie kennt wahrscheinlich vom Namen her kein Mensch (mehr). Doch die Filme in denen der ehemalige Kinderstar mitwirkte sind auch über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch gerne gesehen – zumindest von mir 😉 In ihrem überaus kontemplativen Buch schaut die (etwas) gealterte Autorin, die mittlerweile ein vollkommen durchschnittliches Leben führt, auf ihre mehr oder weniger bewegte Jugend als Hollywood-Liebling zurück. Dabei hat sie gemessen an Hollywood-Maßstäben gar nicht so viel zu erzählen; Drogen nahm sie keine, Affären hatte sie dafür viele, aber immer nur mit technischen Mitarbeitern. Im Vergleich zu Barrymore, Culkin & Co. wirkt ihre Schilderung zahm, fast schon etwas fade. Wer ein Enthüllungsbuch sucht, ist mit „You look like that girl..“ also schlecht beraten.

Insgesamt finde ich es ganz interessant mal hinter die Kulissen bekannter Filme zu schauen und von einem Hollywood-Insider zu erfahren, wie es an Filmsets so zugeht, mag die Perspektive der Autorin auch noch so behütet sein. Wer weiß, wo Lisa Jakub heute wäre, hätte sie mit Anfang zwanzig nach einer langen Frustphase nicht das Handtuch geworfen. Vielleicht würde sie sich mit Amy Adams erbitterte Kämpfe um die Oscar-Nomminierung liefern, vielleicht wäre sie auch wie so viele Kinderstars vor ihr langsam in der Versenkung verschwunden. Die Entscheidung sich freiwillig zurück zu ziehen und ein ganz normales (von Hollywood aus gesehen wahrscheinlich wenig erstrebenswertes) Leben zu führen, verleiht ihr eine Integrität, die in mir den Wunsch weckt, ihre Geschichte näher kennen zu lernen – und so schließt sich der Kreis.

Am besten kombiniert mit…

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Für Atomgegner…

51pkpqm9ial-_sx321_bo1204203200_„Full Body Burden“ von Kristen Iversen: It is the early 1950s. Kristen Iversen is enjoying a carefree childhood surrounded by desert and mountains. But just a few miles down the road, the US government decides to build a secret nuclear weapons facility at Rocky Flats. Kirsten and her siblings jump streams, ride horses, live a happy outdoors life. But beneath this veneer her family is quietly falling apart. And in a series of fires, accidents and other catastrophic leaks, Rocky Flats nuclear plant is spewing an invisible cocktail of the most dangerous substances on earth into this pristine landscape. The ground, the air and the water are all alive with radiation.

Kristen Iversens Autobiografie sprengt die Grenzen des Genres, dementsprechend fällt es mir schwer ihr Buch an dieser Stelle in Worte zu fassen. Auf der einen Seite ist es eine Autobiografie, wie es in ihrer Generation unzählige gibt; eine kinderreiche und daher etwas chaotische Familie zieht in eine Vorstadtsiedlung, hält dort diverse Tiere an denen die Kinder ihre helle Freude haben, der Vater trinkt und die Mutter verzweifelt daran, verlässt ihn aber nicht. Auf der anderen Seite ist es hervorragend recherchierter investigativer Journalismus zum Thema Atomwaffen, Umweltverschmutzung und Vertuschung auf staatlicher Ebene. Beide Teile sind über den Verlauf der Geschichte durchgängig miteinander verknüpft, ebenso wie die Kindheit und Jugend in der vermeintlichen Vorstadtidylle untrennbar mit den Umweltverbrechen der amerikanischen Atomindustrie vor Ort verwoben ist.

Ab und zu liest sich das Buch daher wie ein Thriller, dann wiederum wie ein Familienroman und schlussendlich erinnert es, wenn die (zum großen Teil krebskranken) Anwohner gegen den Konzern, der die Fabrik betreibt, vor Gericht ziehen, an ein amerikanisches Zivilrechtsdrama á la „Erin Brochovich“. Doch die Lektüre von „Full Body Burden“ ist nicht nur spannend, sondern beunruhigt diese Leserin auch. Denn wer weiß schon, was sich in Land, Luft und Wasser alles tummelt an Teilchen, die zwar unsichtbar, aber trotzdem allzu schnell sich einverleibt sind, um über die nächsten Jahre und Dekaden Schaden anzurichten, der einen letztlich ins Grab bringt. Insofern ist dieses Buch trotz der autobiografischen Anteile eine harsche Abrechnung mit gängiger industrieller Praxis, die sich wenig um die Sicherheit des Individuums schert, solange am Ende der Gewinn stimmt. Pflichtlektüre also für Verbraucherinnen, die mitdenken, statt nur zu konsumieren!

Am besten kombiniert mit…

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