(Neuerscheinung) Das grandiose Sternbild des Chrysler Buildings bei Nacht…

Elizabeth Strout ist schon seit langem die Lieblingsautorin meiner Mutter, und auch außerhalb des Familienkreises höre ich über sie nur Gutes – zum Beispiel von der Jury des amerikanischen Pulitzer Preises, die Elizabeth Strout 2009 für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ ausgezeichnet hat. Insofern blieb mir als Leserin und als Buchbloggerin nun natürlich keine andere Wahl als, in Form ihrer neusten Veröffentlichung, dem Hype einmal selbst auf den Grund zu gehen…

41di0a8lul-_sx309_bo1204203200_Lucy Barton erzählt ihre Geschichte. Sie muss sie erzählen, weil sie auf der Suche nach der Wahrheit ist, als Schriftstellerin wie als Mensch. Und es gibt zu vieles, was ihr Leben geprägt hat und ihr immer noch keine Ruhe lässt. Das wird ihr klar, als sie wegen einer unerklärlichen, lebensbedrohenden Infektion nach einem Routineeingriff längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss und plötzlich ihre Mutter an ihrem Bett sitzt. Ihre Mutter, die sie nicht mehr gesehen hat, seit sie ihr Zuhause in einem kleinen Kaff in Illinois verlassen hat. Während sie erschöpft und glücklich der Stimme ihrer Mutter lauscht, die ihr Geschichten von den Leuten aus ihrer Heimat erzählt und was aus ihnen geworden ist, während Mutter und Tochter ein neues Band zu formen scheinen, auch wenn sie nur schweigend aus dem Fenster auf das beleuchtete Chrysler Building gegenüber schauen, kommt alles wieder hoch…

In ihrem neusten Roman erzählt Elizabeth Strout die Geschichte der jungen Mutter Lucy Barton, die nach einer Routineoperation mysteriös erkrankt und von ihrem Krankenzimmer aus auf die nächtliche Skyline von New York blickt. An Lucys Bett wacht ihre Mutter; Tag und Nacht auf einem unbequemen Stuhl sitzend, weicht sie ihrer von der Krankheit gezeichneten Tochter nicht von der Seite. Zusammen erinnern sie sich an vergangene Jahre, schwatzen über alte Bekannte und warten auf Lucys Arzt, der jeden Tag vorbei kommt, um nach ihr zu sehen, sogar Samstags, was Lucy sehr freut und ein bisschen verliebt macht, wenn sie ehrlich ist. So verstreichen die Tage und die Erinnerungen Lucys an ihre Kindheit verleihen der Eintönigkeit ein bisschen Farbe, auch wenn die Erinnerungen selbst Lucy nicht immer fröhlich stimmen.

Ich muss zugeben, dass ich mit sehr hohen Erwartungen an die Lektüre dieses Romans heran gegangen bin. Schon alleine seine Länge, gerade einmal 200 Seiten, hätte mich dahingehend vorwarnen sollen, dass er einfach nicht in der gleichen Gewichtsklasse boxt wie „Mit Blick aufs Meer“ oder „Das Leben, natürlich“. Ich ließ mich jedoch nicht belehren und war am Ende dann doch etwas enttäuscht, weil ich mir mehr Tiefgang versprochen hatte von diesem Roman, der eigentlich viel mehr einer Novelle gleicht und vielleicht auch so verstanden werden sollte. Die Themen, welche Elizabeth Strout in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ anschneidet – Armut, Kindesmisshandlung, Alkoholismus – werden nicht einmal ansatzweise ausgelotet und ich fühle mich nach Beendigung der Lektüre nur unzureichend gesättigt, so als hätte mir der Appetizer vorgegaukelt ein Festmahl zu sein.

Stilistisch spielt Elizabeth Strout natürlich in der ersten Liga mit, so ein Pulitzer Preis wird einem schließlich nicht nach geschmissen, und „Die Unvollkommenheit der Liebe“ ist also, trotz ihrer kleinen Unzulänglichkeiten was den Tiefgang der Geschichte angeht, erzählerisch durchaus in der Lage selbst die gehobenen Ansprüche der Bücherphilosophin (das bin ich 😉 ) zu befriedigen. Sprachlich ansprechend geschrieben, dabei aber nie abgehoben oder gar verliebt in die eigenen stilistischen Sperenzchen, führt die Erzählstimme der Lucy Barton diese Leserin durch die Geschichte. Von Anfang bis Ende, ohne zu beschweren demnach aber leider auch ohne einen besonders tiefen Eindruck (bei mir) zu hinterlassen. Sie erzählt ihre Geschichte im Rückblick nach ihrer Genesung, und im Rückblick während des Rückblicks, als sich erinnernde, da in ihrem Krankenzimmer gefangene, um ihr Leben bangende junge Mutter.

Dafür dass Lucy Barton über den Zeitraum ihres Krankenhausaufenthaltes nie genau weiß, woran sie eigentlich leidet und was für ein Ende es mit ihr nehmen wird – eine meiner Erfahrung nach sehr Angst- und sicher auch sehnsuchtsintensive Zeit, abgeschottet von Familie und Freunden – enthält ihre letztendliche Schilderung dieser Zeit unerwartet wenig Emotionen. Quasi aus dem Nichts taucht ihre Mutter auf, um ihr Gesellschaft zu leisten und scheint dabei keinerlei eigene körperliche Bedürfnisse zu haben, allen voran der Schlaf. Als Leserin glaubte ich einige Kapitel lang es handele sich bei ihr um die Halluzination einer Sterbenden, doch zu einem solchen (zugegebenermaßen etwas abgedroschenen) stilistischen Werkzeug greift Elizabeth Strout dann doch nicht. Die Frage, ob dies vielleicht besser gewesen wäre, muss jede Leserin für sich selbst beantworten.

Insgesamt hatte ich von Pulitzer Preis Gewinnerin Elizabeth Strout deutlich mehr erwartet – vor allem nach dem ganzen Trara, welches hier in meiner Familie um ihre Romane gemacht wird. Das Buch liest sich sehr angenehm und stellt zwischen der Leserin und der Geschichte dabei keinerlei stilistische Hürden auf. Besonders Leserinnen, denen ab der dritten Metaebene gerne mal der Kopf schwirrt – mich schließt das post-ME leider mit ein – dürften sich zwischen den Seiten wie zu Hause fühlen; mir persönlich reicht das aber nicht. Denn die Geschichte ist mir eindeutig zu flach geraten, besteht quasi nur aus im Grunde belanglosen Gesprächen zwischen Mutter und Tochter, die ich mir letztlich auch selbst aus dem Ärmel hätte schütteln können. Zudem scheinen mir einige Handlungspunkte ein wenig an den Haaren herbei gezogen. Alles in allem für mich nicht genug um Elizabeth Strout abzuschwören, aber für den nächsten Roman wünsche ich mir etwas mehr Herzblut.

Die Unvollkommenheit der Liebe – Elizabeth Strout – ISBN 978.3.630.87509.5

Für Leserinnen, die…

  • …eine leicht verdauliche und dennoch sprachlich anspruchsvolle Lektüre suchen.
  • …einen Zeh in die literarischen Wasser der Elizabeth Strout halten möchten, bevor sie bereit sind einen Kopfsprung zu wagen.
  • …keine allzu hohen Ansprüche an ihre nächste Lektüre stellen.

Literarische Nachbarn…

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