(Lesen ist hardcore!) Die wahre Geschichte verbirgt sich unter der Oberfläche…

Seitdem ich als Jugendliche David Nickles „Monstrous Affections“ las, bin ich dem kanadischen ChiZine Verlag und seinen bizarren, und doch für das Horror/SciFi/Fantasy-Genre ungewohnt literarischen, Veröffentlichungen treu ergeben. Seitdem fanden schon unzählige ChiZine Erzählbände den Weg zu mir, so auch Helen Marshalls Debüt „Hair Side, Flesh Side“, und bisher habe ich noch keine Lektüre bereut…

415d5yclwnl-_sx331_bo1204203200_A child receives the body of Saint Lucia of Syracuse for her seventh birthday. A rebelling angel rewrites the Book of Judgement to protect the woman he loves. A young woman discovers the lost manuscript of Jane Austen written on the inside of her skin. A 747 populated by a dying pantheon makes the extraordinary journey to the beginning of the universe. Lyrical and tender, quirky and cutting, Helen Marshall’s exceptional debut collection weaves the fantastic and the horrific alongside the touchingly human in fifteen modern parables about history, memory, and cost of creating art.

Wenn Helen Marshall in die Tasten ihres Laptops greift, dann sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Wie unzählige ChiZine Publications Autoren vor ihr kultiviert sie in ihrem erzählerischen Debüt des Lesers Faszination für das Bizarre. Ihre Geschichte fangen in der Regel ganz harmlos, ganz realistisch an, driften dann aber nach und nach in die Abgrundtiefen der menschlichen Vorstellungskraft, dort wo kein Licht jemals hin dringt und abstruse Kreaturen ihr Unwesen treiben, bis diese Leserin das kalte Grausen packt. Dabei überschreitet sie doch niemals die Grenze zwischen Literatur und Horror, bleibt immer innerhalb der Transitzone des magischen Realismus. Mir persönlich gefällt das sehr, wer was das Genre angeht allerdings klare Verhältnisse mag, dürfte der Lektüre dieser Geschichten wenig abgewinnen können.

Am besten gefällt mir persönlich die Titelgeschichte in der eine junge Lektorin das verlorene letzte Manuskript von Jane Austen entdeckt. Eigentlich ein Grund zur Freude, wäre dieses nicht auf die Innenseite ihrer Haut gedruckt. Ganz so unappetitlich wie das klingt wird es dann doch nicht, schließlich schreibt hier Helen Marshall und nicht Chuck Palahniuk oder gar Stephen King. Ein ungutes Gefühl bleibt jedoch, wenn man diese Geschichte liest und auch danach. Wie das bei Erzählbänden so ist, kann mich natürlich nicht jede einzelne Geschichte derart begeistern. Helen Marshall hat viele skurrile Ideen, aber ganz so gruselig, wie es den Anschein haben mag, ist ihr Debüt dann doch nicht. Monster, Schreckgespenster und psychopathische Serienmörder sucht man zwischen seinen Seiten also vergebens.

Denn die Autorin nutzt das Magische in ihren Geschichten vor allem dazu das Alltägliche zu verdeutlichen, beispielsweise wenn sie vom Schicksal eines Scheidungskindes erzählt dessen Mutter es lieber an ewiges schier unerträgliches Leid anheim gibt als es der neuen Frau des Exmannes zu überlassen. Diese Mehrdimensionalität der Erzählungen ist im Mainstream des Genres überaus rar gesät, aber durchaus typisch für ChiZine Autoren – einer der Gründe, warum ich diesem verhältnismäßig unbekannten Indie-Verlag seit Jahren die Treue halte. Helen Marshall erzählt Geschichten über das Leben, Gesichten wie sie so jeder von uns schon einmal oder vielleicht sogar oft erlebt hat, Geschichten die jeden von uns etwas angehen. Doch erzählt sie sie auf eine ganz einzigartige Weise, die das sichtbar macht, was sonst nur zwischen den Zeilen steht.

Manchmal bin ich schon enttäuscht, dass es nicht noch etwas düsterer zu geht zwischen den Seiten, dann wiederum beeindruckt mich gerade diese erzählerische Gratwanderung zwischen ominös und alltäglich. Trotzdem sind die Geschichten, welche Helen Marshall hier erzählt nicht immer ganz leicht verdaulich – vielleicht auch gerade weil das Monster sich unter dem Bett versteckt hält, die Autorin löscht das Licht und als Leserin weiß man es ist da, kann es durch die Matratze leise atmen hören, doch zeigt es sich nicht und so enthält die Autorin mir die Katharsis vor, die nach dem Schrecken kommt, auf die ich als Leserin sogar ein Anrecht zu haben glaube. Das mag man als unfair empfinden, oder als erzählerische Meisterleistung, meine Meinung dazu ändert sich jedenfalls je nach Geschichte.

Insgesamt hebt sich „Hair Side, Flesh Side“ scheinbar mühelos aus der Masse an Veröffentlichungen heraus, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Gegen das allmähliche Vergessen von Details und Handlungssträngen kommt Helen Marshall dann aber doch nicht an. Allerdings ist dieses Buch eines, das ich ohne zu zögern auch ein zweites Mal lesen würde. Denn ich ahne schon, dass mir bei meiner ersten Lektüre Facetten entgangen sein dürften, dafür ist dieses Buch einfach zu hintersinnig, zu voll gepackt mit übersinnlichen Metaphern und Zweideutigkeiten. Für Zartbesaitete ist „Hair Side, Flesh Side“ dann aber doch nichts, das Grauen wird zwar nie offen angesprochen, folgt der Leserin jedoch auf Schritt und Tritt, wie ein Schatten, der Böses ahnen lässt, auch wenn das dicke (leider) Ende oft ausbleibt.

Hair Side, Flesh Side – Helen Marshall – ISBN 978.1.927.46924.8

lesen-ist-hardcore-blog-projektFür Leserinnen, die…

  • …auf dem schmalen Grat zwischen Literatur und Horror wandeln wollen.
  • …eine Prise Magie in ihrem Realismus mögen.
  • …literarisch eher hartgesotten sind.

Literarische Nachbarn…

41qhpyfull-_sx323_bo1204203200_51ivxfte17l-_sx321_bo1204203200_51npgsusrul-_sx322_bo1204203200_yoshimoto_ihre-nachtjpg

 

Advertisements

Ein Gedanke zu „(Lesen ist hardcore!) Die wahre Geschichte verbirgt sich unter der Oberfläche…“

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s