(Neuerscheinung) Liebe ist wie Igel essen…

Anstatt an dieser Stelle lang und breit so zu tun, als wäre meine Entscheidung für dieses Buch als nächste Lektüre von langer Hand geplant gewesen, bin ich nun einfach mal ganz ehrlich mit mir selbst und mit Dir, liebe Leserin, und sage – es war eine reine Bauchentscheidung, das Cover gefiel mir und der Klappentext versprach junge deutsche Literatur, also griff ich zu. Ob sich diese Spontanität meinerseits gelohnt hat, erzähle ich Dir im Folgenden…

9783471351208_coverFür die Berufsfreundin Luzy sind Männer der Mittelpunkt ihrer Welt. Auch wenn es ihr gar nicht passt: Sie kann nicht alleine sein. Also, in einem Raum geht das schon, aber ohne einen Freund im Leben wird es schwierig. Bislang konnte Luzy sich immer retten. Wenn das Beziehungsende nahte, suchte sie sich rechtzeitig den Nächsten. Apollo, Peter, Jonas. Von einem zum anderen wie der Affe im Dschungel. Sie investiert all ihre Energie in den Erhalt der oft nicht einfachen Beziehungen mit Männern, die sich so flüchtig verhalten wie Edelgase. Aber plötzlich geht etwas schief, und Luzys Putzerfisch-Verhalten kann ihre Trennungsangst nicht mehr kaschieren. Sie flippt aus. Im Streit bricht sie Jonas den Arm und muss fortan 100 Meter Abstand zu ihm wahren. Mit Liebeskummer im Herzen und einem Entfernungsmesser in der Hand stellt sie fest, dass sich etwas ändern muss, denn von aufrichtiger Liebe versteht sie nichts.

Der Debütroman der jungen Regisseurin Laura Lackmann, die unter anderem Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ verfilmt hat, „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ beginnt mit einem Geständnis der Hauptfigur. Lucy hat ihrem Freund Jonas, der jetzt wohl eher ihr Ex-Freund ist, den Arm gebrochen. Nicht mit roher Gewalt etwa, Lucy ist verhältnismäßig petite, aber geschubst hat sie ihn schon, mit voller Wucht in ein Expedit Regal von Ikea und das ist dann über ihm zusammen gebrochen, und nun darf sie sich ihrer Liebe von fünf Jahren per Gerichtsbeschluss nur noch auf 100 Meter nähern. Für die aufopfernde Lucy, die bisher jeden Freund zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht hat, ist dies mindestens so scherzhaft wie ein kalter Entzug, und ebenso schwer durchzuhalten.

Während die gegenwärtige Lucy, bewaffnet mit einem professionellen Entfernungsmesser, ihren Ex-Freund Jonas durch die Hauptstadt stalkt und versucht diesen trotz allem zurück zu gewinnen, erzählt Laura Lackmann parallel ebenfalls die Geschichte der vergangenen Lucy. Diese fängt mit einem Auslandsaufenthalt der Sandkastenfreundin an, den Lucy damit verbringt auf ihre Rückkehr zu harren, geht mit dem ersten Freund weiter, den Lucy sich aussucht um nicht die einzige in ihrer Klasse zu sein, die noch keinen Freund hat, und weil er eben gerade zufällig in ihrer Nähe war, und hört schließlich mit einer Anzeige wegen Körperverletzung durch ihren dritten Anlauf in Sachen Liebe namens Jonas auf. Gegen Ende treffen sich die vergangene und die gegenwärtige Lucy um eins zu werden auf der Suche nach einem Ersatz für Jonas. Wer von lesenswerter Lektüre erwartet, dass die Hauptfigur am Ende aus ihren Fehlern lernt, wird „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ irgendwann wohl entnervt zur Seite legen.

Ich meinerseits habe das nicht getan, denn Lucys Eskapaden sind dafür viel zu unterhaltsam, auch wenn ich die Hauptfigur ab und zu am liebsten zur Seite genommen hätte, um ihr ein bisschen ins Gewissen zu reden, und ihr eine Ausgabe der EMMA in die Hand zu drücken. Letztlich kommt mir ihre Geschichte aber doch irgendwie bekannt vor. Wer hat nicht schon einmal auf seine beste Freundin verzichten müssen, weil diese lieber mit ihrem Freund zusammen war…?! Wer war nicht schon einmal selbst diese unzuverlässige beste Freundin…?! Die Liebe verdreht uns Frauen den Kopf, und tut dies manchmal so gründlich, dass währenddessen alle eigenen Gedanken herauspurzeln, so dass frau sich ihn im schlimmsten Fall längerfristig nicht mehr alleine gerade rücken kann. Lucys Abhängigkeit von der Liebe und dem Zuspruch ihres jeweiligen Freundes, der sich ehrlich gesagt nicht besonders für sie zu interessieren scheint, ist mal komisch und dann wieder recht tragisch, aber ein Körnchen Wahrheit enthält sie schon.

Ohne allzu sehr zu psychologisieren deutet die Autorin im Laufe der Geschichte auch immer wieder Gründe für das Verhalten ihrer Hauptfigur an, eine überaus freizügige und nachsichtige Mutter zum Beispiel oder einen Vater mit akuter Todessehnsucht. Als Erklärung für eine derartige Selbstaufgabe ist mir das allerdings etwas zu Freud-isch. Dann wiederum handelt es sich bei „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ nicht um das Psychogramm einer post-feministischen Frauengeneration, sondern um eine humorvolle Auseinandersetzung damit, was in der Liebe so alles schiefgeht, wenn man sich selbst im anderen verliert. Hauptfigur Lucy hat nie gelernt sie selbst zu sein, verbrachte sie doch ihre Pubertät und junges Erwachsenenalter damit all das zu sein, was Apollo/Peter/Jonas in ihr sehen wollte. Das sorgt,wie gesagt, nicht nur für heitere Momente im Lesezimmer, sondern gibt der Leserin auch reichlich zu denken, nachdem das Buch wieder zugeklappt ist.

Insgesamt ist „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ ein unterhaltsamer, dabei aber nie platter, Roman für junge Leserinnen mit und ohne Liebeskummer. Die etwas lieblos mit WindowsPaint(?) erstellten und hoffnungslos verpixelten schwarz-weiß Zeichnungen, die in unregelmäßigen Abständen das Buch illustrieren, hätte sich der Verlag meiner Meinung nach ruhig sparen können. Doch trübt dies in keiner Weise die Lesefreude, oder unterbricht das wissende Nicken dieser Leserin, welche(s) sich bei der Lektüre von „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ unweigerlich einstellt. Insofern finde ich persönlich das Debüt von Laura Lackmann überaus gelungen, clever und mit einem Schuss Ironie, aber auch vielen unangenehmen, wenn auch ins Komische überzeichneten, Wahrheiten über junge Frauen und die (erste, zweite & dritte) Liebe, auch wenn diese sicher nicht bei jeder von uns in einer einstweiligen Verfügung endete… 😉

Die Punkte nach dem Schlussstrich – Laura Lackmann – ISBN 978.3.471.35120.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich viel zu oft verbiegen, um geliebt zu werden.
  • …aus Liebeskummer schon mal so richtig ausgetickt sind.
  • …immer wieder die falschen Männer wählen.

Literarische Nachbarn…

414wfO9aTwL._SX307_BO1,204,203,200_51GUF634SbL._SX307_BO1,204,203,200_51RxJ5HGrvL._SX326_BO1,204,203,200_Download (12)

Advertisements

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s