(Neuauflage) Das Leiden des einen am anderen und aller an der Liebe…

Als ich dieses Buch auf der Webseite vom Ullstein Verlags sah, dachte ich mir – schon wieder ein neuer Haratischwili?! Zögerte dann aber nicht lange und bald schon zog „Juja“ via meines Briefkastens bei mir ein. Dann erst sah ich, dass es sich um das Debüt der Autorin handelt und im Grunde freue ich mich schon per Zufall ihren ersten Roman in Händen zu halten und so die literarische Entwicklung der Autorin chronologisch nachvollziehen zu können…

9783548287928_coverEine junge Frau ersteht in einem Pariser Antiquariat ein schmales Büchlein einer ihr unbekannten Autorin, »Die Eiszeit« von Jeanne Saré. Sie liest es in wenigen Stunden aus und fühlt sich danach um Jahre gealtert und auf verstörende Weise fundamental verändert. Wie sich herausstellt, ist sie nicht die Einzige, deren Leben nach der Lektüre ein anderes ist. Kurz nach seinem Erscheinen in den 70er Jahren hatte das Buch für Furore gesorgt, seine Autorin wurde zum Mythos: eine 17-jährige Selbstmörderin voller Hass und Sehnsucht, die die Veröffentlichung ihrer Texte nicht mehr erlebt hat. Die feministische Linke feiert sie als Märtyrerin, doch ein düsterer Sog scheint von den Worten Sarés auszugehen: 14 junge Frauen folgen der Autorin in den Freitod. Jahrzehnte später machen sich im Paris der Gegenwart ein paar Menschen auf, das düstere Geheimnis des Textes und seiner Wirkung zu ergründen.

In ihrem Debüt „Juja“ schreibt die junge Nino Haratischwili über das Schreiben, das Lesen und darüber was diese scheinbar harmlosen Tätigkeiten in einem Menschen auslösen können. Damit führt sie eine lange Tradition fort, von angehenden Schriftstellern, die sich, via ihres Erstlingswerkes, mit der Frage auseinandersetzen, warum sie eigentlich schreiben. Denn das Schreiben, ebenso wie das Lesen, ist, wie Nino Haratischwili in ihrem Roman unweigerlich feststellt, ein revolutionärer, wenn nicht sogar ein gefährlicher Akt. Dieser Gefahr erliegen zwischen den Seiten von „Juja“ vor allem die Figuren der Autorin, aber auch die Autorin selbst, die sich immer wieder in ihr eigenes Werk einspeist, und sogar zu mir der Leserin schwappt mit dem letzten Abschnitt eine Welle Gänsehaut herüber.

Zwischen den Seiten des Romans bewegt sich diese Leserin losgelöst von Zeit und Raum, springt vom 21. zurück in das 20. Jahrhundert, reist von Paris nach Amsterdam nach Sydney und wieder zurück. All das macht mich anfangs etwas atemlos. Auf den ersten 25 Seiten alleine verspinnt Haratischwili fünf Erzählstränge als wäre es nichts besonderes, und ich meinerseits stolpere über die Fäden verheddere mich und bereue kurz das Buch zur Hand genommen zu haben; denn das ist alles ein bisschen zu viel für mein entzündetes Gehirn. Doch dann lichtet sich der Nebel hinter meiner Stirn, die Knoten lösen sich und auf einmal passt alles irgendwie wieder zusammen. Trotz meines etwas konfusen, leicht überforderten ersten Eindrucks ist „Juja“ also ein überaus lesbares, da nicht halb so kompliziert wie zunächst angenommenes Buch. Einige Handlungsstränge munden mir dabei mehr als andere, das allerdings führe ich auf meine persönlichen Präferenzen zurück.

Dabei ist Nino Haratischwilis Debüt nicht perfekt, aber doch perfekt durchdacht. Das Ende führt diese Leserin via der Metaebene wieder an den Anfang der Geschichte und so setzt sich diese in meinem Kopf unaufhörlich fort. Aufgrund dieser Cleverness verzeihe ich der Autorin auch die überaus blumige Kleinmädchenprosa, die einige Teile des Romans verunstaltet; ironischer Weise betrifft das genau die Passagen, welche einen so infektiösen, lebensverändernden und -verunstaltenden Effekt auf ihre (fiktiven) Leser haben sollen. Ebenso schaue ich an dieser Stelle darüber hinweg, dass die inneren Monologe aller Figuren Haratischwilis irgendwie ähnlich klingen. Ob sie nun in Amsterdam leben oder in Sydney, ob sie Anfang des 20. Jahrhunderts geboren sind oder in der Nachkriegszeit, sie denken gleich, fluchen gleich, benutzen eine nahezu identische, zeitgenössische Sprache, die mir besonders in den Passagen von 1953 und 1968 unangenehm anachronistisch erscheint.

Als jemand der nicht nur liest, sondern auch selber Geschichten und Romane schreibt, bzw. schrieb (die ME hat mir leider eine Zwangspause verordnet), übt „Juja“ sowohl als Roman aber vor allem auch als Betrachtung der Wirkung von Literatur auf den Leser einen unerklärbaren Sog auf mich aus. Im Grunde ist mir der Aufbau des Romans etwas zu kompliziert und viel zu ambitioniert für einen Debütroman, dafür stilistisch irgendwie unausgegoren und erzählerisch unzureichend differenziert – auf den Folgeroman Haratischwilis „Mein sanfter Zwilling“ bin ich, was das angeht, schon überaus gespannt – doch ich kann einfach nicht davon lassen. Denn ich kenne dieses Gefühl der Verbindung durch Worte, die Zeit und Raum überbrückt, sowohl als diejenige, welche die Brücke baut, als auch als diejenige, welche sie überschreitet.

Insgesamt ist „Juja“ ein sehr ambitioniertes, thematisch aber durchaus nicht untypisches Debüt. Nino Haratischwili zeigt zwischen den Seiten großes literarisches Potenzial, hat allerdings noch einiges zu lernen was Figuren -, Schauplatzzeichnung und Erzählstimme angeht. Trotz kleiner Anfängerfehler und anfänglicher Verwirrung, es dauert ungefähr 50 Seiten bis man sich als Leserin in der Geschichte zurecht findet, habe ich meine Lektüre des Romans jedoch genossen, bzw. werde ich sie in guter Erinnerung behalten, und nicht nur das, sie machte mich, wie erwähnt, auch neugierig darauf, wie sich die Autorin wohl entwickeln mag. Der Vorteil einer Neuauflage gegenüber einer Neuerscheinung ist, dass ich dies im Folgenden direkt herausfinden werde können, hat Nino Haratischwili seit „Juja“ doch schon zwei weitere hoffentlich ebenso fesselnde Romane veröffentlicht.

Juja – Nino Haratischwili – ISBN 978.3.548.28792.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich und ihr Leben schon einmal in einer Romanfigur wiederfanden.
  • …keine Angst vor der Metaebene haben.
  • …Anfängerfehler verzeihen.

Am besten kombiniert mit…

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