(Neuerscheinung) Die Menschen unterscheiden sich voneinander in der Qualität ihrer Träume…

Auf Viktorija Tokarjewa bin ich bei meiner Durchsicht der Diogenes Herbst/Winter Vorschau gestoßen. Der Name war mir bisher zwar kein Begriff, doch bin ich immer neugierig auf Autorinnen aus von mir nur selten belesenen Ländern, in diesem Fall ist das Russland. Darüber hinaus sind Kurzgeschichtenbände meiner Meinung nach eine wunderbare Einstiegslektüre, um eine neue Autorin näher kennen zu lernen…

41uh3womrhl-_sx314_bo1204203200_Viktorija Tokarjewa erzählt vom Leben auf der Datscha und dem Überlebenskampf in der Großstadt, von der Bohème und der ländlichen Armut, von unerwarteter Güte und der Bosheit der Menschen, von Schicksalsschlägen und glücklichen Wendungen, von der Gelassenheit des Alters und vom Ungestüm der Jugend. Und immer wieder von den Seltsamkeiten der Liebe.

„Auch Miststücke können einem leidtun“ besteht, inklusive der Titelgeschichte, aus neun Erzählungen, von denen eine handvoll aufgrund ihrer Ausführlichkeit durchaus als Novellen bezeichnet werden könnten. Abgesehen von ihrer Länge gleichen sich diese Geschichten (fast) bis aufs Haar, was es mir wiederum einfacher macht über den Ton des Buchs als Ganzes zu schreiben. Dieser erinnert mich als Leserin an die großen Erzähler Russlands, an deren Weitschweifigkeit, aber auch an deren Vermögen ein ganzes Menschenleben auf ein paar wohl formulierte Paragrafen zusammen zu dampfen. Manchmal genügt mir das nicht, andermal scheint der Text vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen zu verlieren. „Auch Miststücke können einem leidtun“ ist wie viele andere Erzählbände in seiner Gesamtheit etwas durchwachsen.

Am liebsten war mir die verkappte Liebesgeschichte „Der Schuss“ in der ein alter Mann seine an Alzheimer erkrankte Frau pflegt und sich auf seine alten Tage noch einmal Hals über Kopf in eine ehemalige Zirkuskünstlerin verliebt. Die Liebe der beiden ist nicht besonders romantisch oder moralisch, schließlich ist der Herr im Bunde noch verheiratet, aber irgendwie sind die beiden süß zusammen, auch wenn das Happy End leider ausbleibt – was für Viktorija Tokarjewa übrigens nicht ungewöhnlich ist, zumindest in „Auch Miststücke können einem leidtun“. Abgesehen von dieser Erzählung wartet das Buch noch mit einer Reihe tragischer Liebesgeschichten auf, erzählt beispielsweise von einem erfolgreichen Dramaturgen, der ohne Unterlass seine Frau betrügt oder einem Witwer, der erst nach dem Tod seiner Frau begreift, wie sehr er sie doch geliebt hat.

Gar nicht mochte ich jedoch die letzte Geschichte des Buchs „Warum nicht?“, die das Licht der Welt zunächst als Drehbuch erblickte und anschließend von der Autorin in eine kleine Novelle umgearbeitet wurde. Ein ehrgeiziges Vorhaben, dass Viktorija Tokarjewa meiner Meinung nach nicht so wirklich geglückt ist. Die Geschichte selbst ist übervoll von Figuren und Handlungspunkten und bricht so völlig aus dem Rest des Erzählbandes aus. Ich persönlich hätte auf dieses letzte Hurra gut verzichten können, da es meinen Gesamteindruck von „Auch Miststücke können einem leidtun“ ein bisschen angeknackst hat. Aber bevor ich mich an dieser Stelle im Kreis drehe, konzentriere ich mich lieber wieder auf die Teile des Buchs, die mir gut gefielen, zum Glück überwiegen diese nämlich.

Mit ihrem Buch „Auch Miststücke können einem leidtun“ hat Viktorija Tokarjewa eine Ode an die Perestroika-Verlierer geschrieben, ob sie nun in der Stadt ums Überleben kämpfen oder auf der Datscha. Ihre Helden sind samt und sonders tragische, gebrochene Kreaturen, die sich durch den Alltag schleppen und selbst das kleinste bisschen Glück auf das sie stoßen nicht lange behalten dürfen. Manchmal habe ich das Gefühl bringt die Autorin sich selbst mit ins Spiel, beschreibt beispielsweise eine Frau, deren frecher Hund ihr den Garten zumüllt oder die selbst in einer teuren Siedlung wohnt und von verarmten Dorfbewohnern Gemüse kauft. Diese Geschichten könnten Anekdoten sein, die hier und dort im Laufe des Buchs auftauchen und so Autorin und Leserin einander näher bringen – aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken meinerseits.

Insgesamt ist „Auch Miststücke können einem leidtun“ ein Buch für Leserinnen, die einen klassischen Erzählstil bevorzugen. Spannung sucht man als Leserin in diesem Buch vergebens. Was man stattdessen findet ist ein verwässerter Alpdruck der russischen Seele. Die tristen Momente, die zahlreichen Schicksalsschläge, verlangen dieser Leserin einiges ab, passen dabei aber in die grau-regnerische Winterzeit wie die Lichterkette um den Weihnachtsbaum. Insofern ist dieses Buch wie geschrieben für eine ursprüngliche Art von Leserin, die Geschichten dann besonders schätzt, wenn sie das Auf und Nieder des Lebens porträtieren. Manchmal zähle ich mich dazu, dann wiederum wird mir bei der Lektüre das Herz schwer. Wie schon erwähnt war mein persönliches Erlebnis mit „Auch Miststücke können einem leitun“ ein eher durchwachsenes.

Auch Miststücke können einem leitun – Viktorija Tokarjewa – ISBN 978.3.257.06976.1

Für Leserinnen, die…

  • …einen klassischen Erzählstil zu schätzen wissen.
  • …auch ohne Happy End zufrieden sind.
  • …auf der (literarischen) Suche nach der russischen Seele sind.

Literarische Nachbarinnen…

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