(Neuerscheinung) Zwei Leben begraben unter Schnee und Eis…

Dieses Buch, einer mir bis dahin unbekannten Autorin, war eine Spontanentscheidung. Ich habe skandinavische Autorinnen schon immer sehr gerne gelesen, auch wenn ihre Themen oft schwer verdaulich sind (siehe: „Ich heiße nicht Miriam“). Konsequenterweise habe ich „Die weiße Stadt“ nicht lange in meinem Regal auf eine Lektüre warten lassen…

9783550081330_coverDas große Haus steht einsam und kalt an einem See, umgeben von Schnee und Frost. Die kugelsicheren Fenster sind voller Eisblumen. Drinnen sitzt Karin auf einem verdreckten Sofa. Das Telefon ist abgestellt. Die Heizung funktioniert nicht mehr. Karin hat sich verändert. Früher war sie die Gangsterkönigin und Johns höchste Errungenschaft. Alle haben sie bewundert, alle wollten sein wie sie. Jetzt ist John tot, und sie hat eine Tochter, der sie sich mal nah und mal fern fühlt, die sie buchstäblich aussaugt und völlig auf sie angewiesen ist. Karin ist einsam und taub vor Trauer. Alles, was sie weiß, ist, dass sie ihr Kind beschützen muss. Und so beschließt sie, sich zu nehmen, was ihr zusteht. Mit Johns alten Waffen, seinem Auto und ihrer Freundin Therese macht sie sich auf den Weg, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerobern.

Der neue Roman der schwedischen Autorin Karolina Ramqvist erzählt die Geschichte einer jungen Mutter, die alles verloren hat. Zusammen mit ihrer Tochter Dream verbringt sie ihre Tage in dem Haus, das sie mit deren Vater bewohnt hat. Dieser sitzt mittlerweile wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis und so muss sich Hauptfigur Karin auf einmal alleine durchschlagen. Ohne Einkommensquelle und mit einem Kind, das noch gestillt wird, irrt sie durch das verschneite Stockholm und versucht verzweifelt etwaige Schulden einzutreiben um das gemeinsame Haus in der letzten Minute vor der Pfändung zu retten, auch wenn ihr die Erinnerungen, die daran haften mittlerweile nur noch Schmerzen bereiten.

Karolina Ramqvist beschränkt sich in ihrer Erzählung auf das absolute Minimum dessen, was sie der Leserin über die Hauptfigur und deren Geschichte erzählen kann, nämlich auf die unmittelbare Gegenwart. Gerne hätte ich etwas mehr darüber erfahren, wie genau Hauptfigur Karin in ihre verheerende Situation geraten ist, wie es überhaupt geschah, dass sie sich in einen (scheinbaren) Drogenhändler verliebt hat. Die wenigen Informationen zur Vorgeschichte der Figuren muss ich mir als Leserin mühsam zusammenklauben. Insofern bin ich mir nach wie vor nicht sicher, welchen krummen Geschäften die Männer der Freundinnen Karin und Terese nachgehen; irgendwas mit Drogen so viel scheint klar, Gewalt ist auch im Spiel, häusliche zumindest, und Banden aus jungen Männern, die vor ihren Wohnungen herumlungern und Karin, trotz Baby, mit hungrigen Augen mustern.

Ein bisschen erinnert mich „Die weiße Stadt“ an den Roman „Wölfe fangen“ von der französischen Schriftstellerin und ehemaligen Prostituierten Virginie Despentes. Besonders das Ende des ersten Romans scheint der Anfang des Zweiten zu sein; nur dass Despentes Debütroman sprachlich um einiges krasser, sexuell expliziter und auch blutiger ist als „Die weiße Stadt“. Trotz ihrer Zurückhaltung schafft es Karolina Ramqvist doch eine bedrückende und bedrohliche Stimmung heraufzubeschwören, ob es nun Dream, die Tochter der Hauptfigur, ist, deren scheinbar einziges Spielzeug ein Ladekabel von Apple ist oder der Bodyguard/Auftragskiller (?) von Karins eingesperrtem Ex, der zunächst großzügig seine Hilfe anbietet, um Karins finanziellen Engpass zu überbrücken, dann aber vehement Sex einfordert, der zwar nicht beschrieben wird, mir als Leserin aber nicht einvernehmlich erscheint.

Die eisige, verschneite Großstadt spiegelt die innere Kälte der Figuren und dieser Leserin wird so doppelt unbehaglich, auch bei voll aufgedrehter Heizung. Karolina Ramqvist hat einen im Grunde ganz eingängigen Roman geschrieben, doch oft hält mich dessen scheinbare Ausweglosigkeit auf Distanz. Die Welt, wie Karolina Ramqvist sie beschreibt, die Welt der Figuren, ist kalt und hart und hässlich. Der Gestank von kaltem Schweiß und getrocknetem Blut weht mir von den Seiten des Romans entgegen und ich fühle mich verfolgt auch wenn die Buchdeckel, deren zuklappen mich zurück in mein Lesezimmer katapultiert, mich trennen, von der harschen Roman-Wirklichkeit, die für Karin, Dream und Terese unausweichlich ist. Doch bevor ich als Leserin die Hoffnung vollends aufgeben kann, lässt Karolina Ramqvist die beiden Frauen erstarken und soweit ich ihre Andeutungen richtig verstanden habe, ihre kalte graue Welt von den Männern zurück erobern – meine innere Feministin klatscht Beifall.

Insgesamt ist „Die weiße Stadt“ kein Buch für kuschelige Stunden, wer sich zwischen die Seiten wagt, der sollte sich vorher auf einiges gefasst machen und am besten literarisch hart gesotten sein. Dann jedoch bietet der Roman einen ungeschönten Einblick darin, was passiert wenn man sich als moderne Frau von einem Mann abhängig macht. Karolina Ramqvist beschreibt die Verletzlichkeit ihrer (Frauen)figuren, deren verbrauchte Körper und gebrochene Psychen, mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail, lässt aber gleichzeitig eine Entwicklung zu, die ein verkapptes Happy End möglich macht. Ich persönlich hätte mich über mehr Vorgeschichte und erzählerischen Tiefgang gefreut, aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler eines ansonsten sehr aufwühlenden Romans.

Die weiße Stadt – Karolina Ramqvist – ISBN 978.3.550.08133.0

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leserinnen, die…

  • …es literarisch etwas ruppiger mögen.
  • …sich nach Eis und Schnee sehnen.
  • …auch mit wenig zufrieden sind.

Literarische Nachbarinnen…

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