(Neuerscheinung) Und überall rauscht das Wasser einer anderen, einer inneren Zeit…

Seitdem ich ihren Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ gelesen habe, gehört Marica Bodrožić zu meinen deutschen Lieblingsschriftstellerinnen. An ihrem neusten Roman kam ich also nicht vorbei, auch wenn mich ihr poetischer Stil seit neustem etwas schwindelig macht (für die Gründe siehe Banner)…

Das Wasser unserer Traeume von Marica Bodroi

Er hat keinen Namen. Und er kann nicht sprechen. Der Mann weiß nicht einmal, wo er ist, auch die Zeit ist ihm fremd geworden. Ein ganzes Jahr lang liegt der Namenlose im Koma und übt sich im Erwachen. Mit der Rückkehr in die Welt verbinden sich auf unerwartete Weise seine Sinne. Er erlangt die Fähigkeit, sich umfassend zu erinnern. Ein Unfall, so scheint es, hat ihn in diese rätselhafte Situation gebracht. Er kann seinen Körper nicht bewegen, aber er ist sich dennoch seiner selbst bewusst – und nicht nur das, er kann sowohl die Gedanken als auch die Sehnsucht der anderen lesen. In dieser »höheren Heimat« beginnt er zu ahnen, dass er noch einmal ins Leben und in seinen Körper zurück darf. Denn die Freundschaft eines Mannes und die Liebe zweier Frauen machen ihn zu einem hoffenden Menschen.

Marica Bodrožić ist eine Träumerin, eine Prosa-Philosophin, ihre Bücher sind Gedankenexperimente und manchmal auch Geduldsexperimente für diese Leserin, die sich im Laufe des Romans immer wieder in Endlossätzen zu verheddern droht, die mich weit und weiter wegtragen, von der eigentlichen Handlung, in die Untiefen des erzählerischen Unterbewusstseins der Hauptfigur. Diese liegt für den Großteil des Romans einfach nur flach und denkt über die Welt nach, über das Leben, die Vergänglichkeit und die Untätigkeit ihrer selbst. Spuren der anwesenden Menschen, Ärzte und Pflegerinnen, sowie das Licht, welches durch ein Fenster in das Krankenzimmer dringt, kann der komatöse Erzähler jedoch wahrnehmen und nutzt diese Eindrücke für Rückschlüsse auf eine Situation, der er sich anfangs noch nicht wirklich bewusst zu sein scheint.

Etwas träge folge ich den Brotkrumen, die auf dem „Wasser unserer Träume“ schwimmen, lese sie auf und versuche davon satt zu werden. Doch was die Autorin mit ihren Romanen „Kirschholz und alte Gefühle“ und „Das Gedächtnis der Libellen“ noch schaffte, mich nämlich mit Wortgemälden zu verzaubern, das schafft sie mit ihrer neusten Veröffentlichung leider nicht mehr in der Art. Habe ich mich als Leserin vielleicht verändert; viel ist geschehen seit meiner Lektüre der früheren Romane von Marica Bodrožić. Denn nun ist mir die Zettelwirtschaft, die sich von Absatz zu Absatz aufbaut um sich anschließend wieder zu zerstreuen, ohne dass mir als Leserin Einzelheiten, ja vielleicht sogar Einsichten, im Gedächtnis blieben, gedanklich etwas zu viel. Marica Bodrožić hat in „Das Wasser unserer Träume“ viel zu erzählen, trägt unzählige Weisheiten und Eindrücke zusammen, sagt letztlich aber eher wenig damit aus.

Das Gleichgewicht zwischen Poesie und Prosa, welches ich aus früheren Romanen kenne und lieben lernte, scheint sie in „Das Wasser unserer Träume“ verloren zu haben. Wer bei schöner Sprache ins Schwelgen kommt – eigentlich bin das ja ich, zumindest dachte ich das als ich diesen Roman zur Hand nahm – der hat in diesem Buch seine Bibel gefunden. Wen es nach einer Geschichte verlangt, die mehr ist als die Summe unzähliger schöner Sätze, für den hat Marica Bodrožić eine Durststrecke geschrieben. Zwei Drittel des Buchs vergehen bevor überhaupt etwas von dem ersichtlich wird, was um die Hauptfigur herum passiert. Die Schatten und Stimmen, die der komatöse Erzähler wahrnimmt verdichten sich zu Menschen mit Geschichten, Sehnsüchten und gegen Ende sogar einer familiären Verbindung.

An dieser Stelle bringt die Autorin erneut den Kirschholztisch ins Spiel und als treue Leserin meine ich Parallelen zu ihrem gleichnamigen Roman zu erkennen. Nachgeforscht habe ich diesen aber ehrlich gesagt nicht, habe mich stattdessen auf diesen Roman als Einzelphänomen konzentriert. Doch wer bereit ist die werkübergreifenden Puzzleteile zusammen zu setzen, der wird möglicherweise noch ganz andere Dimensionen innerhalb des Romanuniversums entdecken. Ich persönlich war nach 200 Seiten Sprachakrobatik verbunden mit dem einen oder anderen Gehirnkrampf – den ich fairerweise auf meine besondere Situation als M.E. Kranke zurückführe und der Autorin an dieser Stelle nicht anlasten möchte – einfach nur froh bis zum Ende der Geschichte durchgedrungen zu sein. Ein klein wenig enttäuscht war ich übrigens auch, aber nicht von „Das Wasser unserer Träume“ sondern davon, dass ich keinen Zugang fand zur neusten Schöpfung einer meiner Lieblingsautorinnen.

Insgesamt bleibt Marica Bodrožić sich und ihrer poetischen Erzählstimme, bekannt aus Romanen wie zum Beispiel „Kirschholz und alte Gefühle“, in „Das Wasser unserer Träume“ auf ganzer Linie treu. Leider verliert sie bei all dieser poetischen Fabulierlust ihre Leserin etwas aus den Augen. Wer sprachliche Schönheit über eine nachvollziehbare Handlung stellt und kein Problem damit hat ein paar hundert Seiten lang Wasser zu treten, sofern es denn ansprechend beschrieben ist, der wird sich zwischen den Seiten dieses Romans gut aufgehoben fühlen. Als Leserin, die gerne etwas mehr Geschichte und etwas weniger Sprachakrobatik gehabt hätte, bleibe ich mit vielen offenen Fragen zurück. Was zum Beispiel wird aus dem komatösen Erzähler nachdem er erwacht und wie endet seine Dreiecksbeziehung mit den Frauen am Kirschholztisch? Marica Bodrožić bleibt mir die Antwort schuldig und ich klappe das Buch etwas enttäuscht wieder zu.

Das Wasser unserer Träume – Marica Bodrožić – ISBN 978.3.630.87396.1

Für Leserinnen, die/denen…

  • …eine poetische Erzählstimme schätzen.
  • …eine aufregende Handlung nicht so wichtig ist.
  • …das Werk der Autorin geläufig ist.

Literarische Nachbarn…

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