(Neuerscheinung) Auch in trüben Zeiten gibt es jeden Tag etwas Gutes oder Schönes, mag es auch noch so unscheinbar sein…

Banana Yoshimoto gehört bei mir alle Jahre wieder schon zur literarischen Routine. Denn seit ich vor ein paar Jahren „Der See“ gelesen habe, lasse ich keine ihrer Neuerscheinungen aus. Deshalb fand auch „Lebensgeister“ kurz nach der Veröffentlichung den Weg in mein Bücherregal; und dort stand es nicht lange, bevor ich es zur Hand nahm und an nur einem Tag verschlang…

51-ww1ygcel-_sx321_bo1204203200_Nach einem schweren Unfall und dem Verlust ihres Geliebten ist Sayoko nicht mehr sie selbst. Sie hat das Zwischenreich der Geister betreten und Geheimnisse der unsichtbaren Welt erfahren. In der Tempelstadt Kyoto lernt sie allmählich das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: voller Ungewissheiten und Rätsel, dem Tod immer nahe, ob man jung ist oder alt. Aber sie begreift auch, wie einmalig und geheimnisvoll das Diesseits ist.

Bei der japanischen Schriftstellerin Banana Yoshimoto weiß man als Leserin, was man kriegt. Ihre Bücher gleichen sich in ihrer Erzählstimme, oft ist es die einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst, und in der Magie, die sich wie ein roter Faden durch den Alltag der Hauptfiguren zieht. In den Romanen von Banana Yoshimoto ist der Tod selten das Ende des Lebens und so verhält es sich auch mit ihrem neuen Werk „Lebensgeister“. Hier ist der Tod sogar erst der Anfang der Geschichte, zumindest für die Erzählerin. Diese überlebt nämlich nur knapp einen Autounfall bei dem die Liebe ihres Lebens, ein bildender Künstler aus Kyoto, ums Leben kommt. Detailreich beschreibt Banana Yoshimoto, wie ihre Hauptfigur von einer Eisenstange durchbohrt wird, und erinnert mich dabei etwas an das tragische Schicksal der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.

Dann jedoch befreit sich Banana Yoshimotos Handlung wie gewohnt von den Fesseln des Realismus, indem ihre Hauptfigur in ein Zwischenreich entschwebt, wo sie ihren verstorbenen Großvater trifft. Diese Begegnung stimmt mich als Leserin schon einmal darauf ein, was mich im Laufe des Romans erwartet; auf philosophische Betrachtungen über das Leben und den Tod, ebenso wie Begegnungen der anderen Art. Doch auch wenn es im Folgenden zwischen den Seiten von „Lebensgeister“ nur so von eben diesen wimmelt, bleibt die Angst vor dem Übernatürlichen, dem Unerklärbaren, die Geistergeschichten normalerweise in mir auslösen, aus. Denn Banana Yoshimoto bettet mich in ihren typischen spannungsarmen Erzählstil wie in Watte und das nächtliche Toben der unruhigen Seelen, die sich im Schlafzimmer der Hauptfigur tummeln, wird so zum Hintergrundgeräusch.

Ein bisschen erinnert mich dieser Roman, sowohl vom Ton als auch vom Schauplatz her, an Banana Yoshimotos vorletzte deutschsprachige Veröffentlichung „Der See“. In beiden Büchern befinden sich die Hauptfiguren größtenteils außerhalb der Großstadt, an Gedenkstätten und in öffentlichen Bädern, die ihr Wasser aus heißen Quellen schöpfen, sogenannten Onsen (google das mal, es sieht traumhaft entspannend aus). Diese Schauplätze entschleunigen die Handlung und transportieren die Leserin in eine andere Welt, in der die Handlung selbst weichgezeichnet scheint. Banana Yoshimoto versteht es dabei nur zu gut diese atmosphärisch beeindruckenden Landschaften zu einem Crescendo aufzuwirbeln, das über die bloßen Worte hinweg alle Sinne der Leserin erreicht. Die Natur selbst wächst über sich hinaus und erhält etwas geisterhaftes, jedoch nie gruseliges oder gar unwirkliches.

Langsam schreitet die Handlung voran, scheint zu schlafwandeln, während die Hauptfigur sich nicht zu lösen weiß, von der geisterhaften Präsenz ihres Liebhabers und dessen künstlerischen Erbe. Sie ist dabei nicht die einzige, die mit der Nachwelt, einer Zwischenwelt der Seelen, in ständigem Kontakt steht. Auf ihrer Reise ans Ende der Geschichte, an den Punkt an dem sie endlich genügend Kraft gesammelt hat um loszulassen, trifft sie Trauernde und Träumer, allesamt einsame Herzen, die geliebte Menschen verloren haben. In ihrem Roman „Lebensgeister“ macht Banana Yoshimoto dieses schwammige, nur schwer vermittelbare Phänomen der Trauer für ihre Leserinnen greifbar. Und manch eine mag sich wiedererkennen in dieser Welt voller Geister. Denn wer trauert sieht sie überall, an den Orten die man mit vergangenen Menschen geteilt hat, sowie in schier unerträglichen Momenten der Stille.

Insgesamt bleibt Banana Yoshimoto sich und ihrem charakteristischen Stil in ihrem neuen Roman auf ganzer Linie treu, was Freunde dieser Autorin freuen wird. Für mich persönlich gehört diese Spannungsarmut der Handlung zwar immernoch zu den Kritikpunkten, von der Lektüre der Romane der Autorin würde mich dieses Manko jedoch nie abhalten. Denn Banana Yoshimoto hat einiges zu erzählen über das Leben, das Lieben und oft auch über das Sterben, so zum Beispiel wieder in „Lebensgeister“. Ihre Ausführungen dienen mir persönlich als Denkanstöße und so philosophiere ich auch nach der Lektüre noch etwas weiter, und das nicht nur über das Ende des (jeweiligen) Romans. Insofern gehört die philosophische Fortbildung und Formung der Leserin zu den wiederkehrenden Merkmalen der Geschichten von Ausnahmetalent Banana Yoshimoto, diese eingeschlossen.

Lebensgeister – Banana Yoshimoto – ISBN 978.3.257.30042.0

Für Leserinnen, die…

  • …einen geliebten Menschen verloren haben.
  • …eine literarische Japanreise planen.
  • …das magische im Alltag entdecken wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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