(Neuerscheinung) In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben…

Die tragische Geschichte, welche diesen Roman inspiriert hat, ist mir seit meiner Lektüre von Sylvia Plaths im Grunde autobiografischem Werk „Die Glasglocke“ in Ansätzen bekannt. „Du sagst es“ versprach nun eine neue, noch nie gehörte Perspektive auf das Leben der Autorin. Und auch wenn diese reine Fiktion ist, war ich doch gespannt darauf mehr über das Ehepaar Hughes/Plath zu erfahren…

45013979zSylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur – und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter – eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.

Wer, wie ich, mit bestürzter Begeisterung „Die Glasglocke“ gelesen hat, der kennt die eine Seite dieser Geschichte sicher schon. In ihrem neuen Roman „Du sagst es“ beschreibt die niederländische Autorin Connie Palmen nun die andere Seite des Ehedramas Hughes/Plath, das mit dem Selbstmord der Letzteren und der Beschuldigung des Erstgenannten durch Medien, Kritik und frühere Freunde endete. Dies alles tat der literarischen Karriere und daraus resultierenden Unsterblichkeit des Dichters Ted Hughes keinen Abbruch, auch wenn oder vielleicht gerade weil er seine Seite der Geschichte nie erzählt hat, sich nie hat hinreißen lassen, mit dem Finger auf eine Frau zu zeigen, die sich nicht mehr wehren kann. Connie Palmen nimmt ihm das fast zwanzig Jahre nach seinem Tod nun ab und schildert die Ereignisse aus seiner Perspektive von den Anfängen der Ehe mit Sylvia Plath bis zu deren Tod.

Dabei scheint die Autorin Partei zu ergreifen für ihren Erzähler, seine Ehefrau dagegen kommt nicht gerade gut weg. Connie Palmen lässt Sylvia Plath neurotisch und selbstzerstörerisch wirken. In ihrem Roman ist sie es, die Ted Hughes in die Arme einer außerehelichen Affäre treibt mit ihrer Eifersucht und ihrem Kontrollzwang, mit ihrer Unfähigkeit ihn auch nur für ein paar Augenblicke loszulassen und mit ihrem unablässigen Bedürfnis nach Bestätigung. Zwischen den Seiten von „Du sagst es“ ist Sylvia Plath die psychisch labile Furie und ihr Ehemann Ted Hughes mehr Krankenpfleger als Liebhaber, zumindest in den späteren Jahren der Romanze, ständig darauf bedacht einen Zusammenbruch zu vermeiden, die Wogen zu glätten auf der dunklen See Plath und die eisige Beziehung zur Schwiegerfamilie etwas aufzutauen.

Und doch scheint Ted seine Sylvia zu lieben, will sie beschützen vor allem, was sie aus der Ruhe bringen könnte, verteidigt sie gegen jegliche Kritik und steht zu ihr, seiner ersten großen Liebe, mit einer Verbissenheit, die ihres gleichen sucht. Als Leserin begegnen mir zwischen den Seiten von „Du sagst es“ also zwei Geschichten. Zum einen ist da die Geschichte, welche die Autorin für mich zum Leben erweckt, die einer tobenden Ehefrau, die aus Eifersucht die Durchschläge der Gedichte ihres Ehemannes in Fetzen reißt. Zum anderen ist da die Geschichte, welche ich den Worten des Erzählers Ted Hughes entnehme, der bis zum bitteren Ende ein schwer nachvollziehbares Einfühlungsvermögen für seine neurotische Ehefrau aufbringt, ihre Launen verteidigt, ja oft sogar rationalisiert, und der es selbst nach ihrem Tod nicht zulässt, dass die beiden Kinder ihre Mutter vergessen.

Insofern fühle ich mich hin und her gerissen, gefangen zwischen zwei Extremen, und die Wahrheit liegt, so vermute ich, irgendwo dazwischen. War Ted Hughes nun ein treuherziger Ehemann, der von einer künstlerisch frustrierten Furie aus einer bis dahin vollkommen intakten Ehe getrieben wurde? Oder war er ein verkappter Romeo, der das unsichere Selbst seiner Frau derart auf die Probe gestellt hat mit seinen außerehelichen Abenteuern, dass diese in die Depressionen ihrer Jugendzeit zurück katapultiert wurde? Diese Frage lässt Connie Palmen offen, doch eines ist klar, was das Ehepaar Hughes/Plath anfangs in verzweifelter Liebe und wilder Leidenschaft zusammen schweißt, ist genau die Kraft, die in späteren Jahren die Kluft reißt, welche diese beiden Leben auf grausame Weise entzweien sollte.

Insgesamt bin ich mehr als beeindruckt davon, wie mühelos Connie Palmen es schafft die Erzählstimme und Perspektive von Ted Hughes einzufangen, auch wenn ihre Ausführungen etwas voreingenommen zu sein scheinen. Wer sich der Perspektive von Sylvia Plath verpflichtet sieht, den dürfte ihre Entzauberung zwischen den Seiten von „Du sagst es“ schwer treffen. Aus dem Nachwort jedoch entnehme ich, dass dieses Buch das Produkt einer ausführlichen Recherche ist; insofern scheint es zwar nicht die absolute, aber zumindest die nahe liegende Wahrheit über die turbulente Ehe von Ted Hughes und Sylvia Plath zu enthalten – ein weiteres Puzzlestück, aus dem jede Leserin für sich alleine ihre persönlichen Schlüsse über das Zusammenleben des tragischen Paares Hughes/Plath ziehen kann.

Du sagst es – Connie Palmen – ISBN 978.3.257.06974.7

Für Leserinnen, die…

  • …unter die Glasglocke schauen wollen.
  • …eine andere Perspektive auf die Tragödie der Sylvia Plath erlangen wollen.
  • …eine ähnlich turbulente Ehe führen.

Literarische Nachbarinnen…

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