(Lesen ist hardcore!) Die atemlose Flucht der Jugend in den Berliner Sommer…

Die Empfehlung für diesen Roman habe ich mir von meinen Kolleginnen aus der Blogosphäre geholt; wer genau die alles entscheidende Rezension verfasst hat, weiß ich leider nicht mehr – es ist schon etwas her, dass ich mir in den Kopf setzte dieses Buch unbedingt lesen zu müssen. Wie dem auch sei, Hauptsache „Tigermilch“ hat es in mein Regal geschafft, alles Weitere erfährst Du etwas weiter unten…

51cBEaVcl8L._SX304_BO1,204,203,200_Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, hängen mit Nico ab. Nico, der Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat. Nini und Jameelah erschaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen, sie halten sich für unverwundbar, solange sie zusammen sind. Doch dann werden sie ungewollt Zeuge, wie der Konflikt in Amirs Familie eskaliert.

„Tigermilch“ ist eines der Bücher, die ich schon bald nach der Veröffentlichung gekauft und dann doch erst Jahre danach gelesen habe. In diesem Fall hat sich das Warten gelohnt, der Debütroman von Stefanie de Velasco ist nicht perfekt, dennoch fühlen ich und meine hohen Ansprüche sich zwischen den Seiten durchaus gut aufgehoben. Ein bisschen erinnert mich der Ton des Romans an das Debüt von Alina Bronsky „Scherbenpark“, ebenfalls ein Jugendbuch mit dem auch erwachsene Leserinnen etwas anfangen können. „Tigermilch“ ist vom Ton her sogar noch etwas rauer, etwas näher an der Jugend, deren Stimme es einzufangen versucht. Gleichzeitig ist das Buch aber auch ungewöhnlich verspielt und lässt seine Figuren zwar mehrmals gegen die Wand fahren, dann aber auch nahezu unbeschadet davon kommen.

Wir treffen die beiden Hauptfiguren in der Blütezeit ihrer Jugend, an diesem magischen Moment in dem sich junge Mädchen unsterblich und unverwundbar fühlen. Und so benehmen sich die beiden auch, trinken Tigermilch (Müllermilch + Weinbrand) als wäre es Wasser, gehen im Supermarkt klauen und am falschen Ende des Berliner Kurfürstendamm anschaffen. Als Leserin kann ich das dicke Ende schon kommen sehen, doch hätte ich nicht damit gerechnet, dass es jemanden das Leben kosten würde. Schon bald wird es ernst für die Freundinnen, doch platziert Stefanie de Velasco sie nicht im Auge des Sturms, sondern macht sie lediglich zu Mitwissern aus denen schon bald Komplizen werden. Denn hier treffen wie in den meisten sozialen Brennpunkten zwei Kulturen aufeinander und während die eine mit ihrem Gewissen ringt, kommt die Polizei zu rufen für die andere nicht in Frage.

Darüber hinaus hat jedes der Mädchen auch noch seine eigenen Probleme vor denen es in den Sommer und in die Straßen der Hauptstadt flieht, die beste Freundin immer mit dabei. Jameelahs Familie wird überraschend die Duldung gekündigt und ihr Leben in Deutschland scheint für immer vorüber zu sein. Doch die Heimat ihrer Eltern kennt sie nicht, will nicht dorthin zurück und ist doch machtlos angesichts der Bürokratie der Erwachsenen. Eine Bürokratie, die auch einen Freund der beiden Mädchen ins Jugendgefängnis wirft, obwohl er dort gar nicht hingehört. Als Leserin begleite ich die beiden Hauptfiguren auf Schritt und Tritt, suche mit ihnen Präsentkörbe aus und fahre in den Wald, um den unschuldig Verurteilten zu besuchen. Für die Mädchen eine wunderbare Ablenkung von den eigenen Schwierigkeiten.

„Tigermilch“ begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe und gibt ihnen auch dann Rückendeckung, wenn sie sich vollkommen daneben benehmen, sei es dass sie für einen Adrenalinkick ihren Leib und ihr Leben aufs Spiel setzen oder einen Mörder decken. Als Leserin bin ich nicht immer so offen, bin nicht immer auf der Seite der beiden Mädchen, besonders Jameelah macht es mir manchmal sehr schwer. Insofern schafft Stefanie de Velasco es nicht so ganz eine wertfreie Atmosphäre entstehen zu lassen, in der ihre Figuren schalten und walten können, wie es ihnen gerade passt, ohne dass diese Leserin das Buch entnervt zur Seite legt – aber vielleicht hat sie das so auch gar nicht angestrebt. Was ihr stattdessen mit Bravour gelingt ist es diese Leserin zu fesseln, sie sich fragen zu lassen, wie das bloß alles ausgehen soll, sie hoffen zu lassen, dass sich doch noch alles zum Guten wendet oder zumindest der wahre Mörder am Ende für seine Taten büßen muss.

Insgesamt ist „Tigermilch“ also ein Roman, der zwar von Jugendlichen handelt, meines Erachtens nach aber nicht unbedingt auch für Jugendliche geschrieben wurde. Die Welt der Figuren ist mitunter so brutal, dass ich doch schwer hoffe die Autorin habe sich in der Beschreibung dieser kreative Freiheiten genommen. Mit unzähligen Grauschattierungen zeichnet sie das Bild einer Freundschaft, wie sie nur junge Mädchen miteinander verbindet. Eine Freundschaft, die für die Freundinnen auch schon mal zum Gefängnis werden kann, wenn die Loyalität der einen zur anderen nämlich das eigene Gewissen ausschaltet. Als Leserin fühlt man sich während der Lektüre ein bisschen so als säße man am Steuer eines Wagens der unaufhaltsam aus einer Kurve hinaus steuert. Dieses Gefühl kann dabei sowohl erschreckend als auch erhebend sein.

Tigermilch – Stefanie de Velasco – ISBN 978.3.462.04573.4

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leserinnen, die…

  • …eine bewegte Jugend haben/hatten.
  • …sich auch in moralischen Grauzonen wohl fühlen.
  • …für ihre beste Freundin durch die Hölle gehen würden.

Literarische Nachbarinnen…

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3 Kommentare zu „(Lesen ist hardcore!) Die atemlose Flucht der Jugend in den Berliner Sommer…“

  1. Das buch wollte ich unbedingt lesen, aber ich hab einfach keinen Einstieg gefunden… ich glaub die sprachform war nicht meins, der Rythmus irgendwie. Inhaltlich hätte es mich schon sehr interessiert.

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      1. Ne du, aber das wäre natürlich ne Idee, wollte eh mal wieder nach Hörbüchern schauen weil ich endlich wieder nen Player hab 🙂

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