(Neuerscheinung) Ein Fiebertraum von Freundschaft, Liebe und Besessenheit…

Mit diesem Roman verbindet mich im Grunde keine besondere Geschichte. Als ich das Cover zum ersten Mal im Vorschaukatalog des Ullstein Verlages sah, da hatte ich schon im Gefühl, dass dieses Buch mir gefallen könnte. Dann las ich den Klappentext und es war um mich geschehen – wie das eben manchmal so ist…

9783550081286_coverAls Catherine und James sich kennenlernen, ist es Seelenverwandtschaft von Anfang an. Beide sind sie aus der irischen Provinz in die aufregende und liberale Stadt Dublin gekommen, Catherine als Studentin der Literaturwissenschaft, James, um Fotograf zu werden, und beide stürzen sich mit derselben Neugier und Leidenschaft ins Leben. Doch während Catherine in ihrer neuen Umgebung aufblüht, ist es für James selbst im vermeintlich offenen Klima der Großstadt unmöglich, zu seiner Homosexualität zu stehen. Sein Geheimnis schweißt die beiden noch enger zusammen, aber dann verliebt sich Catherine in James, auch wenn sie ahnt, dass ihre Liebe aussichtslos. Beide verstricken sich immer haltloser in eine von widersprüchlichen Gefühlen geprägte obsessive Beziehung und steuern sehenden Auges auf eine emotionale Katastrophe zu.

„Zärtlich“ ist mein erster Roman aus der Feder der irischen Autorin Belinda McKeon und er erzählt die Geschichte eines Frontalzusammenstoßes zweier junger Leben. Als Leserin erlebe ich die Ereignisse aus der Sicht der 19-Jährigen Studentin Catherine, die am Trinity College in Dublin studiert und zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in einer kleinen Wohnung in der Baggot Street lebt. Ihr Zimmer hat sie von einem gewissen James übernommen, den Catherine zunächst nur aus Erzählungen und von Fotos kennt; denn er befindet sich zu Anfang der Geschichte in Berlin, wo er einem berühmten Fotografen als Studio-Assistent zur Hand geht. Eines Tages jedoch findet Catherine ihn in ihrer Wohnung vor, ihre Mitbewohnerinnen sind ausgeflogen und so beginnt ein vorsichtiges Gespräch zwischen den jungen Fremden; und für die nächsten paar Tage sind die beiden unzertrennlich.

Das Buch beginnt chronologisch gesehen im Grunde etwas später, mit einem Besuch Catherines bei James Familie. In diesen sommerlichen Tage gesteht James seiner jungen Freundin, die er eigentlich kaum kennt, dass er schwul ist – im Irland der neunziger Jahre scheint das übrigens noch eine große Sache und ein offen homosexuelles Leben für viele LGBTs noch undenkbar zu sein, das zumindest entnehme ich dem Roman. Catherine ist mir als Figur ehrlich gesagt etwas unsympathisch und so wundere ich mich nicht über ihre bemüht diplomatische, aber im Grunde vollkommen überzogene und irgendwie auch überaus unreife Reaktion auf James Geständnis. Als Leserin sitze ich ihr über die Dauer der Erzählung hinweg quasi auf der Schulter, darf jeden ihrer Gedanken hören und diese sind oft unsicher und fahrig. Catherine weiß selten wie sie sich verhalten soll und ich kann für ihre kratzbürstige Verletzlichkeit wenig Einfühlungsvermögen aufbringen.

Über James, das Yin zu Catherines Yang, erfährt diese Leserin nur was gegenüber Catherine ausgesprochen wird. Ich bin also über die Dauer des Romans im Kopf eines Menschen gefangen, den ich im realen Leben niemals befreunden würde, dessen emotionale Verletzlichkeit als Figur mich jedoch nicht unbeeindruckt lässt. Wenn Belinda McKeon doch nur die gleiche erzählerische Finesse an den Tag gelegt hätte, als sie die übrigen Figuren zeichnete – bis auf Catherine und James sind sie nämlich alle etwas flach und farblos, aber vielleicht ist das ja auch so beabsichtigt, schließlich ist James mehr und mehr der einzige der für Catherine existiert und alle anderen sind nur Beiwerk. Während der Roman voran schreitet wird die Erzählstruktur übrigens etwas linearer und Belinda McKeon verzichtet über lange Strecken darauf in der Zeit hin und her zu springen, was es mir als Leserin möglich macht noch tiefer in ihre Erzählung einzutauchen.

Dann jedoch beginnt sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren zu intensivieren und Belinda McKeon beschwört ihre innere Zadie Smith herauf und versucht sich in experimenteller Prosa. Auf mich als Leserin wirkt dieser plötzliche Wandel im Erzählstil, die Verknappung der erzählerischen Passagen, die Handlung und Schauplatz beschreiben, ein bisschen so als hätte die Autorin ab Seite 300+ keine Lust mehr gehabt ausführlich zu schreiben und hätte den Rest ihres Romans einfach im Entwurfstadium zum Lektor gegeben. Die Kritiker-Lobeeren, die dem Buch auf dem Umschlag zuerkannt werden, kann ich als Leserin daher so nicht unterschreiben. Denn auf mich wirkt dieser Versuch innere Zustände von Entrücktheit und Obsession über stilistische Kunstgriffe zu vermitteln auf ganzer Linie gescheitert, vor allem durch den stilistischen Bruch mit den übrigen Teilen des Romans. Ein bisschen trauere ich um diesen verschenkten Teil der Geschichte, der mich ebenfalls hätte fesseln können, wäre er nicht so darauf bedacht gewesen mich zu beeindrucken.

Insgesamt ist „Zärtlich“ trotz der stilistischen Bauchlandung gegen Ende ein lesenswerter Roman über die Verwirrung der Jugend auf der Suche nach einer erwachsenen Identität. Auch ich habe in dem Alter der Hauptfiguren viele Brücken eingerissen, habe neu anfangen müssen und es im Nachhinein zeitweise bereut. Insofern birgt „Zärtlich“ ein Identifikationspotenzial in sich, dass seine Leserin nicht unterschätzen sollte. Die Neurosen der Hauptfigur treffen mich dort wo es unangenehm zwickt und lassen mich schier verzweifeln, mit jedem weiteren Schritt den sie in Richtung Abgrund tut. Und auch wenn es bei weitem nicht perfekt ist, lässt dieses Buch seine Leserin doch so schnell nicht wieder los. Denn die Konflikte der Hauptfiguren und deren Reibungspunkte repräsentieren in ihrer Einzigartigkeit doch universelle Meilensteine eines jungen Erwachsenenlebens, das zunächst viel verspricht diese Versprechen dann aber nur selten auch hält.

Zärtlich – Belinda McKeon – ISBN 978.3.550.08128.6

Für Leserinnen, die…

  • …unglücklich verliebt sind oder waren.
  • …einen Freund zum Liebhaber werden ließen.
  • …mit ihrer (sexuellen) Identität hadern.

Literarische Nachbarinnen…

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