(Neuerscheinung) Im Haus unserer Mutter werden wir wieder zu den Kindern, die wir einst waren…

Seitdem die Originalversion mit dem Titel „The Green Road“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction stand, wollte ich dieses Buch unbedingt lesen. Der Lesewunsch alleine führt leider nicht dazu, dass sich Bücher wie von Geisterhand in meinem Regal materialisieren; letztlich haben wir (mit etwas Verspätung) dann aber doch zueinander gefunden…

Rosaleens Fest von Anne Enright

Rosaleen ist eine Frau, die nichts tut und von den anderen alles erwartet. Sie ist Mitte siebzig, die Kinder gehen schon lange ihre eigenen Wege. Da entscheidet sie sich, Ardeevin, das Haus, in dem die vier groß geworden sind, das voller Erinnerungen an Glücksmomente und Verletzungen steckt, zu verkaufen – und lädt zu einem letzten Weihnachtsfest ein. Die Geschwister reisen mit diffuser Hoffnung auf Versöhnung an – und doch endet auch dieses Weihnachten, wie noch jedes geendet hat.

„Rosaleens Fest“ spannt seine Leserin auf die Folter; denn das titelgebende Fest ist nicht etwa der Anfang der Geschichte, sondern deren Ende. Den Anfang machen fünf Novellen, die dieser Leserin je eines von Rosaleens vier Kindern vorstellen und schließlich dann Mutter Rosaleen selbst. Erst nachdem Anne Enright mir über 200 Seiten lang eine erzählerische Lupe vors Gesicht gehalten hat, vertraut sie mir endlich die Geschichte an, die mir der Klappentext versprochen hat; die des letzten Weihnachtsfestes der ganzen Familie im ehemaligen, mittlerweile etwas verwohnten Elternhaus. An diesem Punkt sind mir als Leserin das Leben und die Probleme der Figuren schon zu Genüge bekannt und ich weiß zudem, was sie voreinander geheim halten und kann so die Spannungen innerhalb der Familie ohne Weiteres deuten, wie es mir bei ähnlichen Romanen selten gelingt. Insofern hat dieser unerwartete, vielleicht sogar etwas ungewöhnliche, Aufbau auch seine guten Seiten; und ich stürze mich kopfüber ins Geschehen.

Der Roman beginnt mit einer Novelle über die kleine Hannah, das Baby der Familie, zu einer Zeit in der zwei der vier Kinder noch zu Hause wohnen. Während Hannah erst noch heranwächst, treffen ihre ältesten Geschwister schon lebensverändernde Entscheidungen. So zum Beispiel ihr ältester Bruder Dan, der bei einem Besuch daheim gesteht, dass er sich nach dem Studium in Galway am Priesterseminar einschreiben will. Dies stürzt die temperamentvolle Mutter Rosaleen in eine tiefe Depression, warum wird allerdings nicht klar. Was man als Leserin allerdings sofort merkt, ist dass es in dieser Familie viele ungesagte Dinge gibt, viele zerborstene Eier auf deren Schalen die Kinder durchs Haus tänzeln, immer in der Angst sie vollends zu zertreten. Im folgenden kommt jedoch ein harter Schnitt und ich befinde mich im New York der frühen 90er Jahre an der Seite des ältesten Bruders Dan und umgeben von Figuren, die ich so noch gar nicht kenne.

Fünfmal muss ich mich neu orientieren, fünfmal muss ich mich einlesen, bevor ich weiß, was genau in diesem oder jenem Teil der Geschichte vor sich geht. Das kann eine unkonzentrierte Leserin schon mal aus der Spur drängen, aber ich persönlich war nur milde verunsichert wegen der, vielleicht anfangs auch etwas pikiert über die massiven Zeit und Schauplatzsprünge, die mich in fünf bis zehn Jahresschritten von Irland nach New York nach Afrika und wieder zurück nach Irland transportieren, und die ich zusammen mit Autorin Anne Enright im ersten Teil des Buchs bewältigen muss. Gerade hatte ich „Zärtlich“ den neuen Roman von Anne Enrights irischer Schrifstellerkollegin Belinda McKeon aus der Hand gelegt und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich von Landsfrau Enright stilistisch etwas mehr Geradlinigkeit erwartet, und so überraschte mich der anfängliche Kunstgriff der Autorin ihre Leserin zunächst einmal mit den einzelnen Mitgliedern der Familie bekannt zu machen, bevor sie diese in den Dampfkochtopf der Festtage wirft und miteinander interagieren lässt.

Seitdem Anne Enright den Booker Preis gewann hatte ich vorgehabt ihren Roman „Das Familientreffen“ zu lesen. Als ich „Rosaleens Fest“ in Händen hielt dachte ich mir, das ist sicher fast so gut wie. Doch dann merkte ich, dass es hier nicht etwa um die Dynamik einer dysfunktionalen Familie als Einheit geht, sondern um das Päckchen Sorgen und Nöte, welches jedes einzelne Mitglied bis ins späte Erwachsenenalter mit sich herum trägt und von dem es einfach nicht lassen kann. Beruf, Ehe und Kinder passieren, aber im Grunde sind Rosaleens Töchter und Söhne immer noch die Kinder, die sie einst waren; verzweifelt gierend nach der spärlichen, oft herunter putzenden Aufmerksamkeit der Mutter, die sie aber auch beschuldigen für alles, was im Hier und Jetzt gerade nicht so laufen mag, sprich Beruf, Ehe oder auch die eigenen Kinder. Diese unausgesprochenen Vorwürfe hängen schwerwiegend in der Luft, sobald alle unter einem Dach versammelt sind, bis es Mutter Rosaleen zu viel wird und sie in die dunkle Winternacht entflieht.

Insgesamt hat dieser Roman viele überaus lesenswerte, aber auch weniger eingängige Aspekte. Das erzählerische Wassertreten des Anfangs wird zwar gegen Ende des Romans belohnt, doch muss man sich als Leserin erst einmal durch die fünf scheinbar unzusammenhängenden Novellen kämpfen um dort anzukommen, wo sich alles ineinander fügt und schließlich einen Sinn ergibt. Stilistisch kann ich an der Booker-Preisträgerin Anne Enright, wie zu erwarten war, nichts aussetzen; „Rosaleens Fest“ ist weder zu blumig, noch zu zäh geschrieben und trifft meines Erachtens erzählerisch genau den richtigen Ton. Die Thematik des Romans, kann manchmal etwas schwer verdaulich, wenn nicht sogar deprimierend sein, was ich persönlich von irischen Schriftstellerinnen, die so meisterhaft über den Mikrokosmos Familie schreiben, aber schon gewohnt bin, und es sogar ein bisschen erwarte. Insofern liegt es an Dir, liebe Leserin, ob du die Einladung zu „Rosaleens Fest“ annehmen möchtest oder nicht…

Rosaleens Fest – Anne Enright – ISBN 978.3.328.10023.2

Für Leserinnen, die…

  • …einen unsentimentalen Weihnachtsroman suchen.
  • …erst einmal alle Figuren kennen lernen wollen, bevor sie in die Geschichte eintauchen.
  • …selbst schwer an einem Wehmutspäckchen aus der Kindheit zu tragen haben.

Literarische Nachbarinnen…

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