Virginie Despentes: Ein „enfant terrible“ wird erwachsen…

Auf der Frankfurter Buchmesse sind dieses Jahr die Franzosen zu Gast und zu meiner großen Freude sorgen vor allem die Bücher einer handvoll Französinnen schon im Vorfeld für reichlich Furore, darunter auch das kürzlich von mir besprochene „Dann schlaf auch du“ der Autorin Leila Slimani. Was meiner Freude einen kleinen aber entscheidenden Dämpfer verpasst, ist dass ich dieses Jahr schon wieder oder viel mehr immer noch nicht mit dabei sein kann, und dabei verbindet mich doch seit meiner Jugend eine skandalträchtige literarische Liebe mit dem europäischen Nachbar. Objekt meiner Begierde ist damals wie heute die Autorin Virginie Despentes – eine unkonventionelle Wahl, dessen war ich mir schon immer bewusst, aber man kann sich nun einmal nicht aussuchen an wen man sein (literarisches) Herz verliert – und um sie und ihre Romane soll es deshalb heute auch gehen.

couvertureDer Debütroman der Autorin heißt Baise-Moi und erscheint 1993. In Frankreich schlägt die Geschichte zweier sexpositiver Frauen, die sich im Stil von Thelma und Louise durch die französische Provinz morden, ein wie eine Bombe. Es ist auch mein erster Roman der Autorin, gelesen habe ich ihn mit 18 Jahren und was ich damals noch nicht weiß, er wird eine lebenslange Sucht begründen. Endlich sind die Mädels mal am Zug; leben, lieben und morden so wie es sonst immer nur die Kerle tun. Baise-Moi, das ist Fight Club für Frauen und ich bin mit Leib und Seele dabei!

die_unberuehrte-9783499229114_xxl1996 versucht Virginie Despentes mit Die Unberührte den Erfolg ihres Debüts zu wiederholen. Das Buch spielt im Rotlichtmilieu von Lyon und ähnelt in seinen Schockeffekten dem Vorgänger, nur dass ich als Leserin leider mittlerweile etwas abgestumpft bin. Wir schreiben das Jahr 2014 und Torture-Horror, ebenso wie echte Folter von politischen Gefangenen sind Teil der Nachrichten und des Abendprogramms, Gonzo-Pornos sind fester Bestandteil des Internets und wer sich darüber aufregt gilt als verklemmt. Virginie Despentes hat sich nicht verändert, die Welt hat es und das macht ihren Roman in meinen Augen weniger krass als er das zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war.

9783499234064Pauline und Claudine aus dem Jahr 1998 war neben Teen Spirit, das 2002 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, eines des Bücher, die ich als direkte Vorbereitung auf diesen Beitrag las. Letzteres galt bis zur Veröffentlichung der Vernon Subutex Trilogie (2015) in Kritikerkreisen als das beste Buch der Autorin. Meiner Meinung nach ist es jedoch lediglich das Konventionellste. Während der Lektüre dachte ich mehr als einmal: „Wie schade, meine französische Lieblingsautorin hat ihren Biss verloren.“ Die junge Virginie Despentes, die Virginie Despentes der neunziger Jahre ist wütend. Sie wettert gegen das System und schlägt sich auf die Seite der gesellschaftlichen Verliehrer, obwohl sie als Erfolgs-, bzw. gefeierte Skandalautorin, schon lange nicht mehr dazu gehört. So ist das auch in Pauline und Claudine, auch wenn ich als Leserin der Autorin ihre Bodenhaftung, ihren Draht zum Prekariat, schon lange nicht mehr so wirklich abnehme.

91ve6IQBS4LIn Bye Bye Blondie, das ich fast zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung 2004 las, lässt Virginie Despentes die Wut des Pöbels, an die sie schon gar nicht mehr selbst zu glauben scheint, ein letztes Mal aufleben. Doch die Zornesschreie und Hasstiraden ihrer Hauptfigur verklingen ohne Echo. In den Vorstädten brennen die Autos, Paris hat andere Sorgen und die Probleme der weißen Unterschicht verblassen neben denen der Kinder marokkanischer und algerischer Einwanderer. Die realen Pendants der Figuren über die Virginie Despentes so gerne schreibt pfeifen auf eine sozialistische Neuordnung der Gesellschaft und fangen stattdessen an der rechtsradikalen Front National zuzulaufen. Die Autorin verkennt diese Entwicklung und entfernt sich somit zusehends vom Puls der Zeit. Und auch ich habe langsam genug vom Unangepasstsein ihrer Figuren, das auf mich eher wirkt wie eine nie ganz ausgestandene kindische Trotzphase.

king_kong_theorie-9783833305733_xxlZwei Jahre später wird Virginie Despentes unerwartet persönlich. In ihrer Essaysammlung King Kong Theorie erzählt sie mir unter anderem von ihrer Vergewaltigung in jungen Jahren und ihrer späteren Tätigkeit als Prostituierte; und auch wenn sie in einem fort behauptet im Reinen zu sein mit ihrer Vergangenheit, ja sich sogar für Prostitution als Beruf wie jeder andere ausspricht und Empathie, die stellenweise schon an Mitleid grenzt, für die Männer zeigt, die einst ihren Körper kauften, glaube ich ihr nicht so ganz – woher, frage ich mich mit Blick auf ihr frühes literarisches Werk, kommt denn sonst dieser überbordene Ärger, dieser blanke Hass, den besonders die Figuren in ihrem Debüt, aber auch in den Romanen danach, auf brutalste Weise vor allem an Männern auslassen. Baise-Moi liest sich stellenweise wie eine Rachefantasie und seit meiner Lektüre der King Kong Theorie ahne ich zunehmend warum.

9781846688423_1502177004292_xxlMeine Lektüre von Apokalypse Baby, der letzten deutschen Veröffentlichung der Autorin aus dem Jahr 2010 – abgesehen natürlich von dem Buch mit dem Virginie Despentes dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast ist – ließ mich mit dem Eindruck zurück meine französische Lieblingsautorin habe nach langen Jahren des Schreibens ihr explosivstes Pulver verschossen. Teen Spirit ließ es mich schon ahnen, das einstige Enfant Terrible der Pariser Literaturszene ist erwachsen geworden. Als Leserin hätte ich natürlich am liebsten gehabt, dass Virginie Despentes, über diesen schriftstellerischen Reifeprozess erhaben auf ewig in ihrer Wut gefangen, einen Skandalroman nach dem anderen veröffentlicht; auf menschlicher Ebene gönne ich ihr den Zugewinn an persönlicher Weitsicht und literarischer Erfahrung natürlich durchaus, wenn auch bisher etwas verhalten.

Im Angesicht dieser Retrospektive und mit Blick auf ihre neusten Veröffentlichungen, muss ich schweren Herzens die Virginie Despentes meiner Jugendjahre, die Rebellin, die Furie und Rachegöttin loslassen. Denn in dieser Form gibt es sie schon seit Anfang des neuen Jahrtausends nur noch zwischen den Seiten ihrer Debütromane. Als Leserin und als Frau fällt es mir dennoch manchmal schwer meine Erwartungshaltung an gerade diese Autorin zu transformieren. Denn ich bin ihr nach all den Jahren, die wir zusammen verlebt haben, nach wie vor dankbar für ihre (frühen) Romane und deren Figuren. Diese zeigten mir, die ich gerade in einem Alter war, indem ich zu merken begann, dass diese Welt besonders für Frauen teils scheinbar unüberwindbare Grenzen hat, das Versprechen von Freiheit und Selbstverwirklichung, welches mir meine Eltern mit auf den Weg gaben, nur bedingt einlösbar sein wird, dass Frauen nicht passive Empfängerinnen vom Leid der Welt und alleinige Trägerinnen der Bürde ungleicher Machtverhältnisse sein müssen, sondern stark und brutal sein können, wütend und gewalttätig, risikobereit und nur dem eigenen Willen verpflichtet, nach den eigenen Regeln lebend und kompromisslos frei. Diese Darstellungen von Frauen in der modernen Literatur waren Pionierarbeit und gehören leider noch immer zu einer Ausnahmeerscheinung, die mich, und mein Bild davon, was (literarisch) möglich und akzeptabel ist, stark geprägt haben. Dafür verzeihe ich Virginie Despentes gerne ihren Scheuklappen-Feminismus, ebenso wie ihre spätere Abkehr von den Handlungs- und Figurenmustern, die mich einst so für ihre Romane begeisterten. Jeder denkende, fühlende Mensch gewinnt im Alter an Perspektive, und wenn die Schriftstellerin Virginie Despentes das kann, dann kann diese, ihr nach wie vor treu ergebene, Leserin das auch.

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