(Neuerscheinung) Verletzte Seelen finden Zuflucht in der Welt des Cembalos…

Dieser von mir bei der Durchsicht der Frühjahrs Vorschau des liebeskind Verlages schon sehnlichst erwartete Roman erreichte mich leider erst nachdem ich mein eigenes Zimmer fürs erste verlassen hatte. In meinem Regal stand er fortan und erinnerte mich an eine der schwereren Entscheidungen, die ich in den letzten drei Jahren habe treffen müssen. Umso glücklicher war ich, als ich die „Zärtlichen Klagen“ dann wider Erwarten doch noch im Jahr ihrer deutschen Veröffentlichung habe lesen können…

51k8TP6oriL._SX319_BO1,204,203,200_Tief verletzt durch die Untreue ihres Mannes, flieht Ruriko aus Tokio und zieht sich in ein einsam gelegenes Landhaus zurück. Sie arbeitet als Kalligrafin und will dort Ruhe finden, um die Transkription der Lebenserinnerungen einer englischen Dame abzuschließen. Bald schon lernt sie ihre neuen Nachbarn kennen. Nitta war früher ein bekannter Pianist und widmet sich nun dem Bau von Cembalos. Dabei geht ihm eine junge Frau namens Kaoru zur Hand, die er als seine Assistentin vorstellt. Von ihr erfährt Ruriko, dass Nitta nicht mehr vermag, in der Gegenwart anderer Klavier zu spielen. Es ist, als wäre sein Herz zu Stein geworden und die Musik zur bloßen Erinnerung … Ruriko und Nitta fühlen sich zueinander hingezogen, und doch spürt die Kalligrafin, dass zwischen ihm und seiner Assistentin unsichtbare Bande bestehen, die stärker sind als das, was Nitta für sie empfindet.

Es fällt mir schwer die richtigen Worte zu finden, um einen Roman wie diesen zu beschreiben. Wie soll ich bloß anfangen in Worte zu fassen, was bei Yoko Ogawa lediglich zwischen den Zeilen steht. Ihre Hauptfiguren entziehen sich der Welt und da wundert es mich nicht, dass sich auch „Zärtliche Klagen“ einer wertenden Beschreibung zu entziehen versucht. Auf leisen Sohlen packt Ruriko ihre Sachen und flieht aufs Land, vor einem Mann der sich ihr schon lange entzogen hat, geflohen in die Arme einer Geliebten, deren Präsenz Ruriko sogar im gemeinsamen Haus zu spüren glaubt. Im Ort ihrer Kindheit trifft sie auf Nitta, der vor seinem eigenen Potenzial geflohen ist, und Kaoru, die, verfolgt von einem Trauma, schon vor Jahren aus ihrem alten Leben schied. Und ich meinerseits flüchte mich zwischen die Seiten ihrer Geschichte, entziehe mich so für ein paar Stunden dem Alltag und seinen Verpflichtungen.

Die „Zärtlichen Klagen“, benannt nach einem Cembalo Stück, das Kaoru im Laufe der Handlung immer wieder erklingen lässt, und welches ich während der Lektüre vergebens aufzutreiben versucht habe, in der Hoffnung es könne sie musisch untermalen, bringen mich zum Träumen. Dieses Oxymoron aus Liebe und Leid fängt das Timbre des Romans auf geschickte Weise ein. Denn die Figuren sind auf ihrer Suche nach Linderung so verzweifelt, dass sie sich aneinder klammern, und mit spitzen Nägeln furchen durch das Fleisch des anderen ziehen, bis Blut fließt. Mit einer eifersüchtigen Leidenschaft, die an Liebeswahn grenzt, stürzt sich Ruriko in eine Affäre mit Nitta, nicht um ihrer selbst Willen scheint es mir, sondern lediglich um den Cembalobauer und seine Assistentin zu entzweien.

Ihre Liebesszenen lassen mich erröten, werden die Körper der Liebenden doch so viel offener zur Schau gestellt als die Gewalt, die im Roman ebenfalls eine feste Größe ist, und deren Bedrohung sich die Figuren nicht entziehen können. Denn so friedvoll der Ort von Rurikos Kindheit auch auf den ersten Blick scheinen mag, so heil seine Welt auf den Betrachter zunächst wirkt, lauert die Eskalation doch in jeder Szene. Denn im krassen Kontrast zu Kaorus Cemballospiel, Nittas Kunsterfertigkeit und Rurikos Leidenschaft steht das ernste Thema, welchem Yoko Ogawa sich in „Zärtliche Klagen“ widmet und mit dem ich mich über meine feministische Lektüre bisher schon gedanklich genähert habe, häusliche Gewalt. Sowohl die Erzählerin als auch die junge Assisstentin des Cembalobauers flüchteten vor Gewalterfahrungen aufs Land, in die Welt des Cembalos.

Verzweifelt versuchen Ruriko und Kaoru ihrem Trauma zu entkommen und tragen es doch unweigerlich im Nacken, wie einen Witwenbuckel. Beide bringen ihre Schatten mit in die Idylle, bis ihre innerliche Spannung sich schließlich Bahn bricht. Der Damm, welcher das Trauma all die Jahre gestaut hat, weist zunächst einen, dann zwei, dann drei Risse auf, bis er durch die Flut der verdrängten Gefühle schließlich birst und die Geschichte in einem blutigen Unfall gipfelt, der auf mich sowohl etwas an den Haaren herbei gezogen, als auch vollkommen unausweichlich wirkt. Ein Erfahrung, die das ungleiche Trio letztlich auseinander treibt, und mich als Leserin, die sich bereits vor Kapiteln in Rurikos Landhaus eingeigelt hat, zutiefst erschüttert. Es erfüllt mich mit einem unguten Gefühl, das einfach nicht weichen will, und so lese ich das, was von der Handlung übrig bleibt, in einer Art Schockstarre.

Die große Stärke dieses Romans, die er sich meiner Erfahrung nach mit der überwiegenden Mehrheit moderner japanischer Prosa teilt, ist die Athmosphäre, die Yoko Ogawa vom ersten Kapitel an aufbaut und die sich mit jeder neuen Seite verdichtet; bis sie mich mit einem Nebel aus feucht, moderigem Moosgeruch und zärtlich, klimpernden Cembaloklängen einhüllt, dessen verführerischer Duft und melodischer Klang mir nach und nach den Sinn für die Realität nimmt. Diese Entrücktheit, die Abkapselung von Raum und Zeit, welche die Hauptfiguren in ihrem grünen Exil erfahren, springt auf mich als Leserin über und ich verliere während der Lektüre jegliches Zeitgefühl. Erst nach Stunden lässt mich beispielsweise mein knurrender Magen aufschrecken und ich hole mir noch etwas benommen einen Joghurt aus dem Kühlschrank, den ich hinunter schlinge. Denn ich will so schnell wie möglich zurück in die Welt der „Zärtlichen Klagen“, mit den Worten der Autorin, in die Welt des Cembalos.

Dort mischen sich teils surreale Szenen – so beobachtet Ruriko zum Beispiel in einer Szene, wie Nitta ein fehlerhaftes Cemballo mit einer Axt zerlegt, als wolle er es hinrichten, während seine Assisstentin stumm neben ihm steht und weint – mit den inneren Monologen der Hauptfigur, die mir dadurch ganz nah scheint, mich aber durch ihre Selbstentfremdung gleichzeitig von sich weg stößt. Was Leserin und Erzählerin entzweit, kommt mir fast wie ein Schutzmechanismus vor; ob Ruriko sich allerdings vor dem eigenen Gewissen, bzw. der Verantwortung für das eigene Handeln schützen will, oder ob gar Yoko Ogawa selbst in die Handlung eingreift, indem sie mich davor beschützt ihren im Kern zerrissenen Figuren zu nah zu kommen, bleibt bis zum Ende ungeklärt. Was ebenfalls offen bleibt, ist ob die Figuren am Ende des Romans den Absprung schaffen, in ein neues weniger konfliktbeladenes Leben, das ich ihnen als Leserin natürlich von Herzen gönnen würde.

Die Welt des Cembalos ist nicht immer wirtlich, manchmal nimmt sie gar albtraumhafte Züge an, nur scheinen sich diese Nachtmahre bei genauerer Betrachtung lediglich im Kopf der Figuren zu tummeln. Kaum dringt Licht in den dunklen Raum verflüchtigen sich die Schatten und die äußere Gefahr verschwindet. Was das Licht den Figuren ebenso wenig nehmen kann wie der Handlung ist die Gefahr, die im Inneren lauert. Die Angst vor der Erinnerung, die langsam die Seele auffrisst; da mögen die sanften Klänge des Cembalos auch noch so tröstlich sein, letztenendes verklingen sie doch – spätestens sobald die Spielerin die Hand des Geliebten ergreift. Yoko Ogawa fängt diese ominöse Zerrissenheit der Figuren und ihre Entfremdung von sich selbst und der urwüchsigen Schönheit, die sie umgibt, ein, wie nur sie es zu können scheint – mehr bleibt mir nicht hinzu zu fügen.

Zärtliche Klagen – Yoko Ogawa – ISBN 978.3.95438.073.2

Für Leserinnen, die…

  • …den Schatten der Vergangenheit zu entfliehen hoffen.
  • …die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen wollen.
  • …(wie ich) der japanischen Erzählweise verfallen sind.

Literarische Nachbarinnen…

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