(Neuerscheinung) Vom Leben in der Traufe und anderswo…

Manchmal sind die Dinge, die mich und meine Lektüre zusammenbringen vollkommen alltäglicher Natur. So geschehen auch bei „und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“, dessen vorrangiger Pluspunkt für mich der Verlag war, bei dem dieses Buch erschienen ist. Der Luchterhand Literaturverlag ist mein absoluter Liebling aus dem RandomHouse, und daher dachte ich mir: Wenn diesem Verlag Doris Anselms Prosa gefällt, dann wird es mir bestimmt ebenso gehen. Alles weitere, siehe unten… 😉

51NgcJ6XbcL._SX311_BO1,204,203,200_Was ist der Auslöser für Veränderung in unserem Leben? Die Nachricht einer längst vergessenen Freundin, eine Kränkung zu viel, eine absurde Passion, der es plötzlich nachzugeben gilt. In Doris Anselms Erzählungen begegnen uns Karrieremenschen und Loser, Charismatiker und Verrannte, die diese Momente lostreten oder erleben. So wechselt ein Schmuckstück den Besitzer, unpersönlich und doch symbolträchtig. Am Ende ist ein Mädchen erwachsen geworden und ihr Lehrer ein Stück kindlicher. Dabei bleibt manches scheinbar Wichtige elegant in der Schwebe, um den Blick fürs Wesentliche zu öffnen. Ereignisse wirken aus der Vergangenheit in eine intensiv wahrgenommene Gegenwart hinein, ein bedrohlicher Unterton schwingt mit, ein böses Wuchern und Wachsen.

Wie jede Kurzgeschichtensammlung ist auch Doris Anselms „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gengenschlag aus“ ein Flickenteppich aus Narrativen, die mich als Leserin ansprechen und solchen, die mich kalt lassen, ebenso wie den diversen Schattierungen dazwischen. Doch etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet, denn Kurzgeschichtenbände sind wie eine Schachtel Pralinen, um eines der wohl bekanntesten cineastischen Klischees zu bemühen. Im Grunde mag diese Leserin Pralinen, und Kurzgeschichten, nur eben nicht jede; Und anders ging es mir mit der Lektüre von „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ auch nicht.

Wenn ich hier schreibe ich mag Kurzgeschichten so gerne, wie ich Pralinen mag, dann stimmt das nicht ganz. Mit Pralinen verbindet mich eine flammende Hassliebe, die aus einem Teufelskreis des Heißhungers und gleichzeitigen Gesundheitswissens (Stichwort: Zucker) erwächst, ebenso wie dem schamvollen Blick auf die Waage – denn um ganz ehrlich zu sein lese ich um einiges feministischer, als ich mich letztendlich verhalte. Kurzgeschichten allerdings will ich wollen, mit einer Intensität, die schon fast an Verzweiflung grenzt. Ich suche nun schon seit Jahren einen Zugang zu dieser Form und muss gestehen, dass ich ihn nur in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel bei der Titelgeschichte von Benjamin Maacks Debüt „Monster“ oder „Marathonmann“ aus „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora, finde.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich einem Buch, wie „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ vollkommen ratlos gegenüber stehe. Ich kann schon einschätzen, bzw. identifizieren, was mich an welcher Geschichte besonders begeistert, berührt oder auch abschreckt und wie sich das auf meinen Gesamteindruck gegenüber dem Buch auswirkt. Nur bin ich eben nicht die Connaisseuse, die ich manchmal gerne wäre. Im Studium des Literarischen Schreibens habe ich schließlich mal gelernt, dass Kurzgeschichten die Feuerprobe eines jeden Schriftstellers darstellen. Wer eine gute Kurzgeschichte schreibt, dem liegt die literarische Welt zu Füßen, zumindest theoretisch. Doch habe ich weder als Schreibende, noch als Lesende, jemals so ganz begreifen können, warum – nicht mangels verbissener Versuche wohl gemerkt.

Insofern sind Kurzgeschichtensammlungen für mich ein bisschen so wie Opern. Im Grunde eine beeindruckende, hoch technische Kunstform, die jeden auflaufen lässt, der nicht weiß, was er tut. Eingängig sind sie aber nicht gerade, manchmal nicht einmal dann, wenn frau sich intensiver damit beschäfftigt. Doch bewege ich mich mit diesen Vergleichen immer weiter weg vom eigentlichen Thema dieses Beitrags, dem Debüt der „open mike“ Gewinnerin Doris Anselm. Und dieses hat das Potenzial selbst Kurzgeschichtenmuffel für diese Form zu begeistern, zumindest ab und zu – es hängt wie gesagt immer von der individuellen Geschichte ab. Doch bin ich zuversichtlich, was meine Behauptung angeht. Denn das Themenspektrum der 16 Geschichten ist so breit gefächert, dass man als Leserin schon zu einer unwahrscheinlichen Minderheit gehören muss, um sich nicht zumindest in einer von Doris Anselms Erzählungen wiederzufinden.

Was mir persönlich an „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ am besten gefällt ist, dass Doris Anselm in mehr als einer Geschichte schwul/lesbische Figuren auftreten lässt, deren Homosexualität nicht zum zentralen Thema der Geschichte gemacht, bzw. zu einen Spektakel für heterosexuelle Leserinnen aufgebauscht, wird. In „Juls Hände“ versucht der schwule Jul zwar der jungen Studentin Karli den Freund auszuspannen, doch wird dies nicht zum zentralen Punkt der Geschichte. Doris Anselm erreicht diese Verlagerung der Aufmerksamkeit ihrer Leserin dadurch, dass sie einer Außenstehenden das Erzählen überlässt. Ich, als Leserin, werde so Zeugin von deren unglücklicher Liebe zu Jul, während die Dreiecksgeschichte zwischen Jul, Karli und ihrem Freund zum Randgeschehen wird, das der Erzählung, ebenso wie den Figuren zusätzliche Tiefe, bzw. Mehrdimensionalität, verleiht.

In „Das Gartenjahr“ sind es zwei Frauen scheinbar fortgeschrittenen Alters, die sich eine Gartenlaube und auch das darin befindliche Bett teilen. In dieser Geschichte geht es jedoch nicht um ihre späte Liebe, sondern um ihre Armut, die sie dazu zwingt sich ganzjährig in einer Schrebergartenkolonie niederzulassen, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist, und für die beiden zu Problemen führt. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten, denn vom Ton her erinnert sie mich an die schottische Schriftstellerin Ali Smith, deren Kurzgeschichten ich so gerne lese. Doris Anselm macht ihrer Leserin keine Geschenke, alles Wesentliche steht wie so oft zwischen den Zeilen. Ich werde zur Wahrsagerin und starre verzweifelt auf die Kristallkugel, welche die Autorin mir vor die Nase hält. Verdachtsmomente habe ich viele, doch mit Sicherheit weiß ich am Ende nicht einmal wer die Geschichte eigentlich erzählt.

In „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ betreibt Doris Anselm nicht nur die für ihre Schriftstellergeneration so typisch gewordene Nabelschau, sondern schreibt über Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Mit wie viel Authentizität sie dies tut, kann ich als junge Frau der Mittelklasse, die zumindest in Deutschland keinerlei Berührungspunkte mit dem Präkariat hat, leider nicht beurteilen. Doch bin ich mir sicher, dass diese Offenheit gegenüber Erfahrungen abseits des Mainstreams „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ zu einem Buch macht, das auch denen Zugang, bzw. einen Identifikationspunkt, bieten kann, die nicht zum studentischen Berliner WGvolk gehören. Wenn es anders wäre, hätte ich ehrlich gesagt auch wenig Lust gehabt mich auf dieses Buch einzulassen. Die Universalität der Narrative, ob es nun um Themen wie Liebe, Lust & Obsession, so zum Beispiel gelesen in „Lametta“, oder Familie, Kindheit & Stadtflucht, so zum Beispiel gelesen in „einer kalten Natur“, geht; Doris Anselm scheint mich als Leserin und als Mensch zu kennen.

Kurzgeschichtenbände haben für mich als Rezensentin sowohl Vor- als auch Nachteile. Auf der einen Seite, weiß ich manchmal nicht, wo ich mit meiner Besprechung anfangen soll. Auf der anderen Seite fällt es mir schwer zum Ende zu finden, sobald ich den roten Faden in der Hand halte. Schließlich geht es hier nicht nur um eine Geschichte, sondern gleich um sechzehn Stück. Und ich könnte noch so viel erzählen, mich auf so viele Teilaspekte des Buchs beziehen – ja, vielleicht sogar jeder der 16 Geschichten eine eigene Rezension widmen. Doch das würde den Rahmen sprengen, den ich mir als Rezensentin für diese Besprechung gesetzt habe und daher begnüge ich mich an dieser Stelle damit dir, meiner geneigten Leserin, (hoffentlich) die Augen etwas wässrig gemacht zu haben, vor Neugier auf dieses Buch – diese Oper-esque Pralinenschachtel, deren Einzelteile nur darauf warten nun auch von Dir verköstigt zu werden.

und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus – Doris Anselm – ISBN 978.3.630.87526.2

Für Leserinnen, die…

  • …sich diese Form nicht nur zutrauen, sondern auch bereit sind sich, wenn nötig, einen Zugang dazu zu erkämpfen.
  • …bei Sprachgewandtheit und Schreibstil ihre Prioritäten setzen.
  • …sich manchmal im Leben, auf dem Land, in der Liebe gestrandet fühlen.

Literarische Nachbarinnen…

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Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora 42752463z

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