(Neuerscheinung) Das Alter ist nichts für Feiglinge…

Vor ein paar Jahren las ich „Die linke Hand der Dunkelheit“, fand jedoch leider keinen Zugang dazu und brach es schließlich ab. Diese verhaltene Enttäuschung, erfahren durch ein Buch von dem ich mir viel versprach, spukte lange danach in meinem Kopf herum. Als ich erfuhr, dass nun bald eine Essaysammlung der Autorin veröffentlicht wird, musste ich diese unbedingt vorab lesen. Meine Hoffnung ist dabei, dass ein nuanciertes Bild der Autorin als Person mir einen zweiten Anlauf auf ihren bekanntesten Roman ebnet – mal sehen…

cover120129-mediumUrsula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it. On the absurdity of denying your age, she says, “If I’m ninety and believe I’m forty-five, I’m headed for a very bad time trying to get out of the bathtub.” On cultural perceptions of fantasy: “The direction of escape is toward freedom. So what is ‘escapism’ an accusation of?” On her new cat: “He still won’t sit on a lap…I don’t know if he ever will. He just doesn’t accept the lap hypothesis.” On breakfast: “Eating an egg from the shell takes not only practice, but resolution, even courage, possibly willingness to commit crime.” And on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life: “How rich we are in knowledge, and in all that lies around us yet to learn. Billionaires, all of us.”

Schon bevor ich überhaupt eine einzige Zeile gelesen habe, ist mein Kopf schon voller Fragen. Besonders eine tut sich dabei hervor; ob mir Ursula K. LeGuin wohl als Person sympathisch sein wird? Ich hoffe es jedenfalls sehr, und das löst vorab schon eine unterschwellige Anspannung in mir aus. Ich möchte sie so gerne mögen, möchte einen Zugang zu ihrem Werk finden. Darüber hinaus koche ich meine Erwartungen allerdings auf kleiner Flamme. Denn Essaysammlungen, wie diese hier, sind meiner bisherigen Erfahrung nach immer ein bisschen durchwachsen. Da ist „No Time to Spare“ übrigens keine Ausnahme, manche Essays hauen bei mir voll auf die Zwölf, andere interessieren mich weniger und ich überfliege sie nur.

Im ersten Teil des Buchs geht es um das Altern und das Alter, welches laut Ursula K. LeGuin, selbst schon über achtzig, nichts für Weicheier ist. Dann aber eigentlich doch, muss sie sich eingestehen, schließlich werden auch Weicheier irgendwann mal alt. Doch einfach ist es nicht, darauf kann sie sich mit sich selbst einigen. Die Leserin lernt Ursula K. LeGuin gleich zu Anfang als Person kennen, die sich all ihrer kleinen Macken und Eigenarten bewusst ist und sich nicht länger scheut, diese auch mit ihren Leserinnen zu teilen. Diese Leserin merkt der Schriftstellerin ihr fortgeschrittenes Alter dabei gar nicht unbedingt an. Denn Ursula K. LeGuin nimmt es mit Humor und scherzt auch schon mal, dass zum Beispiel alternde Bloggerinnen besser einmal die Woche laut geben, auch wenn’s nichts zu erzählen gibt. Denn jüngere Leserinnen könnten ja meinen, frau wäre zwischenzeitlich verstorben.

Im zweiten Teil erzählt die gestandene Schriftstellerin neugierigen Leserinnen vom Literaturbetrieb, schreibt über das Konzept des „großen amerikanischen Romans“ und die moralische Verpflichtung des Schriftstellers. Welche in diesen Essays also nach Klatsch und Tratsch sucht, die wird wohl leider enttäuscht werden. Ursula K. LeGuin geht nämlich vor allem auf die Feinheiten des Schriftstellerlebens ein. Dazu gehört zum Beispiel das Beantworten von Fanpost, und diese kommt bei einer Fantasy-Autorin auch schon mal von ganz jungen Leserinnen, die sich mal mehr und mal weniger Mühe machen, allesamt jedoch die Regeln der modernen Rechtschreibung neu definieren. Darüber hinaus schreibt Ursula K. LeGuin unter anderem davon, dass sie viel lieber den Sartre-Preis – jährlich verliehen an jemanden, der einen Preis abgelehnt hat – als den Nobelpreis haben würde, auch wenn beide für eine Genre-Schriftstellerin wohl außer Reichweite sein dürften.

Diesen Teil finde ich besonders interessant, habe ich doch selbst schriftstellerische Ambitionen. Viel gibt mir die Autorin jedoch nicht an die Hand, und als die erhofften Tipps für angehende Schriftstellerinnen ausblieben, war ich zunächst etwas enttäuscht. Im Nachhinein genieße ich diesen kleinen Ausflug in die Welt einer, die es geschafft hat ihre Berufung zum Beruf zu machen aber trotzdem. Denn Ursula K. LeGuin schreibt über Dinge, von denen sie etwas versteht, zumindest meistens, nämlich zum Beispiel den Unterschied zwischen Dystopie und Utopie, und warum es bisher keinem Schriftsteller gelungen ist, dabei die Natur des Menschen zu berücksichtigen, anstatt sie auszuklammern. Wenn es um Science Fiction geht ist die Autorin in ihrem Element, das merke ich sofort, und genieße diesen fast schon philosophischen Ausflug durch die Literaturgeschichte sehr, inklusive Lesetipps für Genreneulinge übrigens.

Danach wird Ursula K. LeGuin unerwartet politisch und ist für ihr Alter ungewöhnlich sozialdemokratisch eingestellt. Vor der Lektüre dieses Teils hatte ich befürchtet es auf einmal mit einer unangenehm konservativen, reaktionären Frau zu tun zu bekommen, die wenig übrig hat für solch triviale Dinge wie zum Beispiel die derzeitige Sexismusdebatte. Doch bestätigten sich meine Vorurteile dem fortgeschrittenen Alter gegenüber nicht. Ursula K. LeGuin wird fast schon feministisch, wenn es um Themen wie zum Beispiel Frauensolidarität geht und verortet sich und ihre Essaysammlung damit am Puls der Zeit. Darüber hinaus sind ihre Essays thematisch wieder breit gefächert und sie schreibt u.a. über die innere Welt von Pflanzen, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, und den Sinn und Unsinn des Glaubens an Gott als Antithese zur modernen Wissenschaft.

Sie schließt mit einer Reihe von Anekdoten, die dem Buch im Nachhinein etwas verspieltes geben. Zum Beispiel schreibt sie über eine Reise nach Wien und darüber wie man ein europäisches Ei isst. Für mich als Europäerin war diese Passage etwas überflüssig, aber auch irgendwie meditativ; wie der Akt des Ei-essens selbst – Löffel für Löffel aus der Schale – der für eine Deutsche wohl das selbstverständlichste überhaupt ist. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem zahmen Luchs und davon wie sie trotz ambivalenter Gefühle, von ihrer wachsenden Berühmtheit quasi genötigt, eine persönliche Sekretärin einstellte; und wie diese nach vielen gemeinsamen Jahren zu einer engen Freundin und Vertrauten wurde. Sie erzählt von der grenzenlosen Fantasie kleiner Kinder und einer Begegnung der anderen Art mit einer Klapperschlange.

Die unterschiedlichen Teile der Essaysammlung werden durch kürzere Passagen getrennt, in denen die Autorin von ihrem Leben mit Katze berichtet. Ursula K. LeGuin gesellt sich damit zu einem illustren Grüppchen bekannter Schriftstellerinnen, die, mal mehr und mal weniger amüsant, über ihre Katzen geschrieben haben. Dabei erzählt sie eigentlich nichts völlig neues. Ihr Kater Pard hat natürlich sie ausgewählt und nicht etwa umgekehrt – wo kämen wir denn da hin. Auch des nachts ein Wirbelwind muss er schon mal aus dem Schlafzimmer verbannt werden, sieht diesen letzten Ausweg seiner schlaftrunkenen Besitzerin jedoch absolut nicht ein. Die Treppen seines Zuhauses nimmt er generell im Flug und bringt so auch mal den einen oder anderen menschlichen Mitbewohner zu Fall. Und das Herumturnen auf kostbaren Möbelstücken ist natürlich nur dann verboten, wenn jemand zuschaut. Wer selbst Katzen hat, dürfte all das schon zu Genüge kennen, amüsant ist es aber trotzdem.

Ursula K. LeGuin ist die Mischung gelungen, in „No Time to Spare“ ist für jede Leserin, ob uralt, blutjung oder irgendwo dazwischen, etwas dabei. Nur neue Geschichten der Autorin sucht frau zwischen den Seiten dieses Buchs vergeblich; insofern bist du gewarnt, meine geneigte Leserin. Das alleine sollte dich jedoch nicht von der Lektüre abschrecken. Denn besonders für Fans der Autorin stellt dieses Buch einen literarischen Leckerbissen der besonderen Art dar. Endlich darf frau mal hinter die Kulissen schauen, der Schriftstellerin über die Schulter. Nicht alle Essays sind dabei gleich interessant, und manchmal war ich zugegebenermaßen etwas gelangweilt. Doch decken sie so viele verschiedene Themenbereiche ab, dass ich spätestens mit dem nächsten Essay wieder das Gefühl hatte zu wissen, warum ich dieses Buch so unbedingt lesen wollte. Meine anfängliche Angst, die Autorin könnte mir unsympathisch sein, war übrigens unbegründet; Ursula K. LeGuin und ihre Bücher werden mich also wohl noch lange begleiten.

No Time to Spare: Thinking About What Matters – Ursula K. LeGuin – ISBN 978.1.328.66159.3

Für Leserinnen, die…

  • …vielseitige Interessen haben.
  • …Katzen-affin sind.
  • …lieber Bücher als Blogs lesen.

Literarische Nachbarinnen…

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2 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Das Alter ist nichts für Feiglinge…“

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