(Feminismen) Eine Transfrau schreibt über den Kreuzzug des Patriarchats gegen die Weiblichkeit…

In den zwei Jahren seitdem ich meine Erkundungsreise durch das feministische Sachbuchgenre begann, habe ich viele Stimmen zu den verschiedenen Aspekten des Themas gehört. Während die zu Papier gebrachten Meinungen teils weit auseinander gingen, waren ihre Autorinnen doch bisher überwältigend cis-gender Kaukasierinnen (eine Ausnahme ist Roxane Gay). Insofern stürzte ich mich auf diese Lektüre in der sich eine transsexuelle Frau zu Wort meldet und Dinge anspricht und ausspricht, die ich von ihren Kolleginnen in meinem Bücherregal so noch nicht gehört habe…

51-byitjfql-_sx331_bo1204203200_In Whipping Girl Julia Serano shares her powerful experiences and observations to reveal the ways in which fear, suspicion, and dismissiveness toward femininity shape our societal attitudes toward trans women, as well as gender and sexuality as a whole. In this provocative manifesto, she exposes how deep-rooted the cultural belief is that femininity is frivolous, weak, and passive, and how this “feminine” weakness exists only to attract and appease male desire. In addition to debunking popular misconceptions about transsexuality, Serano makes the case that today’s feminists and transgender activists must work to embrace and empower femininity—in all of its wondrous forms.

Wie ich in der Einleitung schon angedeutet habe liefert „Whipping Girl“ eine mir bisher unbekannte Perspektive auf die Unterdrückungssysteme des Patriarchats und eine Hypothese dazu, warum der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen durch Talent und harte Arbeit alleine, auch nach den Anstrengungen und (Teil)Erfolgen des Feminismus diverser Generationen, um einiges steiniger ist, als der ihrer männlichen Pendants. Dabei führt Julia Serano nicht nur die am Arbeitsplatz lange etablierten Netzwerke der Männer, für die berufstätige Frauen noch kein adäquates Gegenstück haben, als Argument ins Feld, dafür dass Frauen hinter ihren männlichen Kollegen zurück bleiben, sondern holt in ihren Thesen und Erklärungsversuchen auch um einiges weiter aus. Für Julia Serano liegt die Ungleichheit des Systems nämlich in seiner binären Struktur an sich, in der wir Menschen in weiblich und männlich aufteilen und dementsprechend be-, bzw. abwerten.

Was das angeht weiß die Autorin wovon sie schreibt, wuchs sie doch als Mädchen in einem Jungenkörper auf, den sie erst im Erwachsenenalter mit Hormonbehandlungen zu dem machen konnte, was er für sie selbst immer war – einem weiblichen Wesen. Diese Angleichung von gefühltem und körperlichen Geschlecht beschreibt die Autorin ebenso wie die Art und Weise, wie sich die Sichtweise anderer Menschen auf sie veränderte, sobald die Hormontherapie ihre volle Wirkung entfaltete. Sie erzählt mir davon wie selbst politisch korrekte Menschen oft eine morbide Faszination für transsexuelle Körper haben und sich ohne Vorwarnung zum Beispiel danach erkundigen, ob sie sich schon die Genitalien hat angleichen lassen. Julia Serano prangert aber nicht nur die Art an, auf die (viele aber natürlich nicht alle) Cis-gender mit Transsexuellen umgehen, sondern auch wie transsexuelle Körper zum Beispiel in den Medien fetischisiert werden. Als, wie Julia Serano sich ausdrückt, „factory-issue woman“ und Medienkonsumentin gibt mir das reichlich zu denken.

Doch wer meint der einzige Sinn und Zweck von „Whipping Girl“ sei es mit Vorurteilen gegenüber Transsexualität aufzuräumen, der unterschätzt dieses Buch gewaltig. Denn indem Julia Serano sich darüber aufregt, dass oft völlig Fremde sich nach ihrem genitalen Status erkundigen und nichts dabei zu finden scheinen, entlarvt sie die Künstlichkeit des binären Geschlechtersystems. Denn die Frage nach Operationen und Hormontherapien wird nicht nur aus Neugierde gestellt, der Fragende versucht über die Antwort zu tangieren mit wem er es denn nun zu tun hat – Männlein oder Weiblein – und wie er sich darauf bezogen zu seinem Gegenüber verhalten soll. Das Individuum verschwindet im Klischee seiner Geschlechtsidentität, was weniger beunruhigend wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht eine klare Hierarchie der Geschlechter etabliert hätte. An deren Spitze stehen seit dem Beginn der Agrikultur die Männer, danach kommen die Frauen und das Schlusslicht bilden non-binäre Menschen, zu denen Julia Serano sich selbst lange gezählt hat, mit deutlicher Tendenz zur Frau.

Doch es ist nicht nur das Patriarchat, und die damit verbundene Überhöhung von Männlichkeit, welches Julia Serano in „Whipping Girl“ aufs Korn nimmt, sondern die Verteufelung der Weiblichkeit, die damit einher geht. Diese Ablehnung alles fraulichen als künstlich und affektiert wird so, laut der Autorin, übrigens auch von führenden Feministinnen praktiziert und propagiert. Was das angeht bietet „Whipping Girl“ eine kritische Perspektive auf eine durchaus nicht perfekte Bewegung, mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Transfrauen (aber nicht von Transmännern), die trotzdem nicht weniger feministisch ist als die ihrer cis-gender Kolleginnen. In dieser Streitschrift für die Weiblichkeit kämpft Julia Serano aber nicht etwa für das Recht auf klassische Rollenbilder, Make Up und Spitzenhöschen, sondern für die Freiheit der Gefühle unabhängig vom Geschlecht, für Männer die ungeniert weinen und ungebeten umsorgen und für Frauen die Stärke zeigen, nicht nur weil sie Angst vor ihrer eigenen Sanftheit haben.

Insgesamt öffnet „Whipping Girl“ seiner Leserin die Augen für die gravierenden Folgen der Hetzjagd auf alles weibliche, die bei Jungen schon im Grundschulalter kultiviert wird und bei Frauen dann beginnt, wenn sie sich zum Feminismus bekennen. Die traditionellen Feministinnen der zweiten Generation kommen dabei nicht immer so gut weg, aber diese Kritik muss eine Menschenrechtsbewegung von dieser Größe auch mal aushalten können. Darüber hinaus bietet dieses Buch eine ungewöhnlich erleuchtete Perspektive auf das binäre Geschlechtersystem von einer Autorin die sowohl Mann als auch Frau war und sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Reaktion auf und den Erwartungen an ihr jeweiliges Geschlecht auskennt, sondern auch am eigenen Leib erfahren hat, was die dazugehörigen Geschlechtshormone mit dem Menschen der ihnen ausgesetzt ist machen. Somit ist „Whipping Girl“ nicht nur ein Plädoyer für die Weiblichkeit, sondern auch für die Freiheit des Einzelnen seine oder ihre persönliche Wahrheit zu leben, ohne Schikane von anderen.

Whipping Girl: A transsexual woman on sexism and the scapegoating of femininity – Julia Serano – ISBN 978.1.580.05622.9

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Weiblichkeit nicht abwerten wollen.
  • …für neue Rollenbilder offen sind.
  • …sich einen inklusiveren Feminismus wünschen.

Literarische Nachbarn…

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