(Neuerscheinung) Eine Reise in die Welt der Märchen und Mythen…

„Folk“ ist eines meiner netgalley Bücher und als solches hat seine Lektüre zwar Priorität gehabt, auf eine Rezension hat es jedoch ungewöhnlich lange warten müssen. Auf dieses Buch war ich vorab übrigens schon sehr gespannt. Denn laut Klappentext enthält es die Tür zu einer anderen Welt. Und in diesen regnerischen Wintertagen ist das genau das richtige für mich als wetterfühlige Leserin…

cover120828-mediumOn a remote and unforgiving island lies a village unlike any other: Neverness. A girl is snatched by a water bull and dragged to his lair, a babe is born with a wing for an arm and children ask their fortunes of an oracle ox. While the villagers live out their own tales, enchantment always lurks, blighting and blessing in equal measure. Folk is a dark and sinuous debut circling the lives of one generation. In this world far from our time and place, the stories of the islanders interweave and overlap, their own folklore twisting fates and changing lives. A captivating, magical and haunting debut novel of breathtaking imagination, from the winner of the 2014 Costa Short Story Award.

Was im Klappentext so optimistisch als Roman bezeichnet wird, ist bei genauerer Betrachtung eine Ansammlung von minimal miteinander verwobenen Geschichten. Allesamt spielen sie im gleichen Ort mit dem Namen Neverness und während ich so von Geschichte zu Geschichte blättere fällt mir hier und da ein Name ins Auge, den ich so schon mal gelesen habe. Darüber hinaus haben die einzelnen Geschichten aber nur den etwas verschwurbelten Märchen-Stil gemeinsam, indem sie erzählt sind. Lange Rede, kurzer Sinn, schon bald nach den Beginn der Lektüre muss ich mir eingestehen, dass der Klappentext etwas verspricht, was das Buch letztlich nicht halten kann – ich freute mich vor der Lektüre also schon auf das Blaue vom Himmel und bin im nachhinein ehrlich gesagt etwas enttäuscht.

Die einleitende Geschichte erinnert mich an einschlägige Jugendbücher, wie zum Beispiel „Die Tribute von Panem“, „Maze Runner“ oder auch den vierten Band der Harry Potter Reihe, bringt aber leider keine neuen Aspekte. Insofern fühle ich mich lediglich so als wäre ich in einem literarischen Deja-Vu gefangen. Schon am Anfang der Lektüre frage ich mich, ob die Autorin vielleicht zu viele Jugendbücher gelesen hat, und leider komme ich von Geschichte zu Geschichte immer wieder darauf zurück. Denn Zoe Gilbert erfindet mit ihrem Debüt das Rad nicht neu, sondern holt es sich lediglich bei erfahreren Kolleginnen ab und rollt es ein paar Straßenzüge weiter. Das an sich ist kein Kritikpunkt, wenn mich der Klappentext nicht so hochgehypt hätte, dass ich mit der Erwartung an dieses Buch heran ging, es hätte das Potenzial mein Leben verändern.

Ab der zweiten Geschichte wird deutlich, dass es sich bei „Folk“ nicht um einen Roman handelt. Denn diese hat nicht das geringste mit ihrer Vorgängerin gemein. Ich halte kurz inne, seufze und mache mich anschließend daran mich in eine neue Figurenbesetzung einzulesen. Eigentlich lese ich gerne mal Kurzgeschichten, aber wer mir einen Roman anpreist, der muss sich auf Widerwillen einstellen, wenn er mir dann doch eine Kurzgeschichtensammlung auftischt. Nach diesem anfänglichen Stolperstein weiß ich jedoch, was mich im weiteren Verlauf der Lektüre erwartet und dieses Wissen hilft mir dabei mich darauf einzulassen. Trotzdem wird jede neue Geschichten von dem unguten Gefühl begleitet etwas vergessen zu haben, einen Namen vielleicht, den ich in einer früheren Geschichte schon einmal gelesen habe.

Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, werden zwei oder drei Geschichten später vielleicht noch einmal namentlich erwähnt; doch habe ich deshalb nicht das Gefühl es würde sich eins ins andere fügen. Im Gegenteil, ich bin enttäuscht, denn die Autorin hätte viel mehr aus diesem gemeinsamen Schauplatz machen können, ihren Leserinnen zu liebe. Stattdessen fühle ich mich als Leserin in der Welt von Neverness etwas verloren, muss jede Geschichte dazu nutzen mich erneut in die Dorfgemeinschaft einzufühlen und bin oft ganz schön frustriert wenn dass nicht gleich klappt. Denn für mich persönlich wird ein Buch erst dann so richtig gut, wenn ich mich eingelesen habe und das schaffe ich im Falle von „Folk“ einfach nicht.

Zoe Gilbert erzählt von einer Welt, die fern der unseren scheint und in der sich doch die gleichen Geschichten abspielen. Junge Liebe erblüht, Kinder werden geboren, reife Eheleute streben auseinander, das Leben eben. Ihre Protagonisten sind Kinder, Jugendliche, junge Eltern und Greise, allesamt Einwohner von Neverness, einem Ort voller Magie und Aberglaube. Vor der Lektüre hatte ich den Eindruck, „Folk“ gehöre ins Fantasy-Genre. Danach würde ich es jedoch eher dem magischen Realismus zuordnen. Das Rad erfindet Zoe Gilbert wie schon erwähnt nicht neu. Als Leserin, die sich nicht nur mit YA Kassenschlagern, sondern auch mit keltischer Folklore beschäftigt, habe ich das Gefühl ihre Geschichten schon einmal gehört zu haben. Vergebens wartete ich auf das gewisse etwas, das die Folklore von „Folk“ zu etwas einzigartigem macht. Darüber hinaus möchte ich jedoch nicht unterstellen, dass eine thematisch völlig unbeleckte Leserin sich genauso fühlen wird.

Die Welt von „Folk“ ist eine märchenhafte, dabei aber doch raue und zeitweilens unwirtliche. Zoe Gilbert meistert den Spagat zwischen Realismus und Magie. Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Fantasy, viele der märchenhaften Ereignisse, die mir im Klappentext versprochen wurden, lassen sich im Buch selbst durch natürliche Begebenheiten erklären. Über viele übernatürliche Phänomene, die sich in Neverness häufen, wie zum Beispiel den Flügelarm des Korbflechters oder den sogenannten Wasserbullen, der an stürmischen Abenden Jungfrauen raubt, wird etwas oberflächlich hinweg gegangen. Als Leserin wäre es mir lieber gewesen Zoe Gilbert hätte sich für eine Familie und deren Geschichte entschieden, anstatt ein ganzes Dorf mit Dutzenden von Einwohnern in ein derart schmales Buch zu stopfen; ohne dabei jemals den Hunger dieser Leserin nach einer vertiefenden Betrachtung zu stillen, wohlgemerkt.

Letztlich klappe ich dieses Buch etwas enttäuscht zu, die Versprechen die mir der Klappentext vor der Lektüre gemacht hat, kann das Buch leider nicht halten. Mir persönlich fehlt dabei das gewisse etwas, der Funke der auf mich überspringt, das Gefühl zwischen den Seiten von „Folk“ zwar etwas bekanntes zu finden, aber gleichzeitig auch etwas vollkommen neues zu erleben. Das wiederholte Einlesen ging mir, die sich am liebsten in eine andere Welt versetzt fühlen wollte, gehörig auf die Nerven. Immer wieder wurde ich aus der Gemeinschaft Neverness ausgebürgert und musste mühselig meinen Weg zurück finden. Die Geschichten selbst sind moderne Märchen, die aber nichts wirklich besonderes zum Genre beitragen. Zoe Gilbert hat originelle Ideen, verschenkt deren Potenzial jedoch zu oft, um mich als (im Grunde wohlwollende) Leserin vollends für sich und ihre Geschichten zu gewinnen.

Folk – Zoe Gilbert – ISBN 978.1.408.88439.3

Für Leserinnen, die…

  • …sich nach den Märchen ihrer Kindheit sehnen.
  • …ein überdurchschnittlich gutes Namensgedächtnis haben.
  • …sich nicht von Vorschusslorbeeren blenden lassen.

Literarische Nachbarinnen…

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4 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Eine Reise in die Welt der Märchen und Mythen…“

  1. Liebe Katarina,
    wie sehr habe ich dieser Rezension entgegen gefiebert. Als du „Folk“ kürzlich in deiner Sonntagsleserin erwähnt hattest, war ich Feuer und Flamme dafür und hatte überlegt, es vorzubestellen. Zum Glück habe ich das nicht getan. Wie du versprach ich mir eine märchenhafte, magische, mystische, vielleicht etwas düstere Geschichte, die mich in eine neue Welt entführt. Ich hätte das Buch also am Ende genauso enttäuscht zugeklappt wie du. Schade, dass hinter dem verlockenden Klappentext keine wirklich innovative Geschichte steckt. Und eine Sammlung von Kurzgeschichten als Roman zu verkaufen, finde ich regelrecht frech.

    Ich hoffe, du hattest zum Jahresende noch die ein oder andere Lektüre, die über diese Enttäuschung hinweg trösten konnte?!

    Liebe Grüße
    Kathrin

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    1. Das Marketing ist dreist, da muss ich dir recht geben. Aber leider auch nicht ungewöhnlich für netgalley Bücher, das merke ich gerade…

      Ich denke die Autorin hat gewaltig viel Potenzial verschenkt. Denn im Grunde ist „Neverness“ ein ganz magischer Ort, der mich an die Welt von Maggie Stiefvaters „Rot wie das Meer“ erinnert.
      Dieses „Deja Lu“ Gefühl hab ich während der Lektüre so oft gehabt. Wenig an „Folk“ ist wirklich neu, vieles hab ich schon bei anderen Fantasy Autoren gelesen, und zwar besser.

      Ich bin nach wie vor mit meinen netgalley Büchern beschäftigt, und da sind einige Nieten dabei – leider. Für das neue Jahr habe ich mir aber schon eine ausführliche und spannende Leseliste zusammen gestellt. Da freue ich mich schon sehr drauf 🙂

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      1. Schade, dass du mit den netgalley-Titeln zum Teil solche Enttäuschungen erfahren hast. Es waren so viele vielversprechende Bücher mit spannenden Ansätzen dabei… Hoffentlich überwiegen dennoch die guten Geschichten. 🙂

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